Jews by choice

marek halter schreibt in seinem buch „alles begann mit abraham“ sinngemäß, dass alle, die heute ein bewusst-jüdisches leben führen, jews-by-choice, juden aus freier wahl, sind. ich stimme dem zu. vor allem, weil diese aussagen eine tiefgreifende ehrlichkeit und respekt gegenüber den menschen zeugt, die nicht jüdisch geboren wurden, sondern erst im laufe ihres lebens den weg ins judentum gefunden haben.

ich werde den eindruck nicht los, dass „geborene juden“ häufig gegenüber juden, die einen gijur gemacht haben, eine kritische, wenn nicht sogar ablehnende haltung einnehmen und ihnen ihren weg und damit ihre leistung zum vorwurf machen. so habe ich gestern wieder von einem bekannten die klage gehört, dass in einigen synagogen mehr konvertiten „rumhängen“, als geborene juden. ja und?! es ist ja wohl nicht denen zum vorwurf zu machen, die in die synagoge kommen, dass sie kommen, sondern denen, die wegbleiben (wenn man überhaupt jemanden den vorwurf machen kann).

wie market halter so schön schreibt, es gab eine bewusste entscheidung, jüdisch zu leben. es ist eben etwas anderes, wenn man nur durch „zufall“ jüdisch ist, oder wenn man sich dafür entscheidet. man entscheidet sich dann auch dafür, in die synagoge zu gehen, an den feiertagen teilzunehmen, kashrut zu halten, sich zu engagieren.

ja, ein gesunde mischung von geborenen und gewordenen ist schon wichtig, damit beide seiten von einander lernen, aber die verantwortung hierfür können nur die geborenen übernehmen, in dem sie öfters in die synagogen kommen, bzw. sich aktiv an der integrationsarbeit beteiligen. jemand der einen gijur gemacht hat, muss lernen können, dass man (wahrscheinlich) nicht vom blitz erschlagen wird, wenn man einmal an shabbat an den see fährt (vereinfachtes beispiel). im gegenzug können gerade gewordene mit am besten vermitteln, dass „jüdisch sein“ etwas sehr positives sein kann.

am meisten ärgert mich aber, dass juden, die einen gijur gemacht haben, ihre „mangelnde“ lebenserfahrung als juden vorgeworfen wird. das ist nicht nur unfair, sondern zeugt von magelndem respekt vor den lebenserfahrungen und -leistungen dieser menschen. nein, jemand, der erst mit 30 oder 40 konvertiert, wird niemals die erfahrung machen können, was es heisst auf einem machanee (jugendfreizeit) gewesen zu sein, er oder sie hatte nie eine bat- oder bar mitzwah und so weiter. aber das bedeutet doch nicht, dass der oder diejenige vom baum gefallen ist und erst in der sekunde mit seinem eintritt ins judentum angefangen hat zu existieren. jeder einzelne hat eine biographie, die eine bereicherung für das judentum sein kann, wenn sie anerkannt wird. kein geborener wird jemals erfahren was es bedeutet, einen gijur zu machen, was es bedeutet, sich neue traditionen zu erarbeiten usw.

unsere gemeinden sind schon lange nicht mehr ein spiegelbild eines jüdischen lehrbuchs. sie leben von menschen unterschiedlichster herkunft und das macht auch ihren reichtum aus. ein ausspielen von russen gegen deutsche oder von gewordenen gegen geborene ist kontrakproduktiv und beschämend.

20 Gedanken zu „Jews by choice

  • 14. August 2007 um 11:47
    Permalink

    Wenn die Äußerung laut wird, in dieser oder jener Synagoge seien zu viele Konvertiten, dann ist das – meiner Erfahrung nach – nicht ein Vorwurf an Konvertiten, daß sie „zu oft“ in die Synagoge kommen, sondern es ist eine Äußerung des Unbehagens, daß es eine gewisse Zahl von „Neujuden“ gibt, die meinen sie müßten das Judentum neu erfinden und oft auch unangenehme Formen von Dominanz an den Tag legen.

    Interessant ist fernern, daß die Äußerung über die angeblich vielen Konvertiten häufig von Leuten fallen, die selber irgendwann konvertiert sind und
    – sich aus irgendwelchen Gründen nicht als Konvertiten definieren (denn bei ihnen war alles gaaaanz anders) oder
    – die den Fakt ihrer Konversion gern verschleiern und – was ihnen nicht bewußt ist – sich selber damit abwerten.

    Leider ist es Fakt, daß es eine ganze Reihe Konvertiten sehr schnell in „jüdische Funktionen“ zieht ohne daß sie erst einmal ein paar Jahre als ganz normale Juden gelebt haben.

    Eine „gesunde Mischung von geborenen und gewordenen ist schon wichtig“? Was wäre diese Mischung und wofür wäre sie wichtig.

    Unsere Gemeinden waren noch nie Spiegelbild irgendeines Lehrbuches. Von einem welchen denn?

    Beschämend, manchmal peinlich ist auch, wenn „Gewordene“ sich als „Geborene“ inszenieren, insbesondere wenn es um die jüdische Familienvergangenheit geht, die sie halt nicht haben. Auch das hat mit mangelndem Respekt zu tun.

  • 17. August 2007 um 13:03
    Permalink

    Ich halte den Satz jeder sei heute ein „jew-by-choice“ für missverständlich. Auf einem religiös-praktizierenden Level mag das zutreffen, daß sich an Choser-b’tschuva und ein Ger die gleiche Frage stellen, ob sie das Ei mit dem Punkt jetzt essen dürfen oder nicht… Aber dieser Level ist doch nur eine Facette des Ganzen. Meinst Du nicht, daß ein deutscher Ger und ein Mensch mit jüdischen Eltern und Großeltern doch ein paar sehr verschiedene Dinge im Leben mitbekommt?
    Abgesehen davon, daß jeder Mensch per se wertvoll ist, und jede Lebenserfahrung in irgendeiner Form bereichernd (aber dazu muß ich nicht in eine jüdische Gemeinde gehen) ist Lebenserfahrung eines, und jüdische Lebenserfahrung halt doch ein anderes.

    Ich stimme mit Juebe überein, daß das Unbehagen an Konvertiten mit dem Verhalten Einzelner zusammenhängt. In der Regel funktioniert das Zusammenleben doch recht gut. Ich würde hier also nicht generalisieren. (Ich habe allerdings noch nicht erlebt, daß das „Gemecker“ vorzugsweise von Leuten kommt, die selbst konvertiert sind. Das muß schon eine besondere Situation sein, die Juebe hier beschreibt.)

    Generell denke ich aber wie Juebe, daß es da ein Problem gibt, wo Konvertiten (meist relativ schnell) in Funktionen eintreten. Das mag, wie Du es beschreibst, daran liegen, daß die Stellen aufgrund der mangelnden Beteiligung „Geborener“ frei sein mögen ( (oder meinst Du, das könnte etwas mit der Begeisterung zu tun haben?), aber eigentlich ist auch das kein Grund. Eine gute Frage wäre hier doch, wie kann man Geborene zu mehr Beteiligung bringen, wenn diese Situation vorliegt.
    Ich finde auf jeden Fall, daß „Gewordene“ ruhig erst einmal einige Jahre, vielleicht sogar ein ganzes schönes jüdisches Leben lang einfach mal ganz gewöhnliche Gemeindemitglieder sein können.

  • 21. August 2007 um 13:32
    Permalink

    ich kenne tatsächlich die erfahrung, dass auch leute, die einen gijur gemacht haben, sich über zuviele weitere gerim aufregen und finde es recht schade. vielleicht liegt es an der nicht mehr vorhandenen sonderstellung, die man als jemand, der einen gijur absolviert hatte, inne hatte (es gibt ja durchaus auch positive stimmen, wenn jemand einen gijur gemacht hat), vielleicht liegt es daran, dass man selbst befürchtet, abgelehnt zu werden, weil alle konvertiten abgelehnt werden …

    mit jew by choice meine ich tatsächlich auch den, der regelmäßig in die synagoge kommt (und nicht nur einen baal-t’schuva), denn es ist in meinen augen schon ein positives, vor allem aber aktives bekenntnis zum jüdisch-sein in unserer heutigen zeit. ganz ehrlich, der großteil unserer gesellschaft hält uns doch für verrückt, wenn wir ihnen mitteilen, dass wir am freitag und samstag regelmäßig in die synagoge gehen, womöglich sogar noch unter der woche. ein mitleidiges lächeln ist da mit abstand die freundlichste reaktion. und diese reaktion kommt nicht nur von christen und muslimen, sondern auch von „juden“.

    und wer sich in diesem augenblick, trotzdem für ein engagement als jude entscheident, tut dies nicht einfach nur so, weil er so geboren wurde (das mag ein faktor sein), sondern aus eigener entscheidung und überzeugung heraus. ich habe einige bekannte, die dies sogar gegen den widerstand ihrer familie und freunde tun und gut und glücklich mit dieser entscheidung leben.

    die entscheidung für die synagoge ist dabei für mich nur ein beispiel. gleiches gilt auch für den jüdischen sportverein, die zionistische organisation usw. es ist viel leichter „nicht-jüdisch-zu-sein“, als umgekehrt. hinter allem steckt eine bewusste, in meinen augen positive entscheidung.

  • 21. August 2007 um 14:13
    Permalink

    zur fragestellung, ob gerim zu schnell in „ämter“ drängen oder nicht, kann ich wenig sagen, da ich diese frage für unpassend halte.

    ein ger taucht ja nicht einfach so auf und sagt, hoppla, hier bin ich und ich bin jetzt euer vorstandsmitglied, oder euer chazzan oder euer waa-auch-immer, sondern er, bzw. sie wird in dieses amt gewählt, oder er wird eingestellt. wenn ein ger sich für einen bestimmten weg entscheidet, wird er von anderen juden begleitet und unterstützt. glaubt ihr nicht, dass die gemeinden als ganzes stark genug sind, jemanden auf seinem weg bestmöglich zu begleiten (mal bremsen, mal fördern). zweifelt ihr wirklich die entscheidung von rabbinern, lehrern und vielen weiteren menschen an, die diese eine frau, oder diesen einen mann auf diese position gesetzt haben, die sie oder er jetzt begleitet.

    meiner meinung nach ist der großteil der juden, die konvertiert sind, genau so, wie ihr sie haben wollt, sie genießen ihr jüdisches leben und leben es, ohne ein besonderes amt anzustreben. nur einige werden vielleicht im laufe der jahre gebeten, die eine oder andere aufgabe innerhalb der gemeinde anzunehmen und noch weniger entscheiden sich, sich stärker zu engagieren. ich behaupte, dies liegt im normalmass. und !!! jeder fall liegt anders.

    wer konvertiert und dann aber eine funktion übernimmt, wird anders angesehen und bewertet. es gibt den schönen satz, dass eine frau mindestens das doppelte von dem leisten muss, was ein mann erbringt, um entsprechende anerkennung für ihre leistung zu erhalten. vielleicht stimmt dies auch (mit abstrichen) für gerim innerhalb des judentums. ich halte dies nicht für schlecht, dass man aufmerksamer beobachtet wird, jedoch sollte diese bewertung fair bleiben und nicht einer negativen vorverurteilung gleichkommen.

  • 24. August 2007 um 08:23
    Permalink

    Und es geht nicht darum, das Doppelte leisten zu müssen (lies noch einmal nach, dann wirst Du merken, daß es nie darum ging).
    Ich halte die Frage(n) auch keineswegs für unpassend.
    Sie sind vielleichtunangenehm, weil sie Fragen aufwerfen und verunsichern können. Ich halte sie also darum lediglich für schwierig, weil mir scheint, daß es schwer ist für Dich, darüber aufgrund Deiner eigenen Situation objektiv zu sprechen.

  • 25. August 2007 um 12:30
    Permalink

    Nach langer Abwesenheit und Frust wieder zurück – von nun an aus Jerusalem:-),

    Das Thema Konvertiten ist wie gesagt kein leichtes und ich möchte erstmal auf Adis eingehen und dann auf die Kommentare!

    Zu Adis Grundbeitrag.

    „Ich werde den eindruck nicht los, dass “geborene juden” häufig gegenüber juden, die einen gijur gemacht haben, eine kritische, wenn nicht sogar ablehnende haltung einnehmen und ihnen ihren weg und damit ihre leistung zum vorwurf machen.“

    Ich habe immer das Gegenteil empfunden, die frisch konvertierten wussten alles mehr und besser und überhaupt waren es bessere juden als die geborenen weil sie ja aus eigener entscheidung Juden wurden. Es ging so extrem dass ein Konvertit mal meinte die russischen Juden sollen nach Israel oder in Russland bleiben, hier haben sie nichts zu suchen, sind keine echten Juden.

    „so habe ich gestern wieder von einem bekannten die klage gehört, dass in einigen synagogen mehr konvertiten “rumhängen”, als geborene juden.“

    Tja das kann störend sein, weil diejenigen die kurz oder mittelfristig konvertiert sind nicht viel Ahnung haben, irgendwas jüdisches aufbauen was ihrer Fantasie entspricht und dann sowas als Judentum nach Aussen präsentieren. Und klar kommen diese Konvertiten zur Synagoge, sie wollen ja jüdisch werden, in der Kirche werden sie es nicht.
    „in die synagoge zu gehen, an den feiertagen teilzunehmen, kashrut zu halten, sich zu engagieren“

    Kann man als Nicht-Jude sehr gzut machen braucht man nicht zu konvertieren!, lieber warten und noch länger warten bis man wöllig überzeugt ist, ich finde Konversionen werden zu schnell vorgenommen, ausserdem koshere Küche und Teilnahme am Gottesdienst amchen keinen Juden aus, es bedarf mehr und mann muss da über jahre oder Jahrzehnte reinwachsen.

    „am meisten ärgert mich aber, dass juden, die einen gijur gemacht haben, ihre “mangelnde” lebenserfahrung als juden vorgeworfen wird. das ist nicht nur unfair, sondern zeugt von magelndem respekt vor den lebenserfahrungen und -leistungen dieser menschen.“

    Nu es ist doch einen tatsache, dass sie als Juden keine Erfahrungen haben, wenn du dein Leben Lang Orthopäde bist und Plötzlich von Heute auf Morgen Zähne bohren musst hast du auch keine Erfahrung es zu machen und muss es lernen. Machana, Jugendzentrum und Jugendorganisationen sind aber Identitätsbildende Einrichtungen, dort lernt man das Jüdisch Sein, das kann kein Konvertit nachlernen, das kriegt man in den Jugendjahren reingetrichtert und zeo ze.

    Zu Thema Respekt ich glaube wer neue dazu kommt in eine Gruppe, Organisation und Religionsgemeinschaft soll etwas kürzer treten und erstmal selbst Respekt erweisen und nicht nur Fordern. Und Lebenserfahrungen eines praktizierenden Christenw erden in der Jüdischen Gemeinde kaum Interesse wecken. Du verurteilst die alt eingesessenen Mitglieder ohne grund, es gibt genug Negativbeispiele mit Konvertitetn und grade deshalb sind vielleicht viele in den gemeinde von Konvertiten genervt. Es liegt an uns später die richtige Wahl zu treffen und abzuwäge ob wir die Menschen zulassen oder nicht.

    unsere gemeinden sind schon lange nicht mehr ein spiegelbild eines jüdischen lehrbuchs. sie leben von menschen unterschiedlichster herkunft und das macht auch ihren reichtum aus. ein ausspielen von russen gegen deutsche oder von gewordenen gegen geborene ist kontrakproduktiv und beschämend.

    Zu Juebe

    „Beschämend, manchmal peinlich ist auch, wenn “Gewordene” sich als “Geborene” inszenieren, insbesondere wenn es um die jüdische Familienvergangenheit geht, die sie halt nicht haben. Auch das hat mit mangelndem Respekt zu tun.“

    Kann das nur bestätigen, wenn leute anfangen zu erzählken dass die ganze Familie aus Polen geflohen ist (Naja passierte halt 1945) oder das man ein deutsche Jude in Generationen ist (aha, in der esrten generation vielleicht) und ähnliche lustige Geschichten. Mich persönlich nerven viel mehr diejenigen die Reform übertreten und dann orthodox spielen (Schwarze hüte und anzüge, Arba Kanfot, streng koschere Küche usw.) Ich weiss nicht ob ich da weinen oder lachen soll, ich glaube die gesunde Mischung aus beiden machts.

    Gerim in Wahl und Funktionsämtern.

    Naja es ist imemr unterschiedlich, in manchen liberalen Gemeinden kriegt man einfahc nur Schreckenszustände wenn man sieht was die Vorstände machen, meistens sind es auch leute die vor 2 Tagen übergetreten sind und dann das Amt einnehme, man müsste manchmal wirklich eine Sperrfrist einlegen und die Leute nicht zulassen, andereseits habe ich im Kolleg mehrer Kommilitonen, die übergetreten sind und keine Sperrfrist hatten und ziemlich schnell zum Studium zugelassen wurden und ich wüsste nicht, wie es ohne sie wäre, wenn man sie aufgehalten hätte und ihnen erstmal 5 Jahre Sperre aufgelegt hätte, das hängt immer von Fall zu Fall ab.

  • 27. August 2007 um 19:10
    Permalink

    Maronit,

    du hast recht, objektiv kann ich nicht sein – aber ich will es auch nicht. zum einen ist dies ja der sinn dieses blogges, dass ich die welt so beschreibe, wie ich sie sehe und zum anderen könnte ich auch nicht aus meiner haut. genauso wenig wie du nicht objektiv sein kannst. wir sind schließlich keine roboter 🙂

    ich versuche aber fair zu bleiben und respektiere deine/eure meinungen sehr, gerade, weil sie mir die möglichkeit geben, die welt auch ein wenig durch eure augen sehen zu können und dadurch zu lernen.

  • 28. August 2007 um 18:29
    Permalink

    Spannende Diskussion;

    „marek halter schreibt in seinem buch “alles begann mit abraham” sinngemäß, dass alle, die heute ein bewusst-jüdisches leben führen, jews-by-choice, juden aus freier wahl, sind. ich stimme dem zu. vor allem, weil diese aussagen eine tiefgreifende ehrlichkeit und respekt gegenüber den menschen zeugt, die nicht jüdisch geboren wurden, sondern erst im laufe ihres lebens den weg ins judentum gefunden haben.“

    Ich ziehe klare Definitionen vor – die von Dir als Marek Halters dargestellte (ich selbst habe das Buch nicht gelesen) verwischt meines Erachtens eine feine und wichtige Grenze.

    Ein Ger ohne jüdischen Familienhintergrund, der keine jüdische Erziehung (und Machanot, Sozialisierung als Kind im Gemeindeleben)
    hat einen anderen Zugang zum Judentum. Mir – ich bin selbst zum Judentum übergetreten – käme es wie eine Verleugnung meiner Identität vor, wenn ich mit meinem Übertritt nicht offen umginge. Meine Identität hat eine andere Prägung gehabt, die ich keineswegs missen möchte. In anderen Worten: ich bin nicht jüdisch geworden, weil ich mich vorher nicht selbst gemocht hätte. Eine andere Prägung zu haben ist für mich auch nichts negatives – ich lege darum in meinem simplen jüdischen Leben Wert auf kulturelles Wissen, jüdische Musik und auch Lokalgeschichte da, wo ich lebe (und viele andere Felder der jüdischen Kultur, die mir ja nicht von Kindheit an vertraut ist).

  • 29. August 2007 um 10:30
    Permalink

    „Mich persönlich nerven viel mehr diejenigen die Reform übertreten und dann orthodox spielen (Schwarze hüte und anzüge, Arba Kanfot, streng koschere Küche usw.) Ich weiss nicht ob ich da weinen oder lachen soll“

    Das kann ich bestätigen. Ich kenne aus der Anschauung einige solcher Leute, die ab und an in orthodoxen Zusammenhängen auftauchen (selten, denn meistens trauen sie sich nicht, weil sie wissen, daß man sie erkennt). Solche Leute sind tragikomisch.
    Ich verstehe ein solches Verhalten nicht, denn schliesslich sind sie liberal übergetreten, d.h. sie haben eine Entscheidung getroffen. Warum wird diese Entscheidung danach negiert? Es scheint, daß für diese Leute das Reformjudentum kein „richtiges“ Judentum ist. Ich stelle es mir für Reformjuden nervig vor, so etwas mit ansehen zu müssen.

  • 29. August 2007 um 11:43
    Permalink

    klar nervt es mich, wenn jemand reform übergetreten ist, und dann auf orthodox spielt, aber eigentlich nur dann, wenn es ein hin und her ist. wenn jemand sich in eine bestimmte richtung entwickelt und dies konsequent durchzieht, dann ist dagegen eigentlich nichts einzuwenden.

    ärgerlich ist es nur dann, wenn der- oder diejenige, später das reformjudentum nur in den dreck zieht und verleugnet, dass er genau über diesen weg seinen zugang ins judentum gefunden hat. es ist vergleichbar, wenn jemand auf seine eltern „spuckt“. abnabeln ist okay, aber ehre sollte bleiben.

    ein rabbiner hat mir aber mal erklärt, dass es durchaus normal ist, wenn jemand nach seinem gijur durchaus noch verschiedene jüdische lebensmodelle ausprobiert, also noch schwankt, mal rechts mal links – und in soweit gebe ich euch recht, dass jemand, der gerade einen gijur gemacht hat, noch zeit braucht, seinen weg zu finden und diese zeit sollte er sich auch nehmen.

  • 6. Dezember 2007 um 12:01
    Permalink

    > das kann störend sein, weil diejenigen
    > die kurz oder mittelfristig konvertiert sind
    > nicht viel Ahnung haben

    Wie ist es möglich, dass ein Beth Din
    jemandem einen Gijur bestätigt,
    der „nicht viel Ahnung“ hat?
    Da läuft doch was falsch.

    Das frischgebackene Gerim in Ämter
    vorstossen, ist in diesem Ausmass doch nur
    möglich, weil die meisten geborenen Juden in D
    leider weder dem orthodoxen noch dem liberalen,
    sondern dem indifferenten Judentum angehören.

    > in manchen liberalen Gemeinden …
    > meistens sind es auch leute
    > die vor 2 Tagen übergetreten sind…
    > im Kolleg mehrer Kommilitonen,
    > die übergetreten sind
    > und keine Sperrfrist hatten

    Ein wie großer Anteil der liberalen Führung in D
    besteht aus nicht-orthodox konvertierten?
    Insofern: nur konsequent.

    YM

  • 6. Dezember 2007 um 15:13
    Permalink

    > > Mich persönlich nerven viel mehr diejenigen
    > > die Reform übertreten
    > > und dann orthodox spielen

    > Das kann ich bestätigen.

    Eine mögliche Erklärung findet sich hier:
    http://www.youtube.com/watch?v=mCKZ_ZokxsM
    (Anfang bis ca 1:40)

    YM

  • 10. Dezember 2007 um 09:13
    Permalink

    @Yankel Moishe

    *LOL* – grrrreat clip!

    Eine Erklärung findet sich aber leider trotzdem nicht, denn die israelische Situation ist auf Deutschland nicht unbedingt übertragbar. Zudem war ja die Rede von Reformgerim, die zwar gerne orthodox spielen, aber doch lieber nicht orthodox leben wollen ;).

  • 11. Dezember 2007 um 10:56
    Permalink

    Hallom Matronit,

    > zwar gerne orthodox spielen, aber
    > doch lieber nicht orthodox leben wollen

    Das ist doch eine Parallele zu „Gerim“
    vor „orthodoxen“ BD, sowohl in D als auch in IL.
    Die spielen dem BD den orthodoxen vor,
    haben aber keine Absicht, langfristig
    orthodox zu leben.
    Und darauf hat der Clip ja auch angespielt
    („and when the Rabbis are not looking“…)

    YM

  • 11. Dezember 2007 um 11:20
    Permalink

    @Yankel

    Da muß ich mal die paar orthodoxen Gerim, die ICH kenne, in Schutz nehmen. Von denen spielt und spielte keiner… Es kommt wohl sehr darauf an, wie sehr Konvertiten in die Gemeinde eingebunden werden bzw. wie sehr ein Rabbiner sich um seine Kandidaten kümmert – auch nach dem Gijur.
    Ich denke aber, es macht zum Beispiel keinen Sinn, Konversionen in der Provinz durchzuführen. Dort ist ein jüdisches Leben einfach nicht möglich – und dann ist es auch kein Wunder, wenn Gerim langfristig nicht mehr orthodox leben, denn ihre Umfeld wird es auch nicht tun.

  • 16. Dezember 2007 um 19:17
    Permalink

    @Matronit:

    Ich wollte das sicher nicht verallgemeinern.
    Ich redete hier nicht über Menschen,
    die aus Überzeugung orthodox konvertieren.
    Ich spielte auf Fälle an, wo Leute
    sich an orthodoxe Rabbiner gewandt haben,
    weil sie zum Beispiel eine de-Facto Mischehe pseudo-kaschern wollten.
    Oder andere unlautere Motive.
    Und leider gibt es Rabbinate, die darauf reinfallen.

    Bzgl Konversionen in der Provinz
    gebe ich Dir völlig recht.
    Die Frage ist im Bezug auf D:
    Wo ist nicht Provinz?
    Legen wir mal die Orte
    mit minimaler jüdischer Infrastruktur
    (koschere Lebensmittel, Mikwe,
    täglicher Minjan, …) zu Grunde,
    bleibt nur sehr wenig übrig.
    Wenn man dann noch ein stabiles Umfeld
    anderer praktizierender Juden fordern möchte,
    wird es schon zappenduster.
    (vgl Diskussion bei
    http://www.sprachkasse.de/blog/2007/08/20/)

    YM

  • 16. Dezember 2007 um 22:46
    Permalink

    Nun, ich schrieb ja bereits dazu – Provinz ist in D fast überall, ein wenig weniger vielleicht in Berlin um Lauder und in Frankfurt, wobei ich mit mit F auch nicht so sicher bin. München wird schon sehr schwierig, auch wenn hier guter Wille vorhanden ist.
    Provinz ist auf jeden Fall eindeutig abseits dieser Orte.

  • 3. März 2010 um 17:03
    Permalink

    Die Debatte als solche ist zwar sehr interessant, jedoch ziemlich einseitig, da sie jüdisch sein oder Jude sein lediglich als Zugehörigkeit einer Religionsgemeinschaft definiert, und begreift.
    Die hier erwähnten „indifferenten Juden“ werden als die schlechteren Juden dargestellt und genau das ist die Krux an der Sache. Die Mehrheit der Juden hierzulande definiert sich nicht über Religion als Jude, sondern als ethnisch-kulturelle Minderheit(ich zähle mich auch dazu). Wir haben eine jüdische Familiengeschichte, haben meist ein vom Holocaust geprägtes Familienschicksal erlitten und verspüren vielleicht noch sowas wie eine Art Sentimenthalität zu den Traditionen unsrer Großeltern/Urgroßeltern etc….
    Wenn wir keine religiösen Empfindungen haben, brauchen wir uns nicht über Kashruth oder das Einhalten von Shabbat als Juden zu definieren, wir sind es einfach!!!
    Eine Jüdische Identität ist also nicht besser oder schlechter wenn sie religiös oder sekular ist. Alles was ein Jude als seine Identität begreift, ist eine jüdische Identität!
    Jetzt kommt die Situation, die wir geborenen Juden als relativ skurril empfinden. Da kommen Leute in unsere Gemeinschaft, die diese familiären Bindungen zum Judentum nicht haben und es reicht ihnen nicht aus vorzugeben „Sie“ seien „Wir“ sondern sie geben auch noch vor die „besseren Juden “ zu sein, da sie ja öfter in die Synagoge gehen.
    Es wirkt schon oft etwas lächerlich, wenn man Leute beobachtet, die seit einer Woche den Giur beendet haben, anfangen zu jiddeln und während des Gebetes wilder hin und her wippen als die Breslau-Chassiden. Sprich Sitten und Gebräuche annehmen, die wir im Zuge der Assimilation vor 5 Generationen abgelegt haben, weil sie es für „Judentum“ halten.
    Ich möchte nicht falsch verstanden werden, ich habe nichts gegen Konvertiten im Allgemeinen, ich kenne sogar Leute die durchaus eine Bereicherung für die jüdische Gemeinschaft darstellen. In sehr vielen Fällen jedoch, gerade in Reformgemeinden, sind mir Konvertiten begegnet, die mir eher grenzdebil erschienen. Einer hatte mir eine herzzerreißende post-Holocaust Familiengeschichte aufs Brot geschmiert, zwei Tage später hab ich erfahren, das er übergetreten ist.Da besteht meiner Meinung nach die Motivation für den Übertritt im Wunsch nach Aufmerksamkeit, die man als Jude in Deutschland gerne bekommt. Wir Geborenen möchten sie aber meistens garnicht haben. Andere Leute hab ich kennengelernt, die ich mal als „Religionsnormaden“ beschreiben möchte. Waren vorher Buddhisten, dann in irgendeiner Freikirche aktiv und dann haben sie sich fürs Judentum entschieden, weil sie festgestellt haben, das sie „jüdische Wurzeln“ haben.(ich hab auch holländische Wurzeln und pflanze trotzdem keine Tulpen)Ich könnte jetzt ein Buch mit Geschichten dieser Art füllen. Aber einen wichtigen Aspekt möchte ich abschließend noch anführen. Sekulare Juden können religiöse Empfindungen nicht wirklich nachvollziehen, somit sind ihnen religiös motivierte Menschen perse suspekt und sie können es nur schwer nachvollziehen was jemand dazu treibt zum Judentum zu konvertieren. Das mag vielleicht öfter eine ablehnende Haltung gegenüber Konvertiten mit sich ziehen, da man sie als „komische Frömmler“ ansieht.

  • 3. März 2010 um 21:23
    Permalink

    Lieber Bokmanlejuif,

    ich mag die antwort, da sie tatsächlich eine wesentliche schwachstelle in der diskussion aufgreift. die diskussion fand vor zwei jahren statt und zum teil habe ich durch mein studium einige wichtige zusätzliche erfahrungen sammeln können in richtung eines mehr aufgefächerten judentums.

    natürlich argumentiere ich aus der sicht eines religiösen menschens heraus. mir ist aber auch bewusst, dass man sehr wohl jüdisch sein kann und nicht an G’tt glaubt. in meinem ausgangsartikel habe ich versucht das herauszustellen, in dem ich auch auf nicht-religiöse aktivitäten hingewiesen habe, auf die zionistische organisation, auf maccabi, wizo uvm.

    ich finde es vollkommen in ordnung, wenn frauen und männer regelmäßig im gemeindezentrum zusammenkommen und kuchen essen und einfach nur über die familie reden, schach spielen oder über bücher sprechen. jüdisch vielfallt wird auch durch diese aktivitäten bereichert.

    worauf es mir ankommt, ist dass auch dies ein bewusster entscheidungsakt „für das judentum“ ist. wenn eine gruppe jugendlicher einmal im monat zusammen kommt um als gruppe „jüdischer jugendlicher“ in die disco zu gehen, hat das eine andere qualität, als wenn sie mit ihrer schulklasse in die disco gehen.

    mir sind diese aktivitäten sogar sehr wichtig, weil sie die jüdische identität stärken.

    wenn ich also überhaupt unterscheiden müsste, dann zwischen denjenigen, die sich aktiv an einem jüdischen leben beteiligen und denen, die passiv bleiben.

  • 13. Juli 2018 um 17:16
    Permalink

    Wie man hier in den Kommentaren lesen kann, gibt es ein riesiges Problem in meisten jüdischen Gemeinden: nämlich Rassismus gegenüber Konvertiten.
    Warum kommen Konvertiten öfter in die Synagoge als die geborenen Juden? Weil sie Judentum gewählt haben, weil sie so viel gelitten haben, um Juden sein zu dürfen. Warum haben sie Judentum gewählt, warum haben sie es gewählt, zu leiden? Weil sie Judentum lieben. So ist es in anderen Religionen auch. Christliche Konvertiten gehen öfter in die Kirche als geborene Christen. Konvertierte Muslime gehen öfter in die Moschee als geborene Muslime. Warum empfinden geborene Juden dieses ganz normales und verständliches Phänomen als störend und schlecht? Weil sie nicht nur das jüdische Weltbild als Kinder gelernt haben, sondern auch den Rassismus gegenüber Konvertiten.
    Das gleiche gilt auch für die Ämter und Prominenz: wer sich für die Religion interessiert, will so was machen. Und Konvertiten in allen Religionen interessieren sich mehr für die Religion.
    Jemand schlägt vor, dass Konvertiten ein Paar Jahren warten sollen, bevor sie eine prominente Rolle einnehmen. Gut, aber das soll auch für die geborenen Juden so sein, die nicht jüdisch erzogen wurden. So lche geborenen Juden gibt es nämlich viele.
    Es gibt unterschiedliche jüdische Familien, unterschiedliche jüdische Familiengeschichten. Was haben ein deutscher Jude, dessen Vorfahren den Holocaust überlebt haben, aber selbst hat er sich über Judentum informiert als er 25 war, und ein jemenitischer Jude, der streng religiös in Jemen gelebt hat und vor ein Paar Jahren Alija gemacht hat, gemeinsam? Familie? Machane? Sozialisation? Geschichte? Kultur?
    Jemand hat vorgeschlagen, dass Konvertiten ein ganzes jüdisches Leben führen sollen, ohne Prominenz oder Ämter. In anderen Worten: Wenn du kein jüdisches Blut hast, sollst du nicht dieselben Rechte haben wie die jüdischblutigen, sollst dein ganzes Leben lang unterdrückt und diskriminiert worden, nur weil du kein jüdisches Blut hast. Versteht ihr nicht, dass auch ein Konvertit nur ein Leben hat, nicht irgendwie zwei oder drei? Egal was für ein Mensch du bist, wie du denkst, was für Eigenschaften du hast, alles egal. Wenn du kein jüdisches Blut hast, sollst du deinen Kopf senken und deinen Mund halten. Schön. Du Rassist, soll man auch für die Konvertiten eigene Synagogen gründen? Für die Konvertitenkinder eigene Schulen? Dann hätten bestimmt keine Konvertiten Macht oder Einfluss auf die geborenen Juden. Anstatt immer die Motivationen der Konvertiten misstrauisch zu betrachten, sollten sich geborene Juden fragen, warum sie psychologisch so viel Angst und Hass gegenüber die Juden haben, die kein jüdisches Blut haben. Wie die jüdische Kinder auf diese Welt ohne jüdische Erfahrungen oder Lebensgeschichte kommen, aber dennoch es schaffen, gute Juden zu werden, kann auch ein Konvertit genauso es tun.
    Warum erfinden Konvertiten Geschichten über eine jüdische Familie oder verschleiern ihre Herkunft? Mit so viel Rassismus gegenüber Konvertiten, wer will denn öffentlich Konvertit sein? Dass Konvertiten sich verleugnen ist ein Symptom des Rassismus, nicht ein Grund dafür. Auch in den USA, als man die Afroamerikaner häftig diskriminiert und gehasst hat, wollten alle hellhäutige Afroamerikaner neue Familiengeschichten erfinden, sie wollten den Rassismus fliehen und haben oft auch sich selbst gehasst. Genauso wie die heutigen selbsthassenden Konvertiten, die den Rassismus verinnerlichert haben (ironisch: weil sie so jüdisch geworden sind)

    Schämt euch, ihr Rassisten.
    (Für die sekulären, ethnischen Juden, die an das Blut-Judentum glauben: du bist jüdisch, wenn deine Mutter jüdisch ist, weil das jüdische Religionsgesetz, die Tora so sagt. Wenn du also an die Tora nicht glaubst, gibt es keinen Grund, warum nur eine jüdische Mutter (und nicht ein jüdischer Vater, Großvater, Tante, Nachbar oder ein jüdischer Blumentopf) dich jüdisch macht. Jude zu sein ohne Tora und ohne Halacha ist ein Widerspruch in sich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.