Paraschat Vayigash – Gutes aus Bösem?

Kommenden Shabbat lesen wir den Abschnitt Vayigash (Gen. 44:18-47:27) in der Torah und neben der fröhlichen Wiedervereinigung der Familie Ja’akovs gibt es auch einen denkwürdigen Punkt, den ich zum Abschluss meiner kleinen Drasha als Frage – auch an Euch – formulieren möchte: kann Gutes aus Bösem entstehen?

Ich möchte zunächst mit einem Rückblick auf die Geschichte beginnen, die vor dem Abschnitt dieser Woche stattgefunden hat: Ja’akov, der letzte unsere Erzväter hat 12 Söhne von verschieden Frauen. Zwei seiner Söhne, Joseph und Benjamin sind von seiner geliebten Ehefrau Rachel. Daher bevorzugt er die beiden vor den anderen Söhnen, was zu großer Eifersucht unter den Söhnen führt. Eines Tages verkaufen die 10 anderen Brüder Joseph als Sklaven und sagen dem Vater, dass dieser von einem wilden Tier getötet worden sei. Über Joseph ruht jedoch die schützende Hand G’ttes und so kommt es, dass er eines Tages gerufen wird, um zwei Träume von Pharao zu deuten, in denen er von 7 fetten und 7 mageren Kühen geträumt hat. Joseph erkennt, dass nach 7 sehr fruchtbaren Jahren eine schwere Hungersnot in Ägypten herrschen wird und dass die Menschen hierfür vorsorge treffen müssen. Pharao glaubt ihm und macht ihm zum Vizekönig. Die Hungersnot, die Joseph in den Träumen des Pharaos gesehen hat ist tatsächlich eingetroffen und zwar nicht nur in Ägypten, sondern auch in Kana’an – dem Nachbarland, in dem die Israeliten leben.

Ja’akov schickt seine Söhne, zuerst ohne Benjamin, bei einer zweiten Reise mit ihm, an den Hof des Pharaos, um Lebensmittel zu kaufen. Dabei verhandeln die Brüder direkt mit Joseph, dem „Vizekönig“, den sie aber nicht erkennen.  Er muss wohl inzwischen sehr wie ein Ägypter ausgesehen haben, und sprach er mit ihnen nicht in ihrer eigenen Sprache. Joseph schickt nach dem zweiten Besuch die Brüder aber nicht nur mit den Lebensmitteln nach Hause, sondern lässt in das Gepäck seines jüngsten Bruders Benjamin noch einen goldenen Becher verstecken. Kaum sind seine Brüder unterwegs, werden sie von Soldaten gestoppt und man findet den Becher in Benjamins Tasche. Die Brüder stehen erneut vor Joseph, diesmal aber nicht als Kaufleute, sondern als Angeklagte. Josephs Urteil lautet, dass alle die Freiheit erhalten, jedoch Benjamin als Sklave in Ägypten bleiben muss.

Der Wochenabschnitt von diesem Shabbat nimmt den Erzählfaden an der dramatischten Stelle wieder auf. Das Entsetzen bei den Brüdern muss nach dem Urteil groß gewesen sein. Sie hatten Ja’akov versprochen, dass sie Benjamin sicher wieder nach Hause bringen. Ja’akov hatte große Angst um Benjamin. Er war schließlich der einzige Sohn, den er noch von Rachel hatte. Und genau dies bedeutete das Urteil von Joseph.

Juda der Sprecher der Söhne, ergreift das Wort und hält eine Verteidigungsrede für Benjamin. Er bietet an, selbst anstelle Benjamins als Sklave in Ägypten zu dienen, um das Versprechen gegenüber seinem Vater nicht brechen zu müssen, nämlich, dass Benjamin sicher zurückkehrt. Er bittet darum, dass sein Vater nicht noch einmal den Tod eines geliebten Sohnes erleiden müsse. Jetzt passiert etwas unerwartetes. Joseph schickt alle Anwesenden aus dem Saal und gibt sich seinen Brüdern zu erkennen. „Ich bin Joseph!, wie geht es meinem Vater?“ – „Ich bin euer Bruder Joseph“. Und er verzeiht ihnen, dass sie ihn nach Ägypten verkauft haben, denn er erkennt darin einen Plan Gottes, das Volk Israel vor Hunger und Leid zu bewahren. Die Geschichte endet damit, dass Pharao die ganze Familie von Ja’akov nach Ägypten einlädt um sich dort niederzulassen, während Joseph weiter als Vizekönig Ägypten verwaltet und sicher durch die Hungersnot geleitet.

Warum handelt Joseph so komisch? Warum versteckt sich Joseph so lange vor seiner Familie? Immerhin ist er zu dem Zeitpunkt schon 9 Jahre Vizekönig in Ägypten, er hätte also schon längst eine Karawane lossenden können um zu schauen wie es seinem Vater geht? Ich bin mir sicher, Pharao hätte ihm 14 Tage Urlaub genehmigt, für dringende Familienangelegenheiten.

Eine Antwort darauf lautet, dass Joseph angst vor seinen Brüdern hatte. Sie hatten ihn schon einmal aus Eiversucht fast umgebracht und das „nur“, weil er ein Träumer war und der Vater ihn besonders liebte. Wie würden sie wohl reagieren, wenn sie erfahren, dass er Vizekönig ist, Herr über Leben und Tod? Mit dem Versteckspiel testet Joseph seine Brüder. Er beobachtet was sie tun und wie sie zueinander stehen. Erst als er durch die Worte Judas erfährt, dass sie sich schuldig fühlen, für das, was sie mit ihm gemacht haben, dass sie sich sorgen um das Wohlergehens ihres Vaters machen und Juda sich schützend vor seinen kleinen Bruder Benjamin stellt, weiß Joseph, dass sie sich verändert haben. Ihre Sünden erkannt und bereut haben – Teshuva gemacht haben.

Aber, in dieser ganzen „Theaterinszenierung“ steckt nicht nur die Suche nach der Aufrichtigkeit seiner Brüder, sondern auch eine besondere Menschlichkeit, die Joseph gegenüber seinen Brüdern zeigt. Er verhindert, dass sie ihr Gesicht verlieren. Niemand erfährt von ihrem eigentlichen Vergehen. Nicht die Ägypter, die sonst wohl kaum erlaubt hätten, dass die Familie im Land Goshen siedelt – wer seinen Bruder in die Sklaverei verkauft, wird wohl kaum ehrlich gegenüber seinem Nachbarn sein – und auch nicht der Vater.

Nehama Leibowitz , eine moderne Torah Kommentatorin argumentiert, dass Joseph die Aussöhnung zwischen ihnen möglich gemacht hat, weil er eine neue Erklärung für das, was zwischen den Brüdern passiert ist angeboten hat. Es waren nicht die Brüder, sondern G’tt, der den Weg bestimmt hat. Gutes ist aus Bösem entstanden. Die Betrachtung der Ereignisse aus einer größeren Perspektive half, die Schuld des einzelnen zu überwinden und sogar ihr Leben zu retten.

Zugegeben, bei der letzten These knarrt es doch etwas. Drei mal wiederholt Joseph in der „Offenbarungsszene“, dass G’tt diesen Weg vorgegeben hat, aber warum diesen Weg? Warum musste Joseph im Gefängnis leiden? Warum musste Ja’akov fast sein ganzes Leben um seinen Sohn trauern? Damit das Volk vor einer Hungesnot bewahrt wird? Ich stimme Leibowitz zu, dass es oft notwendig ist, einen Schritt zurück zu gehen, um die Gesamtheit einer Situation zu erfassen, gerade, wenn wir verletzt worden sind und es darum geht, jemanden anderen zu verzeihen. Aber wie seine Brüder, nehme auch ich Joseph die Vergebung nicht so ganz ab (nach dem Tod des Vaters befürchten die Brüder, dass sich Joseph nun rächen würde). Mir scheint es so, dass Joseph zu diesem Zeitpunkt noch nicht 100% so weit war, seinen Brüdern zu verzeihen, aber sein Wunsch, die Wunden zu heilen größer war und er daher G’tt mit ins Spiel bringt. Es gibt den Ausdruck „B’esrat HaShem – Mit der Hilfe G’ttes“. Manchmal ziehen wir Kraft alleine daraus, dass wir uns auf G’tt berufen und so deute ich Josephs Erklärungen. Es ist in meinen Augen also nicht so, dass G’tt Joseph Böses hat erleiden lassen, damit später das Volk Israel Gutes erfährt, sonder Menschen haben böse gehandelt und den Mensch Joseph ist bereit, dieses Böse zu überwinden, mit G’ttes Hilfe.

4 Gedanken zu „Paraschat Vayigash – Gutes aus Bösem?

  • 16. Dezember 2007 um 11:32
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    Hi Adi,

    mich bewegt diese Geschichte auch. Mir scheint nicht, dass Josef Angst vor seinen Bruedern haben musste. Als Vize-Pharao muss er viel zu gut beschuetzt gewesen sein, als dass einfache Hirten ueberhaupt eine Chance hatten, zu ihm vorgelassen zu werden, geschweige ihn denn haetten ermorden koennen.

    Ich denke manchmal, dass Josef auch seinem Vater grollte und ueberhaupt versuchte, sich selbst unabhaengig von seiner Herkunftsfamilie neu zu erfinden. Daher hatte er nie den Versuch gemacht, sie zu kontaktieren.

    Doch, ich glaube schon, dass auch aus boesen Handlungen Gutes entstehen kann. The law of unintended consequences ist unabhaengig von der moralischen Bewertung. Nur ist das goettliches Perogativ: Kein Mensch darf sich anmassen, dass der Zweck die Mittel heilige.

  • 19. Dezember 2007 um 20:49
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    Schalom Adi, Du fragst ua: Warum musste Joseph im Gefängnis leiden? Ich glaube, das diente zu seiner Reifung. Als seine Brüder ihn nach Ägypten verkauften, war er doch ein verwöhnter, egozentrischer Junge, mit gutem Kern und grossen Anlagen zwar, aber … Durch die schwere Zeit hat Gott ihn geformt, wie ein Diamantenschleifer aus einem Rohdiamanten die vielen Facetten und die funkelnde Schönheit herausholt.

    Ich kaufe dir nicht ab, dass Josef Angst vor seinen Brüdern hatte. Sein Versteckspiel den Brüdern gegenüber konnte andere Gründe haben:
    – Er wollte sie auf die Probe stellen, herausfinden, ob auch sie in dieser langen Zeit etwas dazu gelernt hatten,
    und/oder
    – Ihr Auftreten hatte ihm seine „Doppelidentität“ als Sohn Yaakovs und Bruder dieser Männer einerseits und als Vizekönig von Ägypten anderseits (wieder?) bewusst gemacht, und er brauchte Zeit, um sich einem möglichen „Clash der Identitäten“ stellen zu können. Wer war er?

    Die Brüder hatten aber Angst vor Josef, denn sein Benehmen weckte in ihnen die Erinnerung an ihre Verfehlungen gegen ihn und ihren Vater. Ihr schlechtes Gewissen löste in ihnen die Teschuva aus (Bis jetzt hatten sie wohl ihr Leben ruhig weiter geführt, sie waren ja nicht aus der Bahn geworfen worden wie Josef)

    Auch ich glaube, dass aus Bösem Gutes erwachsen kann, wie umgekehrt gut gemeinte Handlungen böse Folgen haben können.Manchmal kommt uns auch etwas als böse vor, weil wir nicht „hinter die Bühne sehen“ können.

  • 20. Dezember 2007 um 14:33
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    danke für eure rückmeldungen.

    josef ist tatsächlich eine sehr interessante persönlichkeit. für mich ist er eines der wichtigsten „role-models“ im tana“ch. (vielleicht fehlt mir deshalb ab und an eine gewisse „kritische distanz“ :-))

    zustimmung in dem punkt, dass er die zeit brauchte, um sich zu entwickeln vom egositen zum zadik, aber auch um seine eigene identität reifen zu lassen, weg von dem, was andere aus ihm gemacht haben. eine quelle (sorry, ich weiss momentan leider nicht welche) spricht davon, dass sein vater ihn nach dem tod von rachel zu einer art zweiten rachel machen wollte (daher das bunte kleid).

    die lange zeit in der fremde war also der notwendige abnablungsprozess, den jeder von uns gehen muss/sollte. (ob joseph seinem vater grollte, wie beersheva schrieb, weiss ich nicht, aber ich kann es mir gut vorstellen …).

    zwei kleine anmerkungen, die ich in den shijurim die letzten tage gelehrnt habe:

    – im koran, sure 12, wird die josephs geschichte auch beschrieben. hier ist jedoch joseph perfekt, gleich einem engel. er vollzieht nicht wie in unserer tradition eine entwicklung.

    – die zeitspanne, in der joseph von seinem vater versorgt/aufgezogen wird ist gleichlang wie die zeitspanne, die ja’akov in mizraim lebt (bis zu seinem tod: 17 jahre. ja’akov „öffnet“ die augen seines sohnes, sein sohn schließt seine augen.

  • 26. Dezember 2007 um 16:57
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    Ich finde diesen Gedankenaustausch um die Parascha äusserst anregend, es gibt immer wieder neue Gesichtspunkte. Leider erlaubt mir die Zeit nicht, die Fäden weiter zu spinnen. nur zwei Punkte:

    1) „eine quelle (sorry, ich weiss momentan leider nicht welche) spricht davon, dass sein vater ihn nach dem tod von rachel zu einer art zweiten rachel machen wollte (daher das bunte kleid).-“ das kommt in Thoma Manns „Der junge Joseph“ vor. Woher Mann es hat, weiss ich allerdings auch nicht. Ist es Eigengewächs, oder hat er es übernommen? Er hat ja für die ganze Tetralogie unheimlich gründliche Quellenstudien betrieben…

    2) Auch Jehuda ist ein interessanter Charakter. Vielleicht gehst du nächstes Jahr, wenn die Parascha wieder fällig ist, seiner Rolle und Entwicklung nach?

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