Antisemitische Horrorshow

so bezeichnete eldad beck gestern abend auf einem treffen der jüdischen sozialdemokraten die vorkommnisse auf der „Third Transatlantic Conference“ (24. – 25. Juni 2008 ) in berlin.

ich gebe zu, dass ich davon bisher nichts mitbekommen habe und jetzt, einen monat danach, mich darüber aufzuregen, wirkt schon ein bisschen seltsam. aber vielleicht sind die reaktionen auf das ganze in den letzten vier wochen, bzw. die fehlenden reaktionen hierzu ein noch viel größerer grund, mehr als nur verwundert den kopf zu schütteln. aber der reihe nach:

an besagtem wochenende vor 4 wochen fand in berlin, in der hessischen landesvertretung und damit unweit des mahnmals für die ermordeten juden in europa, eine internationale konferenz der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung zum thema raketenabwehr statt. finanziert durch eine bunte truppe namhafter politischer, bzw. gesellschaftspolitisch relevanter gruppen: bund (d.h. steuermittel), außenministerium (steuermittel), friedrich-ebert-stiftung (spd-nah) und EKD (evangelische kirche in deutschland).

dies wäre kein grund sich aufzuregen. dieses bündnis finanziert des öfteren veranstaltungen gemeinsam und es spricht nun wirklich nichts dagegen, politisch brisante themen zu diskutieren. raketenabwehr-pläne gehören mit sicherheit dazu. aber wer geld ausgibt, sollte darauf achten, dass dies verantwortungsvoll geschieht und spätestens bei einem der geladenen gäste hätten sämtliche alarmglocken schrillen müssen:

geladen war der früheren stellvertretenden iranischen außenministers Mohammed Dschawad Ardaschir Laridschani, der sich bereits mehrfach durch antisemitische stellungnahmen und mit zustimmenden äußerungen zu menschenverachtenden strafen wie steinigung hervorgetan hat. das seine äußerungen nun so gar nicht mit den grundwerten der bundesrepublik, der spd/fes und der ekd übereinstimmen scheint den funktionären wohl nicht aufgefallen zu sein. in zeiten, wo ein einfacher blick ins internet die biographie des werten herren enthüllt, kann sich kein verantwortlicher hinter mangelhaften recherchen eines referenten verstecken. die entscheidung ist bewusst so getroffen worden.

entsprechend war die veranstaltung – nach dem bericht von eldad beck – auch von beginn an, durch eine anti-israelische grundstimmung geprägt:

The conference, which was aimed at discussing anti-missile defense systems, quickly turned into a wild anti-Israel event with commentary from Syrian, Lebanese and Saudi Arabian speakers attacking Israel. (quelle)

inwieweit kritik an israel etwas mit geplanten rakentenabwehrschilden in europa etwas zu tun hat, ist mir zwar nicht logisch, aber vielleicht lautet der schlüssel ja anti-amerikanismus. und da amerika ja von juden gesteuert wird …

und genau dies führt dazu, dass die veranstaltung eindeutig als antisemitschen hetzkampagne klassifiziert werden muss. nach einer eu-definition was antisemitismus sei, erfüllte die rede laridschanis alleine 4 kriterien:

  • vergleich holocaust mit gaza
  • leugnung des holocausts
  • israel regiert die welt (warum wollen die amerikaner sonst einen schutzschild gegen die arabischen staaten)

und den höhepunkt bildete sein aufruf, israel von der landkarte zu tilgen:

  • das projekt israel ist gescheitert: „We think that Israel represents a plan to create a Jewish State in the heart of the Muslim world and that this Zionist plan has failed terribly and only caused horrible damages.“ (quelle)

frustrierend empfand eldad beck die reaktionen des publikums auf diese äußerungen: eine reaktion der akzeptanz. ganz nebenbei sei bemerkt, dass die konferenzleitung es untersagt hat, fragen zu stellen, die nichts mit dem konferenzthema zu tun haben (also nichts mit raketenabwehr) und somit von vornherein die diffamierung von juden und israels unkommentiert stehen lassen wollte.

Organisator Bernd Kubbig ahnte offenbar, welches Unheil er sich ins Haus geholt hatte und bat nach Laridschanis Rede darum, Nachfragen nur zum Thema der Konferenz zu stellen. Als Journalisten der israelischen Tageszeitungen „Yedioth Ahronoth“ und „Haaretz“ insistierten, legte Laridschani nach: Die Leugnung des Holocaust in der muslimischen Welt habe nichts mit Antisemitismus zu tun. Zudem habe Präsident Mahmud Ahmadinedschad niemals den Holocaust geleugnet.
Auf die Frage, ob er die Ermordung von sechs Millionen Juden als geschichtlichen Fakt akzeptiere, antwortete Laridschani, jeder unschuldige tote Jude sei so bedauerlich wie ein toter Palästinenser. Der Holocaust dürfe aber nicht Begründung für einen „neuen Holocaust“ sein – wie es derzeit im Gazastreifen geschehe. Darüber hinaus dirigiere Israel die internationale „Kampagne“ gegen den Iran. (quelle: FTD.de)

von der in der presseerklärung des veranstalters HSFK veröffentlichten teilhabe an geäußerter kritik, kann man eigentlich nicht sprechen, sonst hätte man spätestens nach seinem ersten redebeitrag erwarten können, dass seinem microphon der saft abgedreht worden wäre, oder?:

So wurden die anti-israelischen Ausführungen von Herrn Laridschani, der einer von mehr als dreißig Sprechern auf der Konferenz war, von deutschen und israelischen Gästen aus dem Publikum scharf kritisiert und zurückgewiesen. Die HSFK teilt diese Kritik. (quelle)

zuvor lautet es in der gleichen presseerklärung:

Konferenzen dieser Art stellen eine Aktivität des Nicht-Regierungssektors dar, die „Second Track“ genannt wird und allgemein üblich ist: Eine unabhängige Organisation stellt ein Diskussionsforum zur Verfügung, auf dem Politiker und Experten ohne die Einschränkungen des diplomatischen Verkehrs Positionen austauschen können – durchaus auch kontrovers. Solche Veranstaltungen dienen dazu, Möglichkeiten der Verständigung zwischen verfeindeten Parteien auszuloten; auch die überwiegende Zahl der Teilnehmer dieser Konferenz hat sich dieser Aufgabe gewidmet. Weil sie riskant, aber sinnvoll sind, unterstützen Regierungen solche Treffen oft, ohne Verantwortung für ihren Ablauf zu übernehmen.

das bedeutet, dass rassisten, menschenrechtsverletzer und ab und an auch mal holocaustleugner uneingeschränkt ein forum bekommen um ihre positionen kund zu tun? menschenwürde endet wohl dort, wo gutmenschen experimentieren wollen. noch einmal, die position laridschanis war bekannt. es braucht keine solche konferenz um sich das bestätigen zu lassen. es gibt meines wissens in deutschland eine basis unter politsch verantwortlichen, extremisten kein forum zu bieten. und das dafür staatliche gelder geflossen sind, ist dabei eher nebensächlich, aber nicht unbedeutend.

ob es nun ein skandal im skandal ist, dass darüber in deutschland so gut wie nicht berichtet wurde will ich im moment nicht beurteilen, aber die deutsche medienwelt war sich wohl einig, die vorkommnisse in der hessischen landesvertretung zu ignorieren. lediglich in der welt und der ftd war ein bericht zu finden. (beide artikel empfehle ich für weitere hintergrundinformationen zu lesen). das aber von seiten der sponsoren keine eindeutigen verurteilungen veröffentlicht wurden, hinterläßt schon einen wirklich schaalen beigeschmack.

hier einige weitere links zum thema:

  • bericht von eldad beck:[KLICK]
  • ausführlicher bericht in der welt online: [KLICK]
  • und in der FTD: [KLICK]
  • artikel in der jerusalem post: [KLICK]
  • pressemitteilung der HSFK: [KLICK]
  • pressemitteilung des zentralrates der juden in deutschland: [KLICK]
  • artikel auf hagalil.com [KLICK]
  • auf der internetseite des mideast freedom forum berlin [KLICK]
  • im newsletter der israelischen botschaft: [KLICK]
  • und zum abschluss noch eine zusammenfassung auf honestly concerned: [KLICK]
  • auf den seiten der TAZ konnte ich dagegen nichts finden. wie es dazu wohl kommt?

[Eldad Beck – Der Deutschlandkorrespondent der größten israelischen Tageszeitung „Yedioth Ahronot“ stammt aus Haifa. An der Pariser Sorbonne studierte der Israeli Arabisch und Islamwissenschaften. Seit 1994 lebt er in Berlin.]

2 Gedanken zu „Antisemitische Horrorshow

  • 24. Juli 2008 um 21:31
    Permalink

    jaja, so ist das halt, wenn man sich auf den Veranstaltungen von Sozialdemokraten und Grünen aufhält. Vielleicht bin ich zynisch, aber der Konsens, daß in Deutschland extreme Positionen im öffentlichen Raum keinen Platz mehr hätten, wird immer wieder unterlaufen. 2006 war ich auf einer Konferenz der Böll-Stiftung in Berlin, wo es um die arabischen Staaten des Nahen Ostens gehen sollte, damit auch um „Palästina“, daß es ja damals genausowenig gab wie heute. Es sei zugegeben – man muß auch über Palästina reden. Aber wie soll das zum heutigen Zeitpunkt gehen, wenn man keine israelischen Vertreter lädt sondern letztlich lediglich Hamas- und Fatah-Vertretern die Gelegenheit gibt, sich gegenseitig zu beschuldigen? Für mich war diese Konferenz bezeichnend und lehrreich gleichermaßen; ich hatte zwar nicht den Eindruck, man wolle die Existenz Israels ausblenden, aber doch den, daß man einer ernsthaften Diskussion der Frage lieber aus dem Wege ging und lieber einen abwesenden Sündenbock für eine Geisterdebatte schuf als der unangenehmen Frage ein Podium zu bieten, ob es nicht in der Hand arabischer Vertreter läge, ihr Volk besser zu vertreten, gegen Terror vorzugehen und in Israel einen Partner – und nicht länger den auszurottenden Todfeind zu sehen. Bezeichnend war auch die Reaktion des Fachpublikums – im Anschluß wurde zwar allerhand Unwillen geäußert, aber während der Podiumsdiskussion schwieg es im Walde…
    Unabhängig davon müssen wir uns aber vielleicht auch eingestehen, daß der oben angesprochene Konsens wahrscheinlich nie existiert hat. Die „Judenfrage“ ist in Deutschland immer ein Thema gewesen, wie in allen Ländern, in denen Juden eine Minderheit bilden, auch. Wie sollte es auch anders sein, wenn ein Drittel der Bevölkerung Vorurteile gegen Juden hegt und zugleich solche Vorurteile dank einer größeren und selbstbewußteren jüdischen Öffentlichkeit auch häufiger thematisiert werden (ich glaube allerdings nicht, daß der Antisemitismus zunimmt oder gar, daß es einen „neuen“ Antisemitismus gibt). Das betrifft nicht nur die extreme Rechte, wie wir alle wissen, die Entdeckung, daß die Mitte der Gesellschaft betroffen ist, sollte keinen überraschen in einem Land, wo das Wort der „Judensau“ auch in CDU-Kreisen noch ein gebräuchliches Schimpfwort für politisch Mißliebige ist oder Linke, aus humanitären Sorgen heraus, die an sich sogar berechtigt sein mögen, jedes Maß und jedes Verständnis verlieren und so ebenfalls antisemitische Argumentationen übernehmen.

  • 25. Juli 2008 um 11:29
    Permalink

    Jan,
    danke für Deine Kommentare. Ich stimme Dir zu, dass der Bodensatz an Antisemitismus natürlich auch in Deutschland vorhanden ist. Leider. Umso erschreckender ist es dann, wenn politisch Verantwortliche verantwortungslos handeln.

    In diesem Semester hatte ich ein spannendes Seminar zu Antisemitismus und Sozialismus (ich habe dazu bereits geschrieben) und es hat mir deutlich vor Augen geführt, dass mein „Bauchgefühl“, dass in der deutschen Linken (nicht nur die eine Partei) noch einiges nicht aufgearbeitet wurde, nicht so daneben ist.

    Und deshalb ist es so wichtig, genau jetzt die Finger in die Wunde zu bohren, so dass es richtig weh tut.

    Shabbat Shalom
    Adi

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