Antitürkismus und Antisemitismus

Ein Gastbeitrag von Chayim Schell (erstmals veröffentlicht am 22.10.2004 bei hagalil.com)

Es waren ca. 15.000 Menschen aus Frankreich und ca. 100.000 Menschen aus anderen west- und vor allem osteuropäischen Ländern, die gerettet wurden. Verglichen mit der Zahl von sechs Millionen durch Deutsche ermordeter Juden während der Shoah eine gering anmutende Zahl. Es waren dennoch über einhunderttausend Jüdinnen und Juden, die gerettet werden konnten durch die Aktivitäten der Türkischen Republik und ihrer Vertretungen im Ausland.

Anfang der dreißiger Jahre, als in Deutschland Juden, Akademiker, Wissenschaftler, Lehrer ihre Arbeit verloren, erhielten hunderte von ihnen in der Türkei eine Anstellung. Was viele nicht wissen: in den dreißiger Jahren waren ca. 90% aller akademischen Hochschulpositionen mit Juden, vornehmlich aus Deutschland besetzt.

Dadurch, dass die Türkei während der Shoah und des Zweiten Weltkriegs neutral blieb, war sie in Europa in der einzigartigen Lage, Juden, die verfolgt, inhaftiert und ermordet wurden zu helfen – und sie tat es.

Es ist gut dokumentiert, wie türkische Diplomaten zum Beispiel in Griechenland und in Frankreich beharrlich gegen die Internierung von „türkischen“ Juden intervenierten. In Frankreich waren es vor allem die Botschaft in Vichy und die Konsulate in Paris und Marseillle, die bei deutschen und französischen Stellen die Freilassung von aus der Türkei stammender Juden bewirkten. Man argumentierte, dass es sich um türkische Staatsbürger handele, und, da die Türkei keine Unterschiede zwischen ihren Bürgern nach Religion, Abstammung oder Herkunft mache, müssten alle türkischen Bürger gleich behandelt werden. Und dabei handelte es sich nicht immer um türkische Bürger, sondern vielfach um Menschen, die ihre türkische Staatsangehörigkeit aufgegeben oder verloren hatten. Man stellte kreative Urkunden über eine „Irreguläre türkische Staatsbürgerschaft“ an betroffene Menschen aus. Im Jahr 1943 waren es vier Züge und 1944 weitere acht, die zusammen etwa 2.000 Menschen aus Frankreich nach Istanbul brachten. Es gab zahlreiche andere Beispiele in vielen anderen westeuropäischen und osteuropäischen Ländern wie z. B. Litauen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien und in Griechenland.

Es waren immerhin über einhunderttausend Menschen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass die Türkei nach dem Krieg zu den Gründungsmitgliedern des Europarates und der NATO gehörte. Es ist sicher auch kein Zufall, dass die Türkei in der denkwürdigen Abstimmung der UN-Vollversammlung – und da kam es auf jede einzelne Stimme an – der Gründung des Staates Israel nicht im Wege stand. Und es ist sicher auch kein Zufall, dass heute die Türkei und Israel nicht nur militärisch zusammenarbeiten.

Die Türkei ist in den letzten Monaten und Wochen wieder einmal in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt worden. Soll die Türkei Mitglied der EU werden, oder nicht? Dabei wurden auch zahlreiche Stereotypien bemüht. Nicht nur wurde zum Beispiel im Morgenmagazin der ARD und des ZDF vom drohenden Islam und von der historischen Belagerung der Türken vor Wien gesprochen, auch wurde offen von konservativen Parteien eine Unterschriftenaktion gegen den Beitritt der Türkei erwogen.

Es ist dabei viel die Rede von Grundwerten, Rechtstaatlichkeit und Menschenrechten. Worthülsen ohne ein menschliches Gesicht, die als selbstgerechte Munition andere treffen soll. Und ich denke, es ist kein Zufall, dass sie dabei den Argumenten, die beharrlich auch gegen Israel vorgebracht werden, gefährlich ähneln. Hier wie dort wird aber über eine etablierte, stabile Demokratie gesprochen:
Die Türkei ist kein islamisches Land, sondern ein laizistischer Staat, dessen bürgerliches Recht dem schweizerischen und das Strafrecht dem italienischen folgt. Das Land kämpft seit dem Anfang des letzten Jahrhunderts beharrlich gegen Terrorismus und gegen den Islamismus. Am 29.06.2004 erst erklärte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte das an staatlichen Schulen und Universitäten in der Türkei geltende Kopftuchverbot für verfassungskonform.
Und auch Israel ist ein demokratisches Staatswesen, das von Anfang an Terror und Aggression ausgesetzt war, und das von seinem Recht Gebrauch macht, sich zu wehren. Freiheit ist zerbrechlich und wird oft missbraucht – eine Binsenwahrheit. Eine andere Binsenwahrheit: Eine Demokratie muss sich wehren, damit seine Bürger auch in Freiheit leben können.

Hier wie dort geht es aber nicht um Kritik an einem anderen Land, sondern es geht auch um Angriffe gegen eine in Deutschland lebende Minderheit. In der heute-Sendung im ZDF wurde zum Beispiel in diesem Zusammenhang davon gesprochen, dass derzeit ca. 700.000 Türken mit deutschem Pass in Deutschland leben. Ist diese nach ethnischen Kriterien orientierte Wahrnehmung des anderen nicht bezeichnend? Türke bleibt Türke, genauso wie Jude Jude bleibt, egal, ob er oder sie einen deutschen Pass besitzt. Ich habe Möllemann und Hohmann nicht vergessen, und die peinlichen Rechtfertigungen und die Latenz, bevor die so genannten etablierten Parteien reagierten. Ich habe auch Mölln und Solingen nicht vergessen.

Erst am 18.10.2004 wurden drei BGS-Beamte zu Bewährungsstrafen von jeweils neun Monaten verurteilt, weil ein Mann aus dem Sudan bei der Abschiebung vor fünf Jahren starb, da die Beamten ihn bei der Abschiebung erstickt hatten. Es handle sich um eine Körperverletzung mit Todesfolge in einem minderschweren Fall, so das Gericht, weil der BGS seine Beamten nicht ausreichend für Abschiebungen geschult habe. Man darf sich fragen, welcher speziellen und ausgeklügelten Schulung es wohl bedarf, einen Menschen nicht zu töten. Auf der anderen Seite wurden in einem Aufsehen erregenden Prozess in der Türkei am 26.03.2003 vier Polizisten zu jeweils viereinhalbjährigen Haftstrafen wegen Folter und Totschlags verurteilt, weil ein Student in Polizeigewahrsam starb. In beiden Fällen starb ein Mensch durch Beamte, wobei man in der Türkei wohl nicht davon ausging, es hätte einer speziellen Schulung der Beamten bedurft.

Zu Recht gab es nun, nach dem Versuch, gegen die türkische Minderheit zu polemisieren, eine Welle des Protestes. Zu Recht wurde darauf hingewiesen, dass die Angelegenheit auf europäischer Ebene entschieden wird, und kein innenpolitischer Gegenstand ist. Inzwischen wird eine Unterschriftenaktion von den Konservativen wohl auch nicht mehr erwogen. Ich hoffe sehr auf die Vernunft. Im Politbarometer vom 15.10.2004 befürworteten immerhin 69% der Befragten nicht diese Unterschriftenaktion.

Letztendlich ist es nicht so wichtig, ob die Türkei Mitglied der EU wird oder nicht. Wichtig ist, wie man hier in diesem Land mit Minderheiten umgeht, wie Antitürkismus und Antisemitismus wahrgenommen werden (wenn sie denn wahrgenommen werden), und wie darauf reagiert wird. Die Wahlerfolge der rechten Parteien der vergangenen Zeit sind bedrohlich. Sprechen sie nicht für einen wieder erstarkenden Fremdenhass? Und bei den nächsten Bundestagswahlen wollen die Rechten gemeinsam antreten – als „Nationale Front“ sozusagen. Und wie reagieren die so genannten etablierten Parteien darauf? Da kann man noch gespannt sein – und wohl auch Befürchtungen hegen.

Es gibt einen Midrash, demzufolge die Welt deswegen nicht untergeht, weil es in jeder Generation mindestens 36 Gerechte gibt. Aber niemand – außer dem Ewigen, weiß, wer sie sind. Der Midrash ist an vielen Stellen in unserer Torah verwurzelt. Man denke nur an Noah, um dessen willen Gott nicht die gesamte Menschheit in der Sintflut umkommen lässt; oder an das Zwiegespräch zwischen Gott und Abraham, in dem es darum geht, dass der Ewige der Gerechten willen, die in Sodom leben, zu versprechen gewillt ist, die Stadt nicht zu zerstören. Aber am Ende der Geschichte wird Sodom dennoch zerstört, trotz Abrahams Mut und Intervention und trotz dem guten Willen des Ewigen, weil kein Gerechter gefunden werden konnte.

Ich hoffe sehr auf die Vernunft. Ich weiß, dass gerade die Türkei enorme Anstrengungen unternommen hat, um an dem Punkt zu sein, wo sie heute ist – ohne fremde Hilfe von außen – und ich bin sicher, dass sie auf ihrem Weg auch aus eigenem Antrieb weiter gehen wird. Ich weiß das und ich hoffe.
Ich weiß, dass Israel enorme Anstrengungen unternommen hat, sich und seine Bürger gegen die arabische Übermacht zu verteidigen und gegen den Terrorismus vorzugehen. Ich weiß das und ich hoffe.
Ich weiß auch, um Deutschland und die Shoah. Ich weiß, dass die deutsche Demokratie nicht selbst gewählt wurde, sondern von den Siegermächten verordnet war.
Ich weiß die Freiheit hier zu schätzen und hoffe dass Fremdenfeindlichkeit, Antitürkismus und Antisemitismus entschieden begegnet wird. Und ich hoffe, dass die Freiheit in Israel und der Türkei bewahrt werden kann.
Ich weiß das alles und hoffe. Nur manchmal, wenn ich so nachdenke und grüble, kommen mir Zweifel. Dennoch bin ich bereit, um der Gerechten willen zu hoffen.

Ein Gedanke zu „Antitürkismus und Antisemitismus

  • 2. Juli 2008 um 22:09
    Permalink

    In diesem Artikel wird das Verhalten des türkischen Staates doch sehr idealisiert dargestellt. Vor längerer Zeit habe ich die Biografie von Isaak Behar gelesen. Seine türkischen Eltern sind mit seinen älteren Schwestern nach dem ersten Weltkrieg nach Berlin gekommen, wo er geboren wurde. Als Hitler an die Macht gebracht wurde, galten sie als Ausländer. Es interessierte nicht, daß sie Juden waren.

    Aber als die Nazis die Türkei dazu brachten, den türkischen Juden die türkischen Staatsbürgerschaft abzuerkennen, waren sie staatenlos, wurden als Juden diskriminiert, verfolgt und deportiert. Isaak Behar ist der einzige Überlebende in seiner Familie und der einzige Überlebende der sephardischen Community, die es in Berlin gab.

    Und seine Eltern hatten die türkische Staatsangehörigkeit nicht „verloren“ oder „aufgegeben“, nein sie wurde ihnen aberkannt. Solch eine Ausdrucksweise macht mich fassungslos.

    Nachzulesen ist das übrigens bei Isaak Behar: „Versprich mir, daß Du am Leben bleibst“.

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