cross-over-seelsorge

ist ein rabbiner ein seelsorger oder nicht? gehört das zu seinen aufgaben?

irgendwie denke ich schon, auch wenn der begriff der seelsorge ein sehr christlich geprägter ist und vielleicht nicht so wirklich auf das judentum zutrifft. ich würde mich der bezeichnung „begleitung“ anschließen (definitioshilfe: ich helfe jemanden über die straße, damit er auf der anderen seite seine dinge selbst erledigen kann und gehe nicht für ihn und erledige, was er selbst hätte tun können). es geht nicht um die (abstrakte) sorge um die seele und ihrer erlösung, sondern um den ganzen menschen und seinem weg durch diese welt.

© Damaso Reyes
© Damaso Reyes

wahrscheinlich werden jetzt viele christliche seelsorger einwenden, dass dies den großteil ihrer tagtäglichen seelsorge ebenfalls beschreibt. sie sind in erster linie für menschen da, die jemanden zum sprechen benötigen, z.b. wenn die kommunikation zu G’tt gerade mal ins stocken geraten ist, oder sie helfen dem hilfesuchenden eigene antworten auf fragen zu finden und mut zu fassen, den nächsten schritt zu unternehmen. wenn seelsorge also in erster linie sich dadurch definieren lässt, dass damit „begleitung von menschen durch die unterschiedlichsten lebenslagen, wie hochzeit, geburt, krankheit und tod“ gemeint ist, dann kann sich ruhig auch ein rabbiner „seelsorge“ in sein aufgabenheft schreiben.

jedoch: die antworten sind unterschiedlich, so unterschiedlich wie die lebens- und glaubenskonzepte in den religionen selbst. daraus ergibt sich die frage, ob eine cross-over-seelsorge, d.h. wenn sich ein jude an einen pfarrer wendet, oder eine christin an eine rabbinerin oder eine muslima an einen rabbi usw. möglich oder zulässig ist?

zwei beispiele: ein jüdischer mann liegt im krankenhaus und der christliche seelsorger des krankenhauses stattet ihm einen krankenbesuch ab. eine junge muslima schreibt einem rabbiner eine email, in der sie, im grunde ihres herzen sehr religiös, sich beklagt, dass sie den „anschluss an ihre gemeinde verloren hat“.

beim ersten fall schwingt sofort der generalverdacht einer missionierung gegen den christlichen kollegen mit. ehrlich, obwohl dies in den seltensten fällen so ist – ist ein krankenbesuch in erster linie doch ein zeichen dafür, dass der kranke nicht alleine ist, dass man an ihn denkt. dass eventuell jemand da ist, der ein gesprächspartner sein kann. aber wo hört der besucher auf, einfach nur ein mitmensch zu sein und beginnt, ein pfarrer zu sein? an welchem punkt findet eine grenzüberschreitung statt – wann kann oder will der besucher nicht mehr neutral bleiben? wann muss oder kann er als christ nur eine christliche antwort geben? wie ist es um seine glaubwürdigkeit bestellt, wenn er anfängt, „jüdische“ antworten zu geben?

ich habe zu wenig erfahrung damit, wie es in deutschen krankenhäusern zugeht, aber ich glaube, dass die meisten professionellen seelsorger hier tatsächlich professionell handeln und eher einen jüdischen oder muslimischen kollegen mit einbeziehen werden, bevor es zu grenzverletzungen kommt, im zweiten beispiel wird es aber nicht mehr so einfach, und er kommt wahrscheinlich viel häufiger vor. gut, das beispiel, dass eine muslima sich an einen rabbiner wendet, ist eventuell doch zu sehr konstruiert, aber nicht undenkbar.

der unterschied zum ersten fall ist, dass die initiative nicht vom rabbiner / pfarrer ausgeht, sondern von der anderen seite. ich werde den verdacht nicht los, dass in den augen vieler, einen rabbiner, pfarrer und imam eine besondere aura umgeben soll, irgend eine annahme, dass er oder sie einen direkteren draht zu G’tt oder Allah haben sollen und deshalb auch fragen zum glauben in jeglicher art und schattierung beantworten können. das glatteis, auf das sich der „geistliche“ begeben könnte, ist im grunde schon in unmittelbarer gefahrenzone. zum einem natürlich, dass es doch ein wenig komisch anmutet, wenn glaubensinhalte von glaubensfremden vermittelt werden sollen, zum anderen, und das ist für mich bedeutender, weil die nachhaltigkeit von anfang an nicht gegeben ist und es eher einen hauch von alibi-veranstaltung hat.

das sollte ich erläutern: wenn seelsorge begleitung im weiteren sinne bedeutet, ist diese doch von anfang an schon gestört. die junge frau, die sich an den rabbi, statt an den imam ihrer gemeinde wendet, weiss im grunde, dass sie kaum von ihm in die moschee begleiten werden wird um bei der antwortensuche nach dem gestörten verhältnis zu ihrem glauben hilfreich zu sein. ihre anfrage bekommt den geschmak einer gewissenberuhigung, ohne große anstrengung. man, bzw. frau kann ja dann gegenüber sich und G’tt behaupten, es wurde ja versucht.

ich gebe zu, ein großteil des lebens als gläubiger ist der aufgabe, sich mit dem eigenen glauben auseinander zusetzten, gewidmet. es ist einfach, viel einfacher sogar, mit einem darüber zu sprechen, der nicht zur gleichen religion gehört. da hat man mit den wenigsten widersprüche und aufforderungen zur eigenen aktivität zuu rechnen (und selbst wenn, wer soll es schon kontrollieren), aber langfristig gewinnt man damit nichts.

cross-over verwässert nur und raubt dem eigenen glauben die ernsthaftigkeit. dem fragenden, da er sich eventuell vor unbequemen antworten drückt, und dem antwortenden, da eine „neutrale“ seelsorge die aufgabe des eigenen glaubens bedeutet. ein pfarrer, imam und rabbiner kann aber nach definition nicht neutral sein.

in diesem sinne „shabbat shalom“

4 Gedanken zu „cross-over-seelsorge

  • 10. August 2008 um 00:27
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    Die Cross-Over-Frage kann man an diesen erfundenen Beispielen spekulativ angehen. Sehr weit wird man damit nicht kommen, weil das Ganze doch zu abstrakt ist.

    Aber warum nicht an konkreten Beispielen die Cross-over-Problematik mal durchgehen, z.B. am Abraham-Geiger-Kolleg. Da wurde – und wird vielleicht immer noch – die Veranstaltung, in der die Studierenden „Seelsorge“ (auf die Schwierigkeiten mit diesen Begriff gehen wir jetzt mal nicht ein) lernen und einüben sollen, von einer evangelischen Pfarrerin vermittelt.

    Oder wie ist das, wenn eine andere evangelische Pfarrerin, die zum Judentum konvertiert ist und keinen Tag an einer jüdischen Institution studiert hat (mal von „summer studies“, archäologischen Ausgrabungen oder anderen befristeten kurzzeitigen Aktivitäten abgesehen) Bibel, Midrasch und Liturgie an Rabbinatsstudenten vermittelt?

    Oder noch mehr „cross over“ gefällig? Wie ist das, wenn Leute ziemlich kurzfristig nach ihrer Konversion ohne ein paar Jahre lang als ganz normale Juden gelebt zu haben, gleich im Rabbinerstudium landen?

    Wie wird es Judentum in Deutschland – und ganz besonders liberale jüdische Gemeinden – in den nächsten Jahren und Jahrzehnten prägen, daß überproportional viele Studierende aus einer christlich geprägten Sozialisation kommen und relativ kurz nach ihrem Übertritt ohne im jüdischen Leben Wurzeln schlagen zu können, schon im Rabbinerstudium landen?
    – Tut denen das gut?
    – Tut das dem jüdischen Leben kurz-, mittel- und längerfristig gut?

    Eine Menge corss-over-Fragen. Deine Meinung würde mich interessieren.

  • 11. August 2008 um 09:17
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    Ein paar Anmerkungen zu Deinem Kommentar.

    1. Schade, dass Du keinen Namen dazu geschrieben hast. Es würde mich schon interessieren.

    2. Meine Beispiele sind entpersonalisiert, aber nicht erfunden. Mir geht es aber nicht um diese beiden Fälle, sondern um die Beschreibung eines Phänomens und wie ich dazu stehe.

    3. Am Abraham Geiger Kolleg wird „praktisches Rabbinat“, d.h. auch „Seelsorge“ von Rabbinern doziert. U.a. Rabbiner Leipziger, mit 40 Jahren Berufserfahrung und Rabbiner BenChorin, ebenfalls mit reichhaltigem Erfahrungsschatz, den Mentoren – allesamt RabbinerInnen im aktiven Berufsleben.

    Was Du meinst, ist die Supervision. Dass die Supervision von einer professionellen Psychologin begleitet wird, die keine Jüdin ist, ist nun wirklich nicht dramatisch, da es hier in erster Linie um Verhaltensprozesse etc. geht. Die Grenzen sind übrigens klar definiert.

    4. Eine evang. Pfarrerin, die zum judentum Konvertiert sei … gibt es am Geiger Kolleg nicht. Bibel wird von Hanna Caspi unterrichtet, Midrash teilweise von ihr, teilweise von ihrem Mann Prof. Kosman. Liturgie von Rabbinerin Dalia Marx und Mimi Sheffer (praktische Liturgie), sowie von Rabbiner van Voolen.

    Also kein Cross-Over.

    Corss-Over-Unterricht gibt es, wenn man davon überhaupt sprechen kann, an der Universität, wenn nicht-jüdische Dozenten über jüdische Themen sprechen. Dies ist aber in einem akademischen Umfeld nun wirklich kein Problem.

    5. Was jemanden zum Rabbinat bringt ist höchst unterschiedlich. Weder ich, noch Du sollten uns zum Richter darüber erheben, denn wir können nicht beurteilen, wie jemand verwurzelt ist, wie ernsthaft die Studien betrieben werden usw.

  • 11. August 2008 um 11:03
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    IMHO ist schon die auffaellig haeufige Verwendung des
    Wortes „Glauben“ im obigen Artikel ein starkes Indiz
    fuer den Wahrheitsgehalt der „Cross-Over“ These von „Interessent“.

    In einer funktionierenden juedischen Gemeinschaft ist es
    nicht notwendig, dass die Aufgabe, Kranke zu besuchen,
    auf einen Rabbiner faellt.
    Es gibt genuegend andere freiwillige,
    die diese Mitzwah sehr gern uebernehmen.

    Langsam baut uebrigens auch die orthodoxe Welt ihre Vorbehalte
    gegen Psychotherapie/Counseling ab.
    Es schickt sich sogar an, ein Modeberuf zu werden.

    YM

  • 11. August 2008 um 13:51
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    YM – natürlich ist es schwer, die jüdische religion mit der deutschen sprache zu beschreiben. bei vielen worten schwingt eine christliche bedeutung mit. da mein blog aber in deutscher sprache ist, kann man das schlecht umgehen.

    es macht aber auch keinen sinn, „glaube“ aus dem jüdischsein zu streichen. jüdische religion und lebenswirklichkeit ist nicht nur „tun“. das ist zu kurz gegriffen. glaube definiert als ein vertrauen auf den einen G’tt, ein wissen um die g’ttliche existenz (vergl. die ersten artikel der 13 glaubensartikel), ist ein wesentlicher bestandteil des judentums.

    dein einwand macht aber schon deutlich, warum ich „cross-over“-betreuung skeptisch gegenüber stehe. wir beide haben eventuell ein gleiche oder vergleichbare definition von glauben. ein pfarrer mit sicherheit nicht.

    selbstverständlich ist es in einer funktionierenden gesellschaft nicht nur die aufgabe des rabbiners, sich um kranke, sterbende oder menschen im allgemeinen zu kümmern. das bestreite ich überhaupt nicht. und ich sehe, dass es in vielen, vor allem in kleinen gemeinden ein funktionierendes system von ansprechpartnern gibt. aber erstens ging es in meinem artikel nicht darum, hier über eine „last“ des rabbiners zu sprechen, sondern über des phänomen der religionsüberschneidung in der „seelsorge“ und zweitens – und das nur als eine nebenbemerkung – leben wir leider nicht in einer funktionierenden gesellschaft.

    jede umfrage würde dir mit sicherheit bestätigen, dass jüdische menschen in deutschland von ihrem rabbiner, ihrer rabbinerin „seelsorge“ erwarten. hier hat eine übertragung von der christlichen umwelt stattgefunden, aber es ist auch ein abbild unserer gemeindestrukturen, in denen es nicht mehr genug menschen gibt, die bereit sind, solche mitzwot zu übernehmen.

    ich halte psychotherapie für einen wichtigen beitrag in der betreuung von menschen. sie kann menschen helfen, handlungsspielräume zurückzuerobern, die sie verloren haben – ich bewundere das wirklich. ob es nun ein modeberuf ist …. keine ahnung.

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