Loyalitaet

jetzt bin ich wieder in berlin zurück und versuche das erlebte der letzten woche in worte zu fassen. es ist schwieriger, als ich dachte, bin ich doch in der letzten woche durch ein ganzen wald voller eindrücke, gefühle und gedanken gerannt. schwarz und weiße eindrücke, die sich leicht zu papier bringen lassen, sind – wie so oft – kaum vorhanden und stellen damit das problem der ganzen konferenz in wenigen worten dar.

ich wage mich aber dennoch daran, auch wenn vieles untergehen wird, einiges nicht nachvollziehbar scheint und für euch, die ihr nicht an der konferenz teilgenommen habt, unverständlich bleibt.

bei der konferenz handelte es sich um die 6. folgekonferenz in einer serie von „group-relations“-konferenzen, die nach der „tavistock“-methode (?) aufgesetzt wurden. als nicht psychologe ist mir bis zum ende nicht ganz bewusst geworden, wie nun diese methode im detail aussieht, aber der zweck scheint mir, in einem geschlossenem system gruppendynamische entwicklungen zu erkennen und zu erforschen. dabei liegt die kompetenz nicht bei personen außerhalb, die eine gruppe und ihre entwicklungen beobachtet, sondern bei jedem teilnehmer selbst. jeder ist beobachter und studienobjekt in gleicher weise und kann beobachtungen in die auswertung einbringen. es gibt zwar eine subgruppe, das „staff“, welches die konferenz führt und für konsultationen der anderen subgruppen zur verfügung steht, es bleibt aber teil der gesamtkonferenz und ist teil der untersuchungen.

rahmenbedingung dieser konferenz(en) ist ein enger zeitplan und ein thema, welches so attraktiv sein muss, dass menschen bereit sind, sich eine woche lang damit kontovers auseinander zu setzen. bei der durchsicht weiterer angebote nach der tavistock methode zeigt sich sehr schnell, dass es sich in der regel um themen aus dem spektrum des menschlichen miteinanders in politik und gesellschaft handelt. von themen der arbeitspyschologie, führung, militär und eben auch bis zur großen politik – in diesem fall der nahe osten.

ursprung dieser konferenz-serie war die beziehung von deutschen mit juden nach der shoah und wurde daher trotz des neuen themas beibehalten. die kombination dieser beiden themen führte entsprechend zu spannungen, indentitätswirrwar und zusätzlichen problemen. ich hatte darüber ja bereits geschrieben und werde es nachfolgend noch einmal tun.

Zeitübersicht Zypern
Zeitübersicht

interessant war für mich, dass die engen grenzen, die den äußeren rahmen dieser konferenz bildeten, tatsächlich sehr schnell zu hoch spannenden gruppendynamischen prozessen führten und auch ich diese, als nicht fachmann, erkennen konnte. der zeitplan (siehe bild) war sehr eng und die aufteilung in unterschiedliche gruppen, die wiederum miteinander in den großen gruppen austausch betrieben war, im nachhinein gesehen, ein guter ansatz.

ein erfahrungsplus konnte ich z.b. persönlich darin machen, wie groß die frage „wem bin ich wie gegenüber loyal“ unser verhalten in gruppen maßgeblich bestimmt. und wie sehr uns diese frage auch blockiert. eine teilnehmerin der letzten jahre meinte zu mir, dass diese konferenz in einer art mini-kosmos die große politik wiedergibt. ich glaube, dass diese aussage nur für die ersten tage überhaupt zutreffen kann und dass loyalitäten, gerade, wenn diese uns – in einem solchen zugegeben geschützen umgebung – auch bewusst werden, neuen weichen und veränderbar sind. solche prozesse lassen sich leider auf die große politik schlecht übertragen, da die einflussmöglichkeiten von außen auf den einzelnen in der realität zu groß sind.

was ich damit sagen will? z.b. die palästinensische seite, die zu beginn ihre politische botschaft mit nachdruck kundtat und sehr loyal zu diesen botschaft stand und zum ende der konferenz enge, höchst intime (nicht sexuelle!!!) beziehungen mit jüdischen teilnehmerInnen eingegangen war und diese – gegen die botschaft vom anfang der konferenz – auch vertrat.

oder die zulassung von unterschiedlichen wahrnehmungen der palästinensischen identität durch die eigene gruppe. es gab durchaus große problem innerhalb der palästinensischen teilnehmergruppe, da einige sich als araber in israel definierten, andere als palästinenser usw. und dies jeweils mit einem großen rechtfertigungsdruck. die frage, wem man gegenüber loyal ist, war und sein wird, löst sich in einer solchen konferenz zwar nicht auf, aber ich glaube, dass ein solcher konflikt hier besser ausgehalten werden kann. (beide beispiele waren nur anonymisierte darstellungen. ich bin mir bewusst, dass ich dabei viel der komplexität ausgelassen habe.)

ein loyalitätsproblem hatte die konferenz von beginn an auch in sich selbst. welchem thema hatte sie loyal gegenüber zu sein? ich möchte daran erinnern, dass die vorläufer konferenzen sich der beziehung von juden und deutschen zugewandt hatte und nun mit der einladung von palästinensern/arabern eine themenverschiebung natürlich im raum stand und vor allem von den neuen teilnehmern auch massiv und sehr berechtigt eingebracht wurde. es kam also zu einer deutlichen überlagerung des „alten“ themas, welches aber weder an aktualität verloren hatte, noch von vielen deutschen und jüdischen teilnehmerInnen so ohne weiteres aufgegeben werden wollte.

auch hier war meine beobachtung, dass zum ende hin ein spagat möglich und ein zulassen von beiden themen möglich war. dass es sogar hilfreich war. nicht, dass es jetzt zulässig sei, beide konflikte gleichzusetzen, aber dass es möglich ist, den indivduellen schmerz, den die konflikte auslösen, besser erkennen und fühlen zu können – und zwar auf einer sehr persönlichen ebene. es war so wertvoll für mich, dass menschen hinter den konflikten erkennbar wurden, die leiden und dass ihre schmerzen real sind und vergleichbar sind.

ich will noch über einige fragen, die mich während der konferenz begleitet haben, schreiben, beende diesen eintrag aber zunächst mit der offenen frage, was sich von dieser konferenz in die realität mitnehmen lässt.

ist es zulässig, die konferenz damit abschließend zu bilanzieren, dass man etwas über gruppendynamiken lernen konnte. das würde bedeuten, dass man alle anderen teilnehmer und alle diskussionen zu studienobjekte degradieren würde. abgesehen von der tatsache, dass das ja nicht stimmt und viele bekannt- und freundschaften ja in die realität hinüberreichen werden und von daher schon einfluss auf die zukunft haben, wie auch das diskutierte, könnte man doch ruhig antworten: „nu“ – was ist schlimm daran. wir würden uns doch auch nicht aufregen, wenn wir nach einer konferenz über gruppendynamische prozesse bei arbeitern in einer milchfabrik sagen würden, dass wir vieles über gruppen gelernt hätten und dass das thema dabei gut und wichtig war.

oder vielleicht doch nicht? mehr in dem nächsten artikel zum identitätswirrwarr …

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