Paraschat Schelach-Lecha, Num. 13:1 – 15:41

Hier noch ein kleiner Rückblick auf den Wochenabschnitt der letzten Woche:

Nach dem Auszug aus Ägypten und dem Erhalt der Torah am Berg Sinai ist G’tt eigentlich bereit, das Volk aus der Wüste in das Land zu führen, welches er ihnen zugesagt hat. Bevor aber die große Masse an Menschen in das Land kann, gebietet G’tt Mosche, dass dieser je einen Fürsten eines jeden Stammes als Kundschafter in das Land entsendet. „Seht, was für eine Art das Land ist und bringt von den Früchten mit!“ lautet der Auftrag an die zwölf Spione.

40 Tage sind die Spione in dem Land und kehren mit wunderbaren Früchten zurück. Sie berichten, dass es sich wirklich um ein Land handelt, in dem Milch und Honig fließt. Aber zehn von den Spionen berichten, dass es in dem Land sehr starke Krieger gibt und Riesen, die „zu stark für uns sind“. Sie sprechen von so schrecklichen Gestalten, die das ganze Volk auffressen würden, wenn sie nach Kanaan kämen. Nur zwei der zwölf Kundschafter, Kaleb und Jehoschuah, sprechen dagegen.

Doch es hilft nicht. Das Volk hat Angst und vertraut nicht mehr auf G’tt und Mosche. Sie wollen zurück nach Mizraiim. G’tt erscheint daraufhin Mosche im Stiftszelt und spricht mit ihm. Er hat genug von dem Volk, das nicht Loyal zu ihm stehen will, und das nicht erkennen will, dass er es schon die ganze Zeit beschützt hat. Auch er hat das Vertrauen in sein Volk verloren. Er will alle sterben lassen und Mosche zum Stammvater eines neuen Volkes machen.

Was jetzt folgt, begeistert mich immer wieder. Mosche, bittet G’tt um Gnade, aber nicht um des Volkes willen, wie so oft davor, sondern, um G’tt selbst willen. Er argumentiert mit dem Ruf, den G’tt zu verlieren hat. „Was würden wohl die Ägypter sagen, wenn sie mitbekommen, dass G‘tt sein Volk, welches er zuvor mit starker Hand aus Mizraiim geführt hat, nun in der Wüste tötet.“ – Wäre das nicht gleich einem Versagen von G’tt?

G’ttes Urteil über die Ungläubigen ist ein Kompromiss, bei dem er sein Gesicht wahren kann. Die Israeliten dürfen die nächsten 40 Jahre nicht in das versprochene Land einziehen. Alle Menschen, die über 20 Jahre alt sind, werden in der Wüste sterben. Damit bestraft er die, die nicht an ihn geglaubt haben, aber ihre Kinder werden nach Israel kommen – damit hält er sein Versprechen und beweist, dass er am Ende doch sein Volk in die Freiheit geführt haben wird.

Viele Gelehrte fragen immer wieder, was ist die Sünde, die die Spione begangen haben, was ist es, das so eine tiefe Enttäuschung bei G’tt hervorruft? Der amerikanische Rabbiner Morris Adler [1906-1966, Detroit] schlägt eine für mich sehr interessante Sichtweise vor: Die Sünde der Spione ist der Missbrauch ihrer Position, ihrer Macht. Rabbiner Adler erinnert daran, dass die Spione nicht einfache Mitglieder ihrer Stämme waren, sondern bedeutende Anführer, von G’tt ausgewählt, „deren Worte etwas zählten und eine große Wirkung hatten“. Das Volk vertraute auf ihr Urteil. Die Kundschafter haben das Vertrauen der Menschen zerstört.

Er sagt, dass die Geschichte ein Lehrstück für das ist, was Prominente und wichtige Persönlichkeiten anrichten können. Die Aussage der zehn Spione schwächte die Israeliten mehr, als jeder Krieg es gekonnt hätte und sie brachten sie daher in größte Gefahr. Das Volk, das schon einige Gefahren bei ihrem Auszug aus Mizraiim überstanden hatte, verlor durch das Urteil der Spione das Vertrauen in G’tt.

Wir können nur spekulieren, warum sie diese Aussagen gemacht haben. Rabbi Shimon ben Yochai (Zweites Jahrhundert) sagte seinen Studenten, dass „die Spione bereits das Land Israel mit bösen Gedanken betreten haben und entsprechend mit bösen Gedanken wieder heimkehrten“, in anderen Worten, bevor sie überhaupt aufbrachen, dass Land Kanaan zu entdecken, stand für sie schon fest, was sie den Leuten sagen wollten.
Was sie sehen oder hören würden, würde ihre Meinung nicht mehr ändern. Rabbiner Adler glaubt, dass die zehn Spione mit dem Zufrieden damit waren, was der Status Quo war. Dem Volk ging es in der Wüste nicht unbedingt schlecht. Es hatte Essen, Schutz, ein Heiligtum. Sie wollten lieber in der Wüste bleiben oder noch besser, zurück zu Pharao, wo sie sich nicht selbst um etwas kümmern hätten müssen. Ein neues Land zu erobern wäre eine große Aufgabe gewesen, die sie nicht übernehmen wollten. Sie hatten Angst davor, das etwas Neues vielleicht auch Bestehendes verändern könnte.

Aber ist ‚Angst haben‘ eine Sünde? Sicherlich nicht. Ich denke jedoch, dass man sich seiner Angst stellen muss. Sie darf uns nicht lähmen oder sogar soweit beeinflussen, dass wir am liebsten im Bett bleiben und nie mehr aufstehen wollen. Genau dies ist es aber, was die Israeliten wollen. Sie wollen lieber schlecht leben, in der Wüste oder unter Pharao, statt den nächsten Schritt zu unternehmen. Und noch etwas haben sie nicht erkannt. G’tt ist zwar mit ihnen, so lange sie auf ihn vertrauen, aber handeln müssen sie selbst.

Unsere Torah lehrt uns von Anfang an, dass wir Menschen aktiv sein sollen. Wir Menschen sind keine Puppen von G’tt, die nur abwarten können, was geschieht. Wir haben die wunderbare Gabe erhalten, eigene Entscheidungen treffen zu können, die Möglichkeit erhalten, selbstständig zu handeln und dies sollen wir auch tun.
Die Torah soll uns dabei helfen, den richtigen Weg zu finden, genauso wie unsere Tradition, die Generationen vor uns, unsere Eltern, aber wir selbst müssen letztendlich den nächsten Schritt machen. Wenn wir stehen bleiben, so wie es die zehn Spione bei ihrer Rückkehr von den Israeliten fordern, gibt es keine Zukunft. Judentum, jüdisch-sein und G’tt sind aber das Gegenteil. Sie sind ZUKUNFT.

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