Tu BiSchwat und Schmitta

Tu Bi Schwat 2006in diesem jahr ist tu bi schwat ein wenig anders. warum? weil wir ein schmitta jahr haben, also ein ruhe jahr für die landwirtschaft in israel. entsprechend den regeln werden daher in diesem jahr keine bäume zu tu bi schwat gepflanzt, die gemeinsamen aufforstungsaktionen in israel, z.b. durch den kkl, ruhen und wahrscheinlich ersparen wir vielen bäumen ein vorzeitiges absterben, weil sie zur falschen jahreszeit und vor allem falsch (weil von laien) in die erde gesetzt wurden.

(ob der baum noch steht, den ich 2006 gepflanzt habe ?)

aber spass beiseite. was bedeutet das schmitta jahr für mich?

es gibt zwei aspekte, die mir diesbezüglich durch den kopf gehen und sich dem sinn des schmitta jahres ernsthaft nähern sollen. … … sagen wir eher drei dringe, wenn ich mir die sitution in israel ansehe und überlege, welchen blödsinn (entschuldigung, aber so sehe ich es) dort die (ultra) orthodoxie treibt, um das gebot des shmitta jahres einzuhalten, aber gleichzeitig die aberwitzigsten schleichwege entwickelt, um sich doch nicht daran halten zu müssen. da gibt es z.B. :

1. Heter Mechirá
2. Ozar Ha’arez
3. Eda Charedit

(Eine ausführliche Beschreibung der verschiedenen Möglichkeiten findet Ihr bei Jona http://hakikajon.blogspot.com/)

wir sollten uns hingegen die frage erlauben, ob wir das schmitta jahr durchführen wollen, mit all seinen konsequenzen, oder nicht.

dagegen spricht die wirtschaftliche situatuation in israel. wenn in dem land auf die eigenproduktion von landwirtschaftlichen grundnahrungsmitteln verzichtet wird, und alles aus dem ausland bezogen werden muss, bedeutet dies ein enormer finanzieller aufwand, den viele bürger in israel sich nicht leisten können. auch die frage, ob wir als juden außerhalb israels landwirtschaftliche produkte aus israel ablehnen sollten, weil sie während des schmitta-jahres gewachsen sind, steht unter dieser überlegung, ob wir es uns erlauben können, die israelische wirtschaft für ein ganzes jahr zu boykottieren. greifen wir, wenn wir bei kaiser`s einen beutel kartoffeln aus israel sehen bewusst daneben?

ein argument, gegen das schmitta jahr ist, dass wir gar nicht so genau wissen, ob wir nun wirklich das richtige jahr haben. wie wahrscheinlich ist es, dass wir uns noch in der „richtigen“ zählung befinden?

gerade für mich, als liberaler jude zählt dieses argument aber nicht, denn wir, als die momentan lebende generation, haben das recht zu definieren, wann das schmitta jahr ist. wir können neue traditionen begründen, um inhalte, werte, überzeugungen weitergeben zu können. das wesentliche ist aber, dass wir in diesem akt konsequent sind. wir können nicht auf der einen seite ein schmitta jahr definieren, aber auf der anderen seite es umgehen.

wenn wir uns also für die einhaltung des shmitta jahres einsetzten, dann müssen wir uns fragen, welche bedeutung es für uns hat und was wir damit erreichen wollen.

„Sechs Jahre sollst du dein Land besäen und seine Früchte einsammeln. Aber im siebten Jahr sollst du es ruhen und liegen lassen, dass die Armen unter deinem Volk davon essen. Und was übrig bleibt, mag das Wild auf dem Feld fressen. Ebenso sollst du es halten mit deinem Weinberg und deinen Ölbäumen.“ (Schmot 23:10-11)

„… Wenn ihr in das Land kommt, das ich euch geben werde, dann soll das Land dem Ewigen einen Schabbat feiern. … Aber im siebten Jahr soll ein ganz feierlicher Schabbat für das Land sein; ein Schabbat dem Ewigen. Dein Feld sollst du nicht besäen und deinen Weinberg nicht beschneiden, den Nachwuchs deiner Ernte sollst du nicht einernten, und die Trauben deines unbeschnittenen Weinstocks sollst du nicht abschneiden. Ein Jahr der Schabbatfeier soll es für das Land sein. …“ (Wajikra 25:1-7)

es gibt also das gebot aus der torah, das land ruhen zu lassen und den ertrag, der auf natürliche weise entsteht, den armen und den tieren zu überlassen, bzw. nur diesen ertrag zu konsumieren. wir begegnen in diesem gebot dem shabbat konzept, welches für eine gewissen zeit einen verzicht fordert (die wurzel Schin Bet Taf bedeutet verzichten). wir sollen verzichten, ein mehr aus dem land zu holen, als natürlich möglich ist, wir sollen darauf verzichten, gewinne zu erwirtschaften, sondern, zumindest in diesem jahr, anderen die möglichkeit geben, von dem ertrag des landes profitieren zu können. und schluss endlich erinnert uns dieses gebot, dass das land von G’tt ist und wir nur den auftrag haben, es zu bewirtschaften (Gen. 1), aber die spielregeln nicht von uns festgelegt werden.

das schmitta jahr ist aus modernen ölologischen überlegungen eine der grandiosesten erfindungen für eine verantwortungsbewusste nutzung unserer umwelt. es geht nicht darum, das land grundsätzlich brach liegen zu lassen und sich selbst zu überlassen (dies würde heute in weiten teilen nur zur verödung des landes führen), sondern ihm regelmäßig pausen geben. was für mensch und tiere gut ist, kann nur gut für das land sein.

wenn wir uns also für das schmitta jahr entscheiden, dann bedeutet es für uns verzicht, aber wahrscheinlich auf die zukunft hin betrachtet, einer, den wir leicht verkraften können. wir müssen nicht jedes jahr alles auf den tisch zaubern, was wir wollen, wir überleben gewiss auch ein jahr mit eingeschränkter küche.

dies führt mich abschließend auf die frage unserer verantwortung als juden in der diaspora, die all diese überlegungen eigentlich nicht betrifft. ein schmitta-jahr für unsere landwirtschaft hier in deutschland wäre vielleicht auch überlegenswert, aber eher realistischer ist die frage, ob wir uns nicht selbst gewisse „shabbat-regelungen“ überlegen sollten, die unsere nahrungswelt betreffen. aus welchem grund müssen wir z.B. erdbeeren im märz essen, oder spargel im frühling. nur weil es uns möglich ist? müssen wir den joghurt essen, der drei mal durch ganz deutschland gekarrt wurde, bis er bei uns im kühlregal steht, oder tut es der aus der region auch?

gerade zu tu bi schwat müssen wir uns überlegen, was bewusster umgang mit unseren resourcen bedeutet, einmal pro jahr in den stadtpark gehen und müll aufsammeln ist vielleicht ein guter anfang, aber leider auch nicht mehr.

2 Gedanken zu „Tu BiSchwat und Schmitta

  • 22. Januar 2008 um 00:17
    Permalink

    Es gibt natuerlich eine Reihe von Problemen mit dem Schmitta Jahr, du hast viele genannt, auch ist es ein Problem, dass jetzt Lebensmittel nach Israel importiert werden, was wiederum zu hoeheren Emission (CO2 und andere Treibhausgase) fuehrt und daher eine der Motivationen (Respekt fuer die Umwelt) fuer Schmitta ad absurdum gefuehrt wird.
    Das Problem ist aber auch, dass diejenigen von uns, die sich an die Schmitta halten, auch die israelische Wirtschaft de facto boykottieren und damit denjenigen, welche den Boykott israelischer Waren propagieren, unfreiwillige Hilfestellung geben.

    So, jetzt allerdings noch ein Punkt zu den verschiedenen Ausnahmeregelungen und Hetarim die Du oben in deinem Artikel anfuehrst. Wenn du damit ein methodologisches Problem hast, fuehrt das nicht zu Problemen mit z.B. Hillel’s Prosbul und den talmudischen Regelungen zu Kreditfragen? Der Talmud kennt doch viele „legal fiction-type“ Argumente, bei denen ein bestimmtes halachisches Problem durch die Einfuehrung eines „Kniffes“ geloest wird – zumeist so, dass das Ergebnis eine mildere/nachsichtigere Interpretation ist. (Allerdings bin ich mir bewusst, dass ich nicht aus einer Reformperspektive schreibe und dass das in der Reformbewegung vielleicht anders gesehen wird- vielleicht kannst Du da ja mal Licht drauf werfen).

  • 27. Januar 2008 um 18:32
    Permalink

    Bzgl Tu biSchwat:
    Der Vermieter,
    (bedeutende Immobiliengesellschaft)
    meines Brötchengebers,
    hat der jüdischen Belegschaft im Bürokomplex ein
    fruchtiges Lunch und eine Kiste Obst spendiert.
    Dazu kam noch das Setzen eines neuen Baums
    im Park. Fand ich sehr cool.

    Cheter Mechira:
    Ein gegenwärtiges Problem damit hat das
    (sekuläre) oberste Gericht in IL vor
    14 Jahren erst geschaffen,
    in dem es in einem Urteil um die Rückgabe von Gebieten an die Palästinenser urteilte, der
    Verkauf von Land durch die Regierung
    an Nichtjuden wäre nicht ernst gemeint,
    das Land also weiter jüdisch.

    Es gibt durchaus historische Quellen,
    die wohl nicht schlüssig beweisen,
    aber stark darauf hinweisen, dass ohne Rest
    durch 7 teiltbare Jahre Schmittah sind.

    Es gibt noch ein praktisches Problem für die,
    die jetzt keine landwirtschaftlichen Güter aus IL
    kaufen wollen: Einige Geschäfte etikettieren
    waren aus IL aus Angst vor ihren arabischen / muslimischen Kunden um,
    so dass die nicht mehr als
    israelisch erkennbar sind.

    Bzgl Schmittah in D:
    Hat deutsche Erde jetzt auch Keduschah
    oder was?

    Ich gebe Dir ja recht mit der Ökologie,
    aber wir sollten vorsichtig sein, unsere
    moderne Ansicht der Torah aufzuoktroieren.
    Schmittah hat auch einiges mit Emunah zu tun.
    Auch das Mannah kam am siebten Tag nicht…

    YM

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