10 sind ein Minjan

Via HaOlam.de hat mich folgende Frage erreicht: „Was ist ein Minjan und ist ein Gebet in der Gruppe oder von mehreren wichtiger oder besser als das einer Einzelperson?“.

Es ist eine gute und wichtige Frage. Gut, weil sie so vielschichtig ist, dass man mehrere Seiten mit ihr füllen könnte und trotzdem Platz für viele weitere Fragen lässt. Und wichtig, weil sie sich einer ganz alltäglichen Sache stellt, die jedem und jeder von uns begegnen kann, wenn wir uns mit Religion beschäftigen.

Der Minjan, ist in der jüdischen Tradition zunächst einmal ein Quorum, eine festgelegte Mindestanzahl von Personen, um gewisse religiöse Rituale durchzuführen. In der Regel handelt es sich hierbei um 10 religionsmündige jüdische Menschen. Die Anzahl 10 wird abgeleitet von Psalm 82. Dort heißt es:

מזמור לאסף אלהים נצב בעדת־אל בקרב אלהים ישפט׃
Ein Psalm Asaphs. Gott steht in der Gemeinde Gottes und ist Richter unter den Göttern.

Das Wort Edah – Gemeinde – findet man auch im Bericht über die 10 Spione, die Mosche den „negativen“ Bericht über das Land Kana’an geben. Mit dieser Verknüpfung haben die frühen Rabbiner abgeleitet, dass eine Gemeinde mindestens aus 10 Personen besteht.

Die religiösen Strömungen innerhalb des Judentums legen die Tradition jedoch unterschiedlich aus. Im liberalen und konservativen Judentum werden Frauen und Männer gleichberechtigt gezählt, wenn sie älter als 12 bzw. 13 Jahre alt und jüdisch sind, im orthodoxen und chassidischen Judentum nur Männer. Einige modern-orthodoxe Gruppierungen schreiben ein Quorum von 10 Frauen und 10 Männern vor.

Die Anzahl von 10 war und ist zudem immer auch ein wenig umstritten. Aus „Massechet Soferim“ (10,8), einem späten gaonischen Werk (als Gaonische Periode wird der Zeitraum von 598-1040 n.d.Z. bezeichnet), können wir entnehmen, dass es in Palästina eine Tradition gab, bereits einen Minjan aus 7 Personen zu bilden.

Die Vorschrift, einen Minjan für einen Gemeindeg’ttesdienst zu haben, ist für größere Gemeinden häufig kein Problem, jedoch für viele kleine Gemeinden, gerade in Deutschland abseits der großen Städte schon. Ein striktes Einhalten der Vorschrift würde dort bedeutet, dass in diesen Gemeinden, manchmal über Wochen, kein voller Gemeindeg’ttesdienst abgehalten werden könnte.

Das bringt uns direkt zum zweiten Teil der Frage, ob ein Gebet in der Gruppe oder von mehreren wichtiger oder besser ist, als das einer Einzelperson?

Was bedeutet es, wenn eine Gemeinde keinen vollen G’ttesdienst abhalten kann. Was ist ein voller Gemeindeg’ttesdienst? Einige Gebete sind so aufgebaut, dass sie eine Interaktion zwischen Vorbeter und Betergemeinschaft verlangen, d.h. der Vorbeter ruft zum Beispiel zum Gebet auf (Barechu) und die Gemeinde antwortet hierauf, das gleiche gilt für die Keduscha, einem Teilgebet der Amida (18-Bitten-Gebet). Ohne Minjan entfällt auch die übliche Wiederholung der Amida. Weitere Beispiele sind das Kaddisch Gebet (Lobpreis G’ttes) und die Lesung aus der Torah und den Propheten.

Ich würde nicht sagen, dass das Gebet einer Gemeinde wichtiger oder besser ist, als das einer Einzelperson, aber es hat eine andere Qualität, es gewinnt etwas hinzu: Gemeinschaft. Um zu verdeutlichen was ich meine, ein abschließendes Beispiel: ein Minjan wird für alle großen Momente in einem Lebenszyklus erwünscht, Beschneidung / Namensgebung, Bar-/Bat-Mitzwah, für eine Hochzeit und für eine Beerdigung. In all den Momenten soll die Gemeinde den Einzelnen/die Einzelne begleiten. Ich denke, dass dies eben nicht nur für die großen Augenblicke im Leben gilt, sondern auch für das Alltägliche. Vielleicht soll ein Minjan dazu dienen, uns zu zeigen, dass wir nicht alleine sind, dass G’tt mit uns ist aber auch andere Jüdinnen und Juden für uns da sind und an unserem Leben teilhaben.

In der Frage nach der Zusammensetzung des Minjans unterscheiden sich zwar die einzelnen Strömungen des Judentums voneinander, aber der Wunsch, jüdische Menschen im Gebet zusammen zu bringen, einigt sie wieder.

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Eine erste Rückmeldung zum meinen Text befasst sich Situation in kleinen Gemeinden. Ob denn, wenn diese Gemeinde nur ganz selten einen Minjan zusammenbringt, die anderen Male keinen G’ttesdienst gefeiert würde? Darauf gibt es zwei mögliche Antworten: Doch, aber unter der Auslassung von den oben genannten Teilen, d.h. es finden „Privatgebete“ gleichzeitig statt. Statt einer Torah-Lesung entscheiden sich einige Gemeinden, gemeinsam die Torah zu studieren, den Wochenabschnitt z.B. aus der Bibel gemeinsam zu lesen und zu diskutieren usw. Andere Gemeinden beschließen für sich, dem palästinensischen Minhag (Brauch) zu folgen und senken die Zahl auf 7 ab. Beiden Möglichkeiten halten jedoch die Idee, eine Gemeinschaft zu bilden aufrecht.

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