Beschneidung – einige Überlegungen

„Ein Bekannter von mir defeniert sich als Jude und ist – aufgrund seiner jüdischen Mutter – auch nach dem jüdischen Religionsgesetz Jude. Allerdings ist er nicht beschnitten. Welche Rolle spielt die Beschneidung im heutigen Judentum?“


Die Frage möchte ich zunächst mit einer Klarstellung beantworten. Alle signifikanten Strömungen innerhalb des Judentums bekennen sich zur Beschneidung und ermutigen Familien, ihre Söhne beschneiden zu lassen, oder jüdische Männer, die noch nicht beschnitten sind, dies nachzuholen. Das weit verbreitete Vorurteil, das Reformjudentum würde an dem Ritual der Beschneidung nicht mehr festhalten, ist heute so nicht mehr richtig, hat aber durchaus historische Gründe. Mehr dazu findet man hier.

In meiner letzten Antwort (zur Tätowierung) habe ich eine Theorie über die Beschneidung bereits aufgezeigt. Die Beschneidung, so die, auch aus der Bibel ableitbare Begründung, sei ein Zeugnis (עדות) für den Bund (ברית) mit G’tt. Eine unumkehrbare Widmung – vergleichbar mit den Narben und Tätowierungen (wenn man die modernen Lasertechnologien für die Beseitigung lästiger Tattoos mal außer Acht lässt). Dafür spricht unsere biblische Quelle in Gen 17,10–14

1. Moses 17. 7 Und ich werde meinen Bund aufrichten zwischen mir und dir und deinen Nachkommen nach dir durch alle ihre Generationen zu einem ewigen Bund, um dir G’tt zu sein und deinen Nachkommen nach dir. 8 Und ich werde dir und deinen Nachkommen nach dir das Land deiner Fremdlingschaft geben, das ganze Land Kanaan, zum ewigen Besitz, und ich werde ihnen G’tt sein. 9 Und G’tt sprach zu Abraham: Und du, du sollst meinen Bund halten, du und deine Nachkommen nach dir, durch ihre Generationen! 10 Dies ist mein Bund, den ihr halten sollt, zwischen mir und euch und deinen Nachkommen nach dir: Alles, was männlich ist, soll bei euch beschnitten werden; 11 und zwar sollt ihr am Fleisch eurer Vorhaut beschnitten werden! Das wird das Zeichen des Bundes sein zwischen mir und euch. 12 Im Alter von acht Tagen soll alles, was männlich ist, bei euch beschnitten werden, durch eure Generationen, der im Haus geborene und der von irgendeinem Fremden für Geld gekaufte Sklave, der nicht von deiner Nachkommenschaft ist; 13 beschnitten werden muss, der in deinem Haus geborene und der für dein Geld gekaufte Sklave! Und mein Bund an eurem Fleisch soll ein ewiger Bund sein. 14 Ein unbeschnittener Männlicher aber, der am Fleisch seiner Vorhaut nicht beschnitten ist, diese Seele soll ausgerottet werden aus ihrem Volk; meinen Bund hat er ungültig gemacht!

Eine eher religionswissenschaftliche Analyse dieser Beschneidung mag vielleicht ernüchternd klingen, besagt sie doch, dass es sich hierbei um einen kopierten Brauch handelt. Die lokalen (religiösen) Bräuche sahen körperliche Zeichnen als Bundeszeichen vor, vergleichbar den schon erwähnten Hautritzungen im Dea-Syria-Kult.
In der Bibel findet sich meiner Meinung nach ein weiteres, vergleichbares Beispiel für die Besiegelung eines dauerhaften Bundes. Wenn ein hebräischer Sklave über das Erlassjahr hinaus bei seinem Hausherren bleiben wollte, wurde ihm das Ohr durchstochen.

2. Moses 21.6 so soll ihn sein Herr vor G‘tt bringen und ihn an die Tür oder an den Türpfosten stellen, und sein Herr soll ihm das Ohr mit einem Pfriem durchbohren; dann soll er ihm für ewig dienen.

 

Relief aus dem Chons Tempel in Karnak (ca. 2400 vdZ)
Relief aus dem Chons Tempel in Karnak (ca. 2400 vdZ)

Die älteste bekannte Dokumentation einer Beschneidung ist ein ägyptisches Relief, das auf das Jahr ca. 2400 v. der Zeit datiert wird. Es ist eine gut nachvollziehbare These, dass die Beschneidung aus Ägypten, in einer Art Kulturtransfer übernommen wurde. Dafür spricht die Erneuerung der Gesetzgebung zur Beschneidung unter Mosche und die Beschreibung im Buch Joshua (Kapitel 5). Eine weitere These, die u.a. mit dem gleichen Kapitel begründet wird, ist, dass es sich bei dem Bundeszeichen auch um ein Bundeszeichen unter Menschen handelte. In Ägypten war es notwendig, sich von anderen Menschen zu unterscheiden. Wer beschnitten war, war Hebräer. Während der Wüstenwanderung war dies nicht notwendig. Alle, die mit durch die Wüste zogen, mussten unsere „Vorfahren“ gewesen sein. Bei der Landnahme waren die frühen Israeliten ja wieder unter anderen Stämmen und es war wichtig ein verbindendes Merkmal zu haben.

Dabei ist „verbindendes Merkmal“ im Sinne eines nicht sichtbaren Zeichens zu verstehen. Im Gegensatz zu den Tzizit (Schaufäden, Num 15.37-41, Wikipedia)) ist die Beschneidung kein offen sichtbares Unterscheidungsmerkmal, an dem jeder auf der Straße erkennen kann, ob sich ihm ein Bundesgenosse nähert. Ich glaube, dass das verbindende Element der Bund mit G’tt ist, der von jüdischen Menschen (in diesem Fall von Männern) individuell durch die Beschneidung ausgedrückt wird.
Die Frage dieser Woche beginnt damit, dass sich der (junge) Mann selbst als Jude definiert, und aufgrund seiner jüdischen Mutter auch jüdisch sei. Der Mann hat Recht, die fehlende Beschneidung ändert nichts an dem durch die Geburt erhaltenen Status (die Beschneidung ist kein Aufnahmeritus). Jüdisch ist, wer von einer jüdischen Mutter geboren wird, oder zum Judentum übertritt. Was aber definiert Judentum? Häufig bekommt man als Antwort, dass es sich beim Judentum um eine Werte- und Schicksalsgemeinschaft handelt. Es gibt also etwas, das die Menschen dieser Gemeinschaft teilen. Ich meine, es sind ideelle Werte, wie z.B. der Glaube an den einen G’tt, die Mitzwot, die unser Zusammenleben regeln, die gemeinsame Geschichten (unsere Bibel) und Geschichte (von Avraham über die Tempelperiode bis hin zu der Vertreibung und Verfolgung, der Shoah und der Gründung des Staates Israel …) und gemeinsame Bräuche, die uns durch unsere Geschichte begleitet haben. Die Beschneidung ist meiner Meinung nach, ein Teil in diesem Puzzel. Letztendlich kann ich nicht sagen, ob er die Beschneidung nachholen soll (ich denke mal, dass diese Frage zwischen den Zeilen zu lesen war), aber ich finde es lohnenswert, wenn er darüber nachdenkt. Ganz persönlich fände ich es schön, hält es doch eine Kette aufrecht, die bereits mit Avraham begonnen wurde.

Ein weiteren guten Überblick findet Ihr hier.

Ein Gedanke zu „Beschneidung – einige Überlegungen

  • 25. November 2009 um 14:09
    Permalink

    zwei nachfragen haben mich erreicht. die eine fragt nach der konsequenz von einer fehlenden beschneidung (1), die andere hat einen widerspruch in den vorgestellten theroien zum entstehen der beschneidungspraxis in meinem text aufgezeigt (2):

    1.) eine gegenfrage: wenn jemand den jom kippur tag bricht, bricht er damit den bund und wird vom selbigen nach den biblischen quellen ausgeschlossen. wuerdest du ihn trotzdem auf einem juedischen friedhof beerdigen?

    ich stelle die frage, weil das nicht beschneiden nach meinem verstaendnis der gleiche bundesbruch ist. es gibt viele, die nicht jom kippur halten, aber trotzdem juedisch beerdigt werden. wie ist es mit maennern, die nicht beschnitten sind. duerfen wir sie auf einem juedischen friedhof beerdigen.

    oder zu deinem beispiel. jemand der nicht an JK in der synagoge war, duerfen wir ihm / ihr nie wieder eine alija geben?

    2.)danke. du hast recht. hier sind zwei unterschiedliche theorien nicht gut genug getrennt. ich versuche noch ein wenig an dem widerspruch zu arbeite. soviel schon jetzt: die abgrenzungstheorie ist rein auf die erzaehlung im tanach gestuetzt, waehrend die uebernahmetheorie sich auf religionswissenschaftliche theorien stuetzt. in aegypten wurde wahrscheinlich ab dem alter von 10 jahren beschnitten.

    eine weitere theorie die ich gehoert habem aber noch nicht verifizieren konnte besagt, dass in aegypten nur priester und adelige beschnitten waren. da die israeliten laut biblischem bericht alle priester sind, bzw. freie menschen (ein merkmal fuer fuer adlige), sind sie / sind wir folglich alle beschnitten. (ich suche hierfuer noch eine quelle)

    dies wäre dann eine kombination aus beiden theorien. die israeliten haben die beschneidung von den ägyptern in der idee übernommen, jedoch haben sie das ritual soweit verändert, dass es zu einer einmaligen praxis wurde und zu einem unterscheidungsmerkmal wurde (beschneidung mit 8 tagen, und ALLE männer).

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