Purim – eine kleine Quellen-Sammlung

Die nachfolgende Übersicht entstand als Vorbereitung zu einem Referat zu dem kleinen jüdischen Feiertag, den wir heute (und morgen) begehen. Mit den weiteren Blog-Artikeln, die bei verschiedenen anderen Bloggern unseres Webrings „Blogs von Juden aus Deutschland“ entstanden sind, gibt es ein erstaunlich schönes und rundes Bild. Ich wünsche Euch „Chag Purim Sameach“. Feiert schön und fröhlich!

ÜBERSICHT

Purim kann man, ohne in die Tiefe zu gehen, als die jüdische Antwort auf Fasching beschreiben und liegt, wenn man damit das Kostümieren und fröhlich Feiern in den Vordergrund stellt, nicht unbedingt falsch. Eines der vielleicht verrücktesten Gebote in der Halacha ist das Gebot, dass man an Purim so betrunken sein soll, dass man nicht mehr zwischen einem „Gesegnet sei Mordechai“ und „Verflucht sei Haman“ unterscheiden kann [Fussnote 1, siehe am Ende]. Das Gebot, dass man an Purim viel Alkohol trinken soll, ist ein Anzeichen dafür, dass Purim eines der fröhlichsten Feste im jüdischen Kalender ist. Es folgt dem fast schon üblichen Modell für jüdische Feste: „Sie haben versucht uns umzubringen, wir haben es überstanden, lasst uns essen und feiern“.

Im Fall von Purim versuchte Haman, Hofbeamter am Hofe Achaschwerosch [= Xerxes I, 486 – 465 v. d.Z .] [2] von Persien, durch eine Intrige sämtliche Juden des Königreiches töten zu lassen. Hamans Vorhaben wurde von der schönen Königin Ester und ihrem Onkel Mordechai vereitelt. Unter Einsatz ihres eigenen Lebens setzte sich Ester beim König für ihr Volk ein. So wurden die persischen Juden nicht ausgerottet. Haman und seine Familie endete am Galgen, den er selbst für Mordechai errichtet hatte [3]. Der Zeitpunkt für das Fest leitet sich aus der zuvor zitierten Textstelle in der Megillat Esther (Buch Esther) ab. Purim wird am 14. Adar gefeiert (einen Monat vor Pessach) gefeiert. In Jerusalem und weiteren Städten, die zur Zeit Jehoschua bin Nuns von einer Stadtmauer umgeben waren [4] , wird es am 15. Adar gefeiert. Grundsätzlich soll man aber bereits mit Beginn des Monats Adar die Freude mehren [5].

Purim (פורים / Akkadisch pūru), leitet sich von dem Wort ‚pur‘ (Plural Purim) ab, das ‚Los‘ bedeutet (im Sinne von ‚ein Los ziehen‘), wegen der Lose die Haman ziehen ließ, um den Tag zu bestimmen, an dem die Juden des Landes vernichtet werden sollten.

In Schaltjahren wird Purim am zweiten Monat Adar begangen, bei den Karaiten im ersten Monat. Im ersten Monat Adar wird das korrespondierende Datum „Purim Katan“ bezeichnet. Für Purim Katan gelten analog die gleichen Regeln wie zu Purim, also Almosengeschenke, Fasten am 13. Adar usw. mit der Ausnahme des Lesens der Megilla [6] .

LITURGIE

Da Purim kein Fest der Thora ist, gelten an Purim die üblichen Feiertagsverbote, wie z.B. das Arbeitsverbot, nicht. Im Gottesdienst wird jedoch kein Tachanun gesprochen. In der Amida wird das על הנסים (Al Hanissim) in die Hoda’ah (Modim anachnu lach) eingeschaltet (im Siddur Schma Kolenu z.B. auf Seite 64 o. 194) , im Tischgebet in das Birkat Ha’aretz (nach nodeh lecha, Seite 108). Die öffentliche Verlesung der Megillat Esther flogt nach dem Ma’ariw (Abendgebet) und am Purim Morgen nach der Tora-Vorlesung. Aus der Torah wird Schmot (2. Moses) 17, 8-16 gelesen. Es wird kein Hallel gelesen.

QUELLEN (AUSWAHL)
MEGILLAT ESTHER
Die erste Quelle für Purim und das Abhalten des Festes finden sich in der Megillat Esther selbst:

Esther 9,20 Und Mordechai schrieb diese Begebenheiten auf. Und er sandte Briefe an alle Juden in allen Provinzen des Königs Ahasveros, die nahen und die fernen, 9,21 um ihnen aufzuerlegen, dass sie den vierzehnten Tag des Monats Adar und den fünfzehnten Tag desselben Jahr für Jahr feiern sollten
9,22 – als die Tage, an denen die Juden vor ihren Feinden zur Ruhe gekommen waren, und [als] den Monat, der sich ihnen von Kummer zur Freude und von Trauer zum Festtag verwandelt hatte -, dass sie diese feiern sollten als Tage des Festmahls und der Freude, an denen man sich gegenseitig Anteile zusendet und Geschenke an die Armen [gibt]. 9,23 Und die Juden nahmen [als Brauch] an, was sie zu tun angefangen und was Mordechai ihnen geschrieben hatte. 9,24 Denn Haman, der Sohn Hammedatas, der Agagiter der Bedränger aller Juden, hatte gegen die Juden geplant, sie umkommen zu lassen, und hatte das Pur, das ist das Los, geworfen, um sie in Verwirrung zu bringen und sie umkommen zu lassen. 9,25 Und als es vor den König kam, befahl er durch einen Brief, sein böser Anschlag, den er gegen die Juden geplant hatte, solle auf seinen Kopf zurückkommen. So hängte man ihn und seine Söhne am Holzpfahl auf. 9,26 Deshalb nannte man diesen Tag Purim, nach dem Namen ‚Pur‘. Deshalb, wegen all der Worte dieses Briefes und dessen, was sie in dieser Hinsicht gesehen und erfahren hatten, 9,27 legten sich die Juden es [als Pflicht] auf und nahmen es als unveränderlichen Brauch an für sich und für ihre Nachkommen und für alle, die sich ihnen anschlössen, diese beiden Tage Jahr für Jahr zu feiern nach der für sie [geltenden] Vorschrift und der ihnen festgesetzten Zeit. 9,28 Und [sie bestimmten], dass diese Tage in Erinnerung bleiben und gefeiert werden sollten in jeder einzelnen Generation, in jeder einzelnen Familie, in jeder einzelnen Provinz und in jeder einzelnen Stadt, und dass diese Purimtage bei den Juden nicht untergehen und die Erinnerung an sie bei ihren Nachkommen kein Ende finden sollten. (Elberfelder revidierte Übersetzung)

אסתר פרק ט [7]
כ וַיִּכְתֹּ֣ב מָרְדֳּכַ֔י אֶת־הַדְּבָרִ֖ים הָאֵ֑לֶּה וַיִּשְׁלַ֨ח סְפָרִ֜ים אֶל־כָּל־הַיְּהוּדִ֗ים אֲשֶׁר֙ בְּכָל־מְדִינוֹת֙ הַמֶּ֣לֶךְ אֲחַשְׁוֵר֔וֹשׁ הַקְּרוֹבִ֖ים וְהָֽרְחוֹקִֽים׃
כא לְקַיֵּם֮ עֲלֵיהֶם֒ לִֽהְי֣וֹת עֹשִׂ֗ים אֵ֠ת י֣וֹם אַרְבָּעָ֤ה עָשָׂר֙ לְחֹ֣דֶשׁ אֲדָ֔ר וְאֵ֛ת יוֹם־חֲמִשָּׁ֥ה עָשָׂ֖ר בּ֑וֹ בְּכָל־שָׁנָ֖ה וְשָׁנָֽה׃
כב כַּיָּמִ֗ים אֲשֶׁר־נָ֨חוּ בָהֶ֤ם הַיְּהוּדִים֙ מֵאֹ֣יְבֵיהֶ֔ם וְהַחֹ֗דֶשׁ אֲשֶׁר֩ נֶהְפַּ֨ךְ לָהֶ֤ם מִיָּגוֹן֙ לְשִׂמְחָ֔ה וּמֵאֵ֖בֶל לְי֣וֹם ט֑וֹב לַֽעֲשׂ֣וֹת אוֹתָ֗ם יְמֵי֙ מִשְׁתֶּ֣ה וְשִׂמְחָ֔ה וּמִשְׁלֹ֤חַ מָנוֹת֙ אִ֣ישׁ לְרֵעֵ֔הוּ וּמַתָּנ֖וֹת לָֽאֶבְיֹנִֽים׃
כג וְקִבֵּל֙ הַיְּהוּדִ֔ים אֵ֥ת אֲשֶׁר־הֵחֵ֖לּוּ לַֽעֲשׂ֑וֹת וְאֵ֛ת אֲשֶׁר־כָּתַ֥ב מָרְדֳּכַ֖י אֲלֵיהֶֽם׃
כד כִּי֩ הָמָ֨ן בֶּֽן־הַמְּדָ֜תָא הָֽאֲגָגִ֗י צֹרֵר֙ כָּל־הַיְּהוּדִ֔ים חָשַׁ֥ב עַל־הַיְּהוּדִ֖ים לְאַבְּדָ֑ם וְהִפִּ֥ל פּוּר֙ ה֣וּא הַגּוֹרָ֔ל לְהֻמָּ֖ם וּֽלְאַבְּדָֽם׃
כה וּבְבֹאָהּ֮ לִפְנֵ֣י הַמֶּלֶךְ֒ אָמַ֣ר עִם־הַסֵּ֔פֶר יָשׁ֞וּב מַֽחֲשַׁבְתּ֧וֹ הָֽרָעָ֛ה אֲשֶׁר־חָשַׁ֥ב עַל־הַיְּהוּדִ֖ים עַל־רֹאשׁ֑וֹ וְתָל֥וּ אֹת֛וֹ וְאֶת־בָּנָ֖יו עַל־הָעֵֽץ׃
כו עַל־כֵּ֡ן קָֽרְאוּ֩ לַיָּמִ֨ים הָאֵ֤לֶּה פוּרִים֙ עַל־שֵׁ֣ם הַפּ֔וּר עַל־כֵּ֕ן עַל־כָּל־דִּבְרֵ֖י הָֽאִגֶּ֣רֶת הַזֹּ֑את וּמָֽה־רָא֣וּ עַל־כָּ֔כָה וּמָ֥ה הִגִּ֖יעַ אֲלֵיהֶֽם׃
כז קִיְּמ֣וּ וקבל (וְקִבְּל֣וּ) הַיְּהוּדִים֩ ׀ עֲלֵיהֶ֨ם ׀ וְעַל־זַרְעָ֜ם וְעַ֨ל כָּל־הַנִּלְוִ֤ים עֲלֵיהֶם֙ וְלֹ֣א יַֽעֲב֔וֹר לִֽהְי֣וֹת עֹשִׂ֗ים אֵ֣ת שְׁנֵ֤י הַיָּמִים֙ הָאֵ֔לֶּה כִּכְתָבָ֖ם וְכִזְמַנָּ֑ם בְּכָל־שָׁנָ֖ה וְשָׁנָֽה׃
כח וְהַיָּמִ֣ים הָ֠אֵלֶּה נִזְכָּרִ֨ים וְנַֽעֲשִׂ֜ים בְּכָל־דּ֣וֹר וָד֗וֹר מִשְׁפָּחָה֙ וּמִשְׁפָּחָ֔ה מְדִינָ֥ה וּמְדִינָ֖ה וְעִ֣יר וָעִ֑יר וִימֵ֞י הַפּוּרִ֣ים הָאֵ֗לֶּה לֹ֤א יַֽעַבְרוּ֙ מִתּ֣וֹךְ הַיְּהוּדִ֔ים וְזִכְרָ֖ם לֹֽא־יָס֥וּף מִזַּרְעָֽם׃

MISCHNA/TALMUD
Zweite Hauptquelle ist das Mischna-/Talmudtraktat [8] „Megilla/מגילה“
Megilla ist der 10. Traktat der Mischna in der Ordnung Moed/מועד („Festzeiten“). Wenn im Talmud von Megilla gesprochen wird, ist immer die Rolle des Buches Esther gemeint. Nur die ersten beiden Kapitel der Mischna, sowie die erste Mischna im 4. Kapitel behandeln Purim.
Der Inhalt der Mischna:
Kapitel 1 Die Daten an denen die Estherrolle verlesen wird (3 Mischnajot),
Kapitel 2 Über die Verlesung der Estherrolle (6. Mischnajot)
Kapitel 3 Kauf und Verkauf sakraler Objekte (3. Mischnajot) und Toralesung in Gottesdiensten
Kapitel 4 Weitere Vorschriften zur Toralesung in Gottesdiensten

SCHULCHAN ARUCH
Der קצור שולחן ערוך (Kizzur Schulchan Aruch) [9] enthält insgesamt 23 Pragraphen zu Purim und der Lesung der Esther Rolle in Abschnitt 141:
1. Mehren der Freude im Adar
2. Fasten am 13. Adar / תענית אסתר Grund für das Fasten, und wer fasten soll.
3. Datum für das Fasten, wenn Shabbat auf den ersten Tag der Woche fällt.
4. Vorschriften für die Liturgie und das Lesen der Megillat Esther
5. Spenden – die Hälfte der am Ort gängigen Münzeinheit als Erinnerung an den halben Schekel. Es sei aber (auch) Brauch, drei Hälften zu geben, wegen der dreimaligen Erähnung des Wortes תרומה (Trumah) in Ex. 30.11ff.
6. על הנסים in der Amida
7. Jeder ist verpflichtet, die Lesung der Meggila bei Nacht und am Tag zu hören, sowohl Männer als auch Frauen.
8. Zeitpunkt der Lesung am Abend erst nach dem Sichtbarwerden der Sterne
9. Bevorzugt ist die Lesung in einer großen Versammlung, mind. sollte es jedoch ein Minjan sein. In Ausnahmefällen auch weniger, dann gibt es aber besondere Vorschriften für die Brachot.
10. Der Vorleser breitet die komplette Rolle aus und legt sie doppelt, da in Esther 9.29 von einem Purimbrief gesprochen wird und die ausgebreitete Rolle wie ein Brief aussieht.
11. Vorschriften zu den Brachot
12. Das Schehechejanu soll auch das Gebot der Almosen mit einschließen.
13. Vorschriften für den Vorleser – er /sie soll die nötige Kavanah besitzen (auch dass er für andere die Megilla ließt), dass er gut zu hören ist, dass jedes Wort gehört werden kann, was wiederum bedeutet, dass er nicht weiterlesen darf, solange die Gemeinde bei der Nennung des Namens Haman Lärm [10] macht.
14. Vorschriften zur Lesung/ Besondere Betonungen.
15. Vorschriften für die Zuhörer
16. Wenn jemand bereits die Megilla gehört hat, kann er sie trotzdem für andere vorlesen
17. Verbot des Tragens der Megilla an Shabbat (außerhalb der Synagoge).
18. Regelungen wenn die Gemeinde keinen professionellen Kantor hat.
19. Regelungen, wenn die Gemeinde nur eine beschädigte Megilla hat.
20. Regelungen für Trauernde in der Schiwa
21. Regelungen für Trauernde, deren Angehörige/r zu Purim verstorben ist
22. Vorschriften zur Torah Lesung an Purim
23. Purim in Gemeinden, die zur Zeit Jehoschua bin Nuns mit einer Mauer versehen waren, feiern Purim am 15. Adar
Der Abschnitt 142 enthält Vorschriften zum Schicken von Gaben an Purim.

DAS BUCH ESTHER
INHALT:
* Verstoßung der Königin Vasti (1,1-22)
* Esther wird Königin (2,1-18)
* Entdeckung des Mordanschlages gegen Achaschwerosch (2,19-23)
* Hamans Erlass zur Vernichtung der Juden (3,1-15)
* Mordechai bewegt Esther zur Fürbitte beim König für ihr Volk (4,1-5,8)
* Haman will Mordechai töten lassen, weil er ihn nicht ehrt (5,9-14)
* Mordechai muss von Haman geehrt werden und wird nach dessen Tod sein Nachfolger (6,1-7-10)
* Mordechai und Esther bewirken beim König ein neues Edikt, das den Juden erlaubt, sich gegen
ihre Feinde zu wehren (8,1-17)
* Die Juden besiegen und töten ihre Feinde (9,1-16)
* Zum Gedenken an diese Errettung wird das Purimfest eingeführt (9,17-23)
* Größe und Macht Mordechais (10,1-3)
DATIERUNG:
Nach der jüdischen Überlieferung wurde das Buch um 400 v.d.Z. verfasst, christliche Datierungsversuche geben als Frühdatierung die Zeit noch vor den Untergang des Perserreiches vor Alexander den Großen (um 330 v.d.Z..) an. Laut Erich Zenger zeigen genauer Analyse jedoch, dass die schwachen Kenntnisse persischer Verhältnisse im Buch Esther, eher eine Datierung des Buches Esther in das 3. Jahrhundert v.d.Z. realistischer erscheinen lassen. Dafür spricht zudem, dass das Judenverfolgungen in der Zeit der nach dem Tod Alexanders des Großen aktuell waren. [11]
Das Buch Esther in der Septuaginta hat erhebliche Veränderungen und Zusätze zum hebräischen Text, die wohl erst einige Zeit später geschrieben wurden (1. Jahrhundert v.d.Z). In der Lutherbibel stehen die Zusätze als „Stücke zu Ester“ unter den Apokryphen.
DER VERBORGENE GOTT
Nur in zwei Büchern des Tana“ch wird der Name Gottes nicht erwähnt. Zum einen in der Megilat Shir ha Shirim und eben im Buch Esther. Die Weisen bezeichnen seine Rolle als הסתר פנים (hester panim – Verbergen des Gesichts. Auch wenn im jüdischen Glauben der Grundsatz verankert ist, dass alles, was sich am Ende dem Guten zuwendet, Gottes willen folgt, scheint es in der Megillat Esther, als ob alles nur durch menschliches Wirken geschieht. Jüdische Philosophen und Kommentatoren sehen gerade im Fehlen von Gottes Namen eine wichtige Lehre dahingehend, dass Gott auch dann wirkt, wenn es nicht augenscheinlich ist. In „Erinnerung“ daran, dass Gott im Buch Esther verborgen ist, aber durch das Purim-Wunder wirkt, verkleiden sich Juden zu Purim – so eine Deutung. Mehr dazu unter „Bräuche“.

BRÄUCHE

Die Quelle dafür, dass man an Purim viel Trinken soll, ist bereits in der Übersicht benannt. Neben dem Brauch, viel zu trinken, gibt es einige weitere Bräuche, von denen hier zwei kurz vorgestellt werden sollen:
DAS VERKLEIDEN ZU PURIM / PURIMSPIEL
Neben der zuvor beschriebenen Erklärung, dass Gott selbst in der Erzählung verborgen ist, scheint ein Thema der Megillat Esther das Spiel mit Identitäten zu sein. So verbirgt Esther zunächst ihre Herkunft, Mordechai verbirgt seine Sprachkenntnisse und Haman und Mordechai werden entsprechend einer Deutung im Talmud von Haman’s Tochter verwechselt.
Am wahrscheinlichsten ist, dass die Tradition, sich zu Purim zu verkleiden, eine recht junge Entwicklung ist, entstanden irgendwann in den letzten 500 Jahren. Das exakte Datum ist umstritten, Theorien gehen davon aus, dass sie zunächst in Italien, als Adaption des Karnevals entstand. Zu erst erwähnt wird Purim von Jehuda ben Eliezer ha-Levi Minz „MaHaRI Minz“(ca. 1405-1508 in Padua [12]) [13].
Außerhalb Europas ist das Verkleiden zu Purim wahrscheinlich nicht älter als 150 Jahre.
DAS „VERSCHICKEN“ VON ALMOSEN
Im Buch Esther heißt es in 9.22:
Als die Tage, an denen die Juden vor ihren Feinden zur Ruhe gekommen waren, und als den Monat, der sich ihnen von Kummer zur Freude und von Trauer zum Festtag verwandelt hatte , dass sie diese feiern sollten als Tage des Festmahls und der Freude, an denen man sich gegenseitig Anteile zusendet und Geschenke an die Armen gibt.
Daraus werden die zwei Mitzwot abgeleitet, die ein Herzstück von Purim geworden sind. Nach der Halacha muss jeder Jude ab dem Bat-/Bar-Mitzwah-Alter zwei verschiedene, „ready-to-eat“ Speisen (משלוח מנות,mishloach manot, Senden von Anteilen) zu einem Freund senden und mind. zwei Spenden (Geld oder Essen) leisten, um die Mitzwot zu erfüllen.

QUELLEN
Kizzur Schulchan Aruch, Übers. von Selig Bamberger, Goldschmidt Verlag, Basel, Reprint 2001, Band II, ISBN 3-85705-006-3
Der Babylonische Talmud, Ubers. von Lazarus Goldschmidt, Jüdischer Verlag, Frankfurt, Reprint 1996, Band IV
Die Mischna, Übers. von Dietrich Correns, Marix Verlag, Wiesbaden, 2005, ISBN 3-86539-016-1
Georg Robinson: Essential Judaism, Pocket Books, New York, 2001, ISBN 0-671-03481-2
Neues Lexikon des Judentums (NLJ), Hg. Julius H. Schoeps, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, 2000, ISBN 3-579-02305-5
Alfred J. Kolatsch: Jüdische Welt Verstehen, fourier, Wiesbaden, 2000, ISBN 3-925037-68-3
Joseph Telushkin, Jewish Literacy, Morrow, New York, 1991, ISBN 0-688-08506-7
The Jewish Encyclopedia in 12 Volumes (TJE), 1901-1906, Online Reprint unter http://www.jewishencyclopedia.com, Seite 274ff
http://de.wikipedia.org/wiki/Buch_Ester
http://en.wikipedia.org/wiki/Purim

FUSSNOTEN
1 Babylonian Talmud, Megillah 7b, Im Hebräischen haben die beiden Phrasen denselben Zahlenwert und es heißt, dass man soviel trinken muss, bis man nicht mehr fähig ist, den Zahlenwert zu bestimmen.
2 NLJ Seite 684
3 Kolatch, S. 317
4 bMegila 2a, erstaunlicherweise auch Prag. In Frankfurt am Main wird „am 20. Adar das Fest Purim Vintz, das an die Niederschlagung des judenfeindlichen Fettmilch-Aufstands und an die feierliche Rückführung der zuvor vertriebenen Gemeinde in die Judengasse erinnert.“
5 Der Adar als der fröhlichste Monat:
Die Rabbinen legen in bTa’anit 29a fest, dass man mit dem Eintritt des Adars die Fröhlichkeit mehre:
„כו‘: אמר רב יהודה בריה דרב שמואל בר שילת משמיה דרב: כשם שמשנכנס אב ממעטין בשמחה כך משנכנס אדר מרבין בשמחה“ „R. Jehuda, Sohn des R. Schmuel ben Schilath, sagte im Namen Rabhs: Wie man mit dem Eintritt des Av die Fröhlichkeit einschränke, ebenso MEHRE man die Fröhlichkeit mit dem Eintritt des Adar“
6 bMeg 4b – Talmud Seite 12f , Schulchan Aruch, Orach Chaim 697
7 http://mechon-mamre.org/c/ct/c3309.htm
8 Mischna, a.a.O. Seite 271f / Talmud, a.a.O. Seite 3ff
9 Kizzur Schulchan Aruch, a.a.O. Band II, Seite 831
10 Der Brauch, den Namen Hamans zu Übertönen wird von dem Torahzitat: „… dann sollst du die Erwähnung Amaleks unter dem Himmel auslöschen. Vergiss es nicht!“ (Devarim 25:19) abgeleitet.
11 Zenger, Erich: Das Buch Ester, in: Erich Zenger u. a. (Hgg.): Einleitung in das Alte Testament. Stuttgart 1995 S. 266-275
12 TJE, a.a.O Seite 604
13 Responsa 17, zitiert in der Anmerkung von Mosche Isserlich im Schulchan Aruch, Orach Chaim Kap. 47, 696:8 , in der er den Brauch als Belustigung klassifiziert, die keine Übertretung der Torah darstellt.

(P.S. Wenn jemand den Artikel verwendet, bitte ich um eine freundliche Erwähnung in den Quellen)

2 Gedanken zu „Purim – eine kleine Quellen-Sammlung

  • 9. März 2009 um 15:45
    Permalink

    Nicht schlecht.
    Einige Bereiche hast Du aber ausgespart,
    die mit der Frage zu tun haben,
    worum es an Purim „eigentlich“ geht.
    Du weist zwar auf Massecheth Megillah hin
    und skizzierst die Mischnajoth.
    Wie so oft im Talmud, stehen fundamentale Dinge
    zu Purim aber anderso, z. B. Schabat 88a.
    Amalek wird oben nur kurz in einer Fußnote erwähnt.
    Auf die Parallelen zur Josephsgeschichte wird
    gar nicht hingewiesen.
    Wichtige Details zur Purimgeschichte stehen nicht
    in der Megillah, sondern anderswo im Na“ch.

    Wenn Purim so „klein“ ist, wie oben behauptet,
    wieso sagt Tikkunei Sohar „Jom k’Purim“?
    Wieso heisst es im Midrasch,
    dass in messianischer Zeit
    nur noch Purim gefeiert wird
    und alle anderen Feiertage obsolet sind?
    Und das soll die jüdische Antwort auf den Karneval sein???

    Ausserdem markiert Purim den Übergang vom
    prophetischen zum rabbinischen Judentum.

    Noch ein interessanter Gedanke:
    Dr Solomon Breuer, der Rabbiner der
    berühmten Adath Jeschurun in Frankfurt,
    Schwiegersohn und Nachfolger von S. R. Hirsch,
    erklärt, warum die Juden in Schuschan „newochah“
    (verwirrt, 3:15) waren,
    die Juden in den Provinzen aber nicht
    – im Gegenteil, sie haben sofort Teschuwah gemacht, 4:3.
    Er sagt nämlich,
    dass die Juden in Schuschan zur Assimilation neigten,
    einem Phänomen dem die Oberschicht auch in
    anderen Generationen erlag.
    Diese Neigung erkennt man auch schon daran, dass sie
    entgegen Mordechais Warnung am Festmahl teilnahmen.
    Er zitiert auch einen Midrasch, der erklärt,
    dass Esther mit der Frage „l’daath ma-seh we al-ma-seh“ (4:5)
    die Vermutung über die Ursache für diese Entwicklung ausstiess, dass die Juden
    im Glauben ( keli we-anwehu, II 15:2)
    oder in der Observanz (mi-seh II 32:15) schwächelten.
    Mordechai stellt demnach in seiner Antwort
    einen Zusammenhang über die Worte „karahu“ (Esther 4:7) und cha (V 25:18) zu Amalek her.
    Und Amalek kam als unmittelbare Reaktion auf
    Israels Zweifel an G-ttes Vorsehung (II 17:7).
    Im wesentlichen sagt er also voraus,
    dass die Assimilation ein neues Amalek
    heraufbeschwören werde.
    Er hat nicht mehr erlebt, dass er rechtbehalten hat.
    Er verstarb 1926.

    Bekannter für einen ähnlichen Gedanken
    („Sie glauben, Berlin ist Jerusalem“) ist
    R. Meir Simcha aus Dvinsk,
    bekannt als Autor des „Meschech Chochmah“,
    ebenfalls niftar 1926.

    Die Parallele der Schoah zu Purim hat
    Julius Streicher, jimach schmo, vor seiner Hinrichtung selber hergestellt, indem er „Purim 1946“ rief. Und es gibt weitere unglaubliche Parallelen:
    http://www.jewishmediaresources.com/article/338/

    Eine tiefere Erklärung,
    was es mit dem Trinken an Purim auf sich hat,
    habe ich hier gehört:
    http://torahway.org.uk/archive/mp3/01-03-2009.mp3

    Ansonsten empfehle ich noch Or Chadasch (Maharal).
    Es gibt natürlich zahlreiche andere Klassiker,
    die die Hintergründe zu Purim ausleuchten.

    Zom Kal, Purim sameach

    YM

  • 9. März 2009 um 16:13
    Permalink

    wow, danke für die tollen ergänzungen.

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