Israel und Edom

Die Haftarah für den letzten Shabbat war nach sefardischer Tradition das Buch Obadiah. Diese Wahl scheint der sonst üblichen Auswahl zu widersprechen, nach der die Haftarah inhaltlich parallel zur Torah-Lesung sein sollte. Während unser Wochenabschnitt die Versöhnung der Zerstrittenen Brüder Jacob und Esau zum Thema hat, beschreibt die Haftarah die ewige Feindschaft zwischen Israel und Edom. Die Wahl der Haftarah muss eine tiefere Bedeutung haben.

Zunächst als eine kleine Erläuterung. Am Ende unseres Wochenabschnittes erfahren wir, dass Esau zum Stammvater von Edom wurde, vergleichbar mit Jakob der Stammvater von Israel wurde. Obadiahs Vision ist eine langatmige Rede an Edom, welches sich an der Eroberung Jerusalems im Jahre 586 vdZ beteiligt hatte. Die Ursprüngliche Nation Edom lebte zunächst auf der anderen Seite des Toten Meeres und war immer in kriegerischen Auseinandersetzungen mit Juda und Israel involviert. Später, als Rom die beherrschende Macht am Mittelmeer wurde und sich auch mit Gewalt die Herrschaft über Israel aneignete, fing man an Rom mit Esau, bzw. Edom gleichzusetzen. Diese Assoziation übertrug sich auf das Christentum, als es zur Staatsreligion im römischen Reich erhoben wurde.

Die Wahl, das Buch Obadiah als begleitende Lesung zur Versöhnung von Jacob und Esau zu nehmen, war möglicherweise dazu gedacht, die zweideutigen Haltung des Judentums gegenüber fremden weltlichen Herrschern zu reflektieren. Kann wirklich jemals Frieden herrschen – Frieden zwischen Jacob und Esau? Übertragen auf uns heute: Kann es einen „Frieden“ mit Christen und Muslimen geben?

Diese Frage wird in einem bekannten Midrasch zu unserem Wochenabschnitt aufgegriffen. In der Torah findet man in diesem Wochenabschnitt eine Besonderheit, genau an der Stelle, an der Jacob und Esau sich wiedertreffen und sich umarmen und küssen. Das Wort für „und er (Esau) küsste ihn (Jakob)“ וַיִּשָּׁקֵהוּ  (siehe Bild) hat kleine Punkte über jedem Buchstaben. Diese Besonderheit lädt ein, sich damit eingehender zu beschäftigen und führte eben zu jener Debatte im Midrash Bereshit Rabah (78.9):


„[Eine Meinung zu den Punkten besagt, dass diese] uns lernen sollen, dass Esau voller Mitgefühl in diesem Moment für seinen Bruder war und ihn von ganzem Herzen küsste. Rabbi Yanai widersprach: Aber warum sind dann diese Punkte über dem Wort? Wahrscheinlich sollen sie uns lehren, dass er NICHT kam um Jacob zu küssen, sondern um ihn zu beißen. VAYINASHHEIHU. [Nur ein Buchstabe macht den Unterschied zwischen küssen und beißen.] Aber [so geht der Midrash weiter] Jacobs Nacken wurde zu Marmor und Esau biss sich einen Zahn aus. Warum hält die Torah fest, dass die Brüder weinten? Esau weinte über den verlorenen Zahn und Jacob über seinen Nacken. (Nacherzählt nach Bereshit Rabbah 78.9)

Man wünscht sich, dass das Treffen zwischen den beiden Brüdern ruhig und voller dauerhafter Vergebung war, aber unsere Haftarah Lesung bezeugt, dass der Konflikt zu diesem Zeitpunkt keine Lösung fand. Schon vor der Geburt der beiden Brüder bekommt Rivka prophezeit, dass in Ihrem Bauch zwei Völker heranwachsen, die miteinander streiten werden. Nur durch ein Wunder kam es laut dem Midrash bei ihrem Zusammentreffen zu keinem Blutvergießen.
Das klingt Traurig und so, als ob es keinen Frieden unter diesen ungleichen Brüdern geben kann.

Noch einmal gefragt: Bedeutet das, dass wir (Israel) immer im konfliktreichen Miteinander mit unseren christlichen Nachbarn (Edom) sein werden?

Unsere Torah nennt uns noch ein anderes Beispiel von zwei Brüdern: Itzchak und Ischmael. Auch ihr Miteinander hätte voller Konflikte sein können. Ihre Mütter waren z.B. eifersüchtig aufeinander und Itzchak wurde der Erbe Abrahams – obwohl Ischmael der Erstgeborene war.
Wo ist also der Unterschied. Bei Itzchak und Ischmael sehen wir, dass sie nicht versuchten die Grenzen des anderen zu übertreten. Beide werden Stammväter, aber nicht von einer Familie und einem Volk, sondern getrennt voneinander. Als Avrahm stirbt, kommen beide zu seinem Grab, jeder von seinem Ort. Und danach trennen sie sich wieder in Frieden.

Für mich ist das ein hilfreiches Bild. Wenn wir z.B. in den Dialog mit Christen oder Muslimen treten, dann müssen wir nicht darum kämpfen, wer der bessere ist und wer nicht. Wir müssen nicht den anderen überzeugen, dass er so werden soll wie wir. Wir haben einen gemeinsamen Stammvater, der uns verbindet, aber wir haben unterschiedliche Mütter, die uns trennen. In dieser Gewissheit können wir mit einander reden, zusammenkommen und dann auch wieder in Respekt auseinander gehen. Wie Itzchak und Ischmael.

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