Parashat Pinchas: der beschädigte G’tt

Könnte es sein, dass wir momentan Zeugen eines Auflösungsprozesses werden. Ganz ehrlich, das Ende des letzten Wochenabschnittes und der Wochenabschnitt von dieser Woche, beschreiben ein ganz schönes Chaos im Lager der Israeliten.

Schauen wir uns doch einmal die Situation genauer an.

Stiftszeltnachbau in Shilo

Stiftszeltnachbau in Shilo

Die 40jährige Wüstenwanderung geht ihrem Ende zu. Von der ersten Generation, also denjenigen, die einst Sklaven waren, lebt nur noch eine Hand voll, das Volk ist müde von der Wanderung, Moshe ist längst kein dynamischer Anführer mehr und die vor 40 Jahren eingeführten Rituale und Gebote scheinen wie Moshe an Autorität verloren zu haben. Gleichzeitig ist das Volk mit den ersten Kriegen im Rahmen der Landnahme konfrontiert. Nach dem Krieg gegen die Emori ist eine Auseinandersetzung mit Moav unausweichlich.

Es geschieht, was geschehen muss: Die Situation geriet außer Kontrolle. Nach dem Segen Bileams über die Israeliten sprach alles dafür, dass die Autorität Moshes und damit auch die von G’tt gebrochen war. Für die Israeliten musste es so wirken, als ob es der Prophet eines fremden G’ttes war, der Israel in direkter Konfrontation mit dem Feind Moav segnete, nicht einer von G’ttes Priestern. Es scheint mir fast logisch, dass Zimri wie alle anderen Israeliten sich von G’tt abwand und den Ba’al Peor anbetete. Die Regeln, Gebote und Verbote der Torah hatten nach 40 Jahren in der Wüste ihre Gültigkeit verloren. Mit der Folge, dass die Gesellschaftsordnung im Lager zusammen brach. G’ttes Reaktion darauf war in meinen Augen nicht unerwartet: Er schlug wie wild um sich und ließ in seiner Zornesglut die Israeliten an einer Seuche sterben.

Blicken wir zurück. Im Wochenabschnitt „Ki Tissa“ sind wir schon einmal Zeugen einer vergleichbaren Situation geworden. Wie in dieser Woche waren die Israeliten im Grunde Führerlos. Damals schufen sie das Goldene Kalb, und diesmal übernahmen sie die Bräuche der Moabiter um wieder Stabilität zu finden. Damals wie heute reagierte G’tt zornig und eifersüchtig. Es gibt aber einen markanten Unterschied: Damals reagiert Moshe auf die Ereignisse. Er stellt sich vor G’tt und Kämpft gegen die Vernichtung des Volkes und vor allem für die Ehre G’ttes:

„Warum sollen die Mizraijm sprechen: Zum Unglück hat er sie herausgeführt, sie zu erschlagen auf dem Bergen … Kehre um von deiner Zornesglut und bedenke dich wegen des Unheils über Dein Volk“ (Ex 32.12f)

Und diesmal? Was macht Moshe jetzt? Es scheint, er hat aufgegeben. Er versucht nicht mehr G’tt zu stoppen. Er wird zu einem passiven Beobachter und Henker. Ich muss zugeben, ich war enttäuscht von seiner Reaktion. Sollte die Geschichte vom Auszug aus Ägypten tatsächlich so enden? Sollte Israel so kurz vor dem Einzug ins versprochene Land verschwinden? Vernichtet von einer Seuche bzw. komplett assimiliert im Volk der Moabiter?
Wenn Ihr mich fragt, ich glaube, dass wir wirklich kurz davor waren, hätte Pinchas nicht eingegriffen. Auf dem Höhepunkt der Entweihung G’ttes, dem Augenblick als Zimri, der Prinz aus Israel, mit Kosbi, der moabitischen Fürstentocher, im Zelt verschwanden (einigen Kommentatoren zufolge handelte es sich hierbei um das Stiftszelt) um den neuen Bund zwischen Israel und Moav und damit mit dem Ba’al Peor, durch die körperliche Vereinigung zu besiegeln, sehen wir Pinchas die beiden töten. Diese dramatische Handlung bringt die Wende.

Erstaunlicherweise endete der Wochenabschnitt von letzter Woche genau auf diesem dramatischen Höhepunkt – mit einem Blick auf die 24.000 Toten. Wir alle haben gelernt, dass man die Toralesung nicht mit etwas negativen beenden soll, aber trotzdem finden wir genau hier einen solchen Schluss. - Es ist wie ein Innehalten, Nachdenken über das, was gerade geschehen ist. Eine Atempause für uns und für G’tt.

Zu Beginn unseres Wochenabschnittes lesen wir:

„Pinchas, Sohn Elazars … hat meinen Grimm abgewendet von den Kindern Israels, indem er eiferte an meiner Statt unter ihnen, dass ich nicht auftrieb die Kinder Israel in meinem Eifer (Num 25.11)“

Pinchas konnte nicht wie Moshe direkt mit G’tt sprechen um ihn in seiner Wut zu stoppen, aber durch sein, zugegebener Maßen extremes, Handeln, konnte er ihn doch erreichen.
Ich will die Tat Pinchas nicht gut heißen, ich frage mich aber selbst, wie wir Situationen, in denen alles außer Kontrolle gerät, wieder in geordnete Bahnen zurück lenken können. Wie stoppen wir jemanden, der wie wild um sich schlägt? Oder auf unsere Gemeindesituation übertragen, wie verhindern wir, dass ein Moment so aus dem Ruder läuft, dass der Name G’ttes beschädigt werden könnte?

Pinchas ist für mich nicht vergleichbar mit den Extremisten, die heute im Namen G’ttes töten. Er hat genau das Gegenteil aufgezeigt. Töten aus Eifer beschädigt den Namen G’ttes und bringt weiteres Töten mit sich. Die Handlung Pinchas war wie eine Ohrfeige für das Volk und für G’tt, oder ein lautes auf den Tisch schlagen. Die Reaktion G’ttes darauf zeigt, dass es sich dabei nur um eine einmalige, extreme Handlung handeln durfte und dass wir in solch einer Situation den Frieden suchen müssen. Pinchas wird nicht zum neuen Anführer der Israeliten, oder zu einem Krieger, Gewalt ist nicht die Lösung. Durch den Friedensbund bindet G’tt – Pinchas an sich und an das Volk Israel. Der Extremist wird als Priester zum Vermittler zwischen ihnen und G’tt.

Für uns bedeutet es, dass wir extreme Situationen und Positionen wahrnehmen müssen, auch wenn sie uns unangenehm sind. Wir müssen ihnen entschieden entgegentreten, aber gleichzeitig müssen wir auch lernen sie einzubinden. Manchmal muss man doch den Bock zum Gärtner machen. Schalom bedeutet eben mehr als nur Frieden.

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