Tu Bi Schwat (ט״ו בּׅשְׁבָט)

Ein aufmerksamer Leser hat festgestellt, dass gerade der Monat Schwat nach dem jüdischen Kalender begonnen hat. Im Monat Schwat wird nach jüdischer Tradition der Beginn eines neuen Jahres gefeiert. Die Frage lautete: „Warum feiern Juden im Februar ein weiteres Neujahrsfest?“:

Tu Bi Schwat (ט״ו בּׅשְׁבָט) der 15. Schwat (ט״ו = 9+6) oder Chamischa Asar Be Schwat (חמשה-עשר בשבט)

Tu Bi Schwat, das „Neujahr der Bäume“ fällt in unseren Breitengraden auf einen Zeitpunkt, der weder groß an Landwirtschaftlich, geschweige denn an Aktivitäten wie das einpflanzen neuer Bäume erinnert. Der 15 Tag des Monats deckst sich fast auf den Tag genau mit dem Tag, der kalendarisch die Mitte des Winters markiert. In diesem Jahr der 8.-9. Februar (2009). In klimatisch mildere Zonen, wie z.B. Israel, beginnen zu diesem Zeitpunkt jedoch schon wieder die ersten die Pflanzen auszutreiben, u.a. die Bäume.

Traditionell markiert der 15. Schwat das Datum, welches für die Berechnung des Zehnten von Obst zu Grunde gelegt wurde. Jede Frucht, die vor diesem Datum gewachsen ist, wird zum vorherigen Jahr gezählt, jede Frucht die danach wächst, für das kommende Jahr.

Tu Bi Schwat ist ein weniger bedeutender Feiertag im jüdischen Jahresablauf, dessen Anfänge nur in die Zeit der zweiten Tempelperiode zurückreichen. Sephardische Juden gaben dem Neujahr der Bäume eine größere Bedeutung. Beeinflusst durch die Kabbalisten in Safed im 16. Jahrhundert reicherten sie den Feiertag mit neuer Liturgie und Rieten an, allem voran einem Sederabend an. Vor allem in sephardischen und zunehmend auch in Reformgemeinden wird dieser Brauch bis heute fortgeführt.

Mit aufkommen des Zionismus und vor allem nach der modernen Staatsgründung Israels hat der Feiertag eine große verbindende Rolle zwischen Diaspora und Israel bekommen. Eingeführt als „der“ Tag im Jahr, an dem in Israel neue Bäume zur Wiederaufforstung gepflanzt werden, wird Jahr für Jahr in der Diaspora, speziell zu diesem Anlass, Geld durch die Nationalfonds gesammelt.

Eng mit dieser letzten Bedeutung ist die in der jüngeren Vergangenheit aufkommende Tradition, den Feiertag mit Umweltschutz zu verbinden. So werden in Israel heute nicht mehr nur neue Bäume gepflanzt, sondern auch vermehrt Projekte durchgeführt, die dem Umweltschutz diesen, wie z.B. Müll sammeln, ökologischer Anbau in der Landwirtschaft u.ä.

Mein Freund der Baum ... Tu Bi Schwat Aktion in Israel
Mein Freund der Baum ... Tu Bi Schwat Aktion in Israel

Neujahr der Bäume
Die erste Quelle für diese Bezeichnung findet sich in der Mischna, Seder Moed, Traktat: Rosch Ha Schanah, 1.1:

„אַרְבָּעָה רָאשֵׁי שָׁנִים הֵם.
בְּאֶחָד בְּנִיסָן רֹאשׁ הַשָּׁנָה לַמְּלָכִים וְלָרְגָלִים.
בְּאֶחָד בֶּאֱלוּל רֹאשׁ הַשָּׁנָה לְמַעְשַׂר בְּהֵמָה. רַבִּי אֶלְעָזָר וְרַבִּי שִׁמְעוֹן אוֹמְרִים, בְּאֶחָד בְּתִשְׁרֵי.
בְּאֶחָד בְּתִשְׁרֵי רֹאשׁ הַשָּׁנָה לַשָּׁנִים וְלַשְּׁמִטִּין וְלַיּוֹבְלוֹת, לַנְּטִיּעָה וְלַיְרָקוֹת.
בְּאֶחָד בִּשְׁבָט, רֹאשׁ הַשָּׁנָה לָאִילָן, כְּדִבְרֵי בֵית שַׁמַּאי. בֵּית הִלֵּל אוֹמְרִים, בַּחֲמִשָּׁה עָשָׂר בּוֹ:.“
– מסכת ראש השנה א, א

„[Die] vier Neujahre [sind] diese:
Am Ersten im Nisan [ist] Neujahr für die Könige und für die Feste.
Am Ersten im Elul [ist] Neujahr für den Viehzehnt. Rabbi El’azar und Rabbi Schim’on sagen: Am Ersten im Tischri.
Am ersten Tischri [ist] Neujahr für die Jahre, für die Erlaßjahre und für die Jubeljahre, für das Pflanzen [von Bäumen] und für die Kräuter.
Am Ersten im Schebat [ist] Neujahr für die Bäume, [sind die] Worte der Schule Schammais. Die Schule Hillels sagt: Am fünfzehnten in ihm.“

Da im Zweifel die Halacha nach Hillel entschieden wird, wir das Neujahr der Bäume am 15. Schwat gefeiert. Das Datum wurde entsprechend einer Auslegung des Talmuds deshalb gewählt, da bis zu diesem Zeitpunkt der meiste Regen in der jährlichen Regenzeit gefallen ist (bRH 14a, Goldschmidt a.a.O., Seite 561). Entsprechend wurde bei der Frucht der Bäume unterschieden, was durch die Bewässerung des Vorjahres gewachsen war, gilt als Frucht des alten Jahres und was durch die Bewässerung des neuen Jahres als Frucht hervorgeht, als Ertrag des neuen Jahres (bRH14a, a.a.O., Seite 561).

Das Datum hat innerhalb der Landwirtschaft daher zweierlei wichtige Funktionen: Zur Berechnung des Zehnten als Abgabe an den Tempel (Ma’asser) und zur Bestimmung welche Bäume älter oder jünger als drei Jahre sind. Gemäß Lev. 19. 23-25 dürfen die Früchte eines Baumes, in den ersten drei Jahren nicht konsumiert werden [Orlah (ערלה, „Verbot der Bäume „)]:

Lev. 19.23 Und wenn ihr in das Land kommt und allerlei Bäume zur Speise pflanzt, dann sollt ihr ihre Früchte als ihre Vorhaut unbeschnitten lassen. Drei Jahre sollen sie euch als unbeschnitten gelten, sie dürfen nicht gegessen werden. 24 Im vierten Jahr sollen all ihre Früchte dem HERRN eine heilige Festgabe15 sein. 25 Und im fünften Jahr sollt ihr ihre Früchte essen, damit ihr Ertrag euch den Gewinn vermehrt. Ich bin der HERR, euer Gott.

23 וכי־תבאו אל־הארץ ונטעתם כל־עץ מאכל וערלתם ערלתו את־פריו שלש שנים יהיה לכם ערלים לא יאכל׃ 24 ובשנה הרביעת יהיה כל־פריו קדש הלולים ליהוה׃ 25 ובשנה החמישת תאכלו את־פריו להוסיף לכם תבואתו אני יהוה אלהיכם׃

In der gegenwärtigen Halacha

Die aus dem Talmud entnommene Bestimmung, Tu Bi Schwat als Berechnungsdatum für die Bestimmung des Alters von fruchttragenden Bäumen – zwecks der Bestimmung der Orlah – zuverwenden hat bis heute ihre Gütigkeit. Oralah Fürchte gelten weiterhin als nicht-koscher. Der ursprünglich zu Tu bi Schwat erhobene Armen-Zehnt wird heute üblicherweise in Form von Geldspenden erhoben.

Tu Bi Schwat fällt generell auf den zweiten Vollmond vor Pessach, in Schaltjahren auf den dritten Vollmond vor Pessach.

Das Neujahrsfest der Bäume wird innerhalb der Liturgie als ein weniger wichtiger, bzw. als ein Halbfeiertag angesehen. An Tu Bi Schwat dürfen keine Bußgebete (Tachanun) gesagt werden und Fasten ist nicht erlaubt.

Bräuche
Auf Grund der starken Assoziation mit Israel haben sich rund um das Datum verschiedene Bräuche entwickelt, die teilweise bis heute eingehalten werden:
Innerhalb der Aschkenazischen Gemeinden in Europa hat sich der Brauch ausgebildet, 15 verschiedene Arten von Früchten – bevorzugt aus Israel, und wiederum bevorzugt von den 7 Früchten, die in der Torah Erwähnung finden (Deut. 8.8) – zu essen. Zudem wurden die Psalmen 104 und die 15 „Stufenlieder“ (Psalm 120-134) rezitiert. (Wahrscheinlich nicht vor dem 16. Jahrhundert) .

Der Brauch, Schülern an dem Tag frei zu geben war zwar weit verbreitet, aber auch ebenso umstritten. Heute wird in Israel Schülern zwar frei gegeben, aber in der Regel finden Umweltschutzaktionen stattdessen statt.

Im 16. Jahrhundert entstand um den Kabbalisten Rabbi Yitzchak Luria von Safed der Brauch, einen Seder an Erev Tu Bi Schwat zu feiern, zu dem Früchten und Bäumen aus Israel besondere symbolische Bedeutung zugeschrieben werden. Die Idee beruht darauf, an Hand dieser Symbole die spirituelle Perfektion der Welt nachzubilden und durch die Feier ein Stück weit zu erreichen. Der Ablauf ist an den Pessachseder angelehnt, mit Studientexten, 4 Gläsern Wein und Lobpreisungen.

Quellen:
Georg Robinson: Essential Judaism, Pocket Books, New York, 2001, ISBN 0-671-03481-2, Seite 115f
Der Babylonische Talmud, Übers. Lazarus Goldschmidt, Jüdischer Verlag, Frankfurt, Reprint 1996, Band 3
Encyclopaedia Judaica, Keter Publishing, Jerusalem, 1972, Band 15
Jüdisches Lexikon in vier Bänden, begründet von Herlitz und Kirschner, Jüdischer Verlag Berlin, 1929, Band 1 A-C
The Universal Jewish Encyclopedia in ten volumes, Edited by Isaac Landman, New York, 1948
Bibelzitate: Bibelserver.de – Elberfelder Revidierte Übersetzung

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