Zur Partnerschaft gehört Vertrauen – Gedanken zur Parascha Schlach Lecha

Meine Drascha möchte ich mit einer kurzen chassidischen Geschichte beginnen:

Eines Tages kam ein Akrobat nach Krasny und verkündete, er wolle auf einem gespannten Seil den Fluss überqueren. Rabbi Chaim von Krasny, ein Schüler des Baal Schem Tow, begab sich zum Fluss, um sich die Darbietung anzuschauen.

Als seine Freunde bemerkten, wie interessiert er zuschaute, fragten sie ihn, warum er so gebannt der Vorstellung folgte. Er antwortete:

„Ich bewundere die Bereitschaft des Akrobaten, sein Leben zu riskieren. Ihr könnt natürlich sagen, er tue es für Geld oder um Applaus zu bekommen. Aber das trifft nicht zu.

Wenn er es alleine aus diesen Gründen täte, würde er ins Wasser fallen. Seine Aufmerksamkeit ist ausschließlich auf seine Sache gerichtet, denn nur so kann er sein Gleichgewicht halten. Seine Rettung verdankt er ausschließlich seinem unbeugsamen Willen, sich gerade zu halten und seinem unbegrenzten Vertrauen in sich selbst und in Gott. Auf diese Weise, so der Rabbi, muss der Mensch das dünne Seil es Lebens überqueren.“[1]

Der Wochenabschnitt Schelach Leacha beginnt mit der Erzählung über die  12 Späher, die für die Kinder Israels das Land Kana’an auskundschaften sollten. Die 12 Männer kehrten mit einer nicht eindeutigen Botschaft von ihrer Erkundungsreise zurück. Auf der einen Seite waren sie begeistert über die Möglichkeiten die das Land bietet und berichteten dem Volk  „und wahrlich es fließt von Milch und Honig“ (Num 13.27). Auf der anderen Seite waren sie überwältigt in ihrer Angst vor den vermeintlich unüberwindbaren Hindernissen, die sie in dem Land angetroffen hatten.

10 der 12 Ausgesandten beschrieben das Land, als ein Land voller Gefahren. Es sei kein unbewohntes Land, sondern eines mit kampferprobten Völkern. Gegen die Amalekiter mussten die Israeliten bereits direkt nach ihrem Auszug aus Ägypten kämpfen. Die anderen Einwohner, die Kinder der Anakiten, der Giganten, und deren Städte waren in ihren Augen riesig und uneinnehmbar.  Während die Bewohner des Landes in den Schilderungen der Späher immer größer und größer wurden, wurden sie selbst und die Kinder Israels immer kleiner und unbedeutender.

Und wir waren in unseren Augen wie Heuschrecken – und deshalb waren wir es auch in ihren Augen“.

Ihre Botschaft war die von Pessimisten, die voller Hoffnungslosigkeit den nächsten Schritt der Kinder Israels, die Eroberung des Landes, als unmögliche Mission darstellten.

In unserem Torah Abschnitt besteht der Kontrast zwischen den Giganten und Heuschrecken weniger in der realen Wirklichkeit, als in der eigenen inneren Wahrnehmung. Die Sklavenmentalität, die noch immer das Denken der Israeliten prägte, verhinderte, dass die 10 Spione die Wirklichkeit sehen konnten: ihre eigene Stärke und den göttlichen Schutz.

Die Botschaft der 10 Kundschafter war für das Volk verheerender als das, was die Israeliten tatsächlich erwartet hätte.

Angesteckt durch die Angst der 10, verloren auch die Israeliten das Vertrauen in Gott.  Zum wiederholten Male waren sie bereit, lieber zurück in die Sklaverei zu gehen, als sich ihrer neu gewonnen Freiheit zu stellen.

Es mag für die Israeliten sprechen, dass sie diese Freiheit erst kurz kannten. Das Gefühl, minderwertig zu sein, war für die ehemaligen Sklaven wahrscheinlich viel realer, als ein Gefühl der Stärke. ABER: gegen sie spricht, dass Gott ihnen mehrfach seine Stärke demonstriert hatte. Der Bundesschluss am Berg Sinai war der krönende Höhepunkt in einer ganzen Kette von Treuebeweisen die Gott seinem Volk brachte.

Ich meine, dass genau hier die Erklärung für Gottes maßlose Enttäuschung gegenüber den Kindern Israels zu finden ist.

Wenn wir heute als Juden unsere Partnerschaft zu Gott zu beschreiben, dann sprechen wir in erster Linie davon, dass diese Partnerschaft auf Vertrauen basiert. Emuna. Das was für uns selbstverständlich zu sein scheint, schien den Kindern Israels abhandengekommen zu sein.

Wir sehen das in der Frage, die der Ewige an Mosche richtet: „Wie lange noch wollen sie nicht Vertrauen in mich haben? Ana lo-ja’aminu bi?“. Es muss für Gott schmerzhaft gewesen sein, dass das Volk „glaubte“, „Gott würde sie in ein Land führen, in dem Sie durch das Schwert umkommen würden“ (14,3), anstelle des erwarteten Vertrauens in die Unterstützung durch Gott.

Das Urteil Gottes scheint daher logisch und konsequent. Ein Bund, in dem ein Partner kein Vertrauen in den anderen Partner hat, kann nicht funktionieren. Gott wollte diesen Bund lösen und war bereit mit Mosche einen neuen Bund zu schließen.

Mosche reagierte auf dieses Urteil mit einem für mich sehr spannenden Gegenargument: „Wenn du nun dieses Volk wie einen Mann tötest, so werden die Völker, die diese Nachricht hören, sagen: Weil der Ewige nicht vermögend war, dieses Volk in das Land zu führen, das er ihnen zugeschworen hatte, schlachtete er sie in der Wüste“ (14,15-16). Vordergründig appellierte Mosche – so verstehe ich den Text – an Gottes Güte, an seine Kraft, vergeben zu können. Hintergründig machte er Gott aber auch deutlich, dass dieser selbst kurz davor stand, aufzugeben.

Gott sah die Stärke in Mosches Argument und fand zu seiner eigenen Stärke zurück. Er konnte vergeben. Gott war sich aber auch bewusst, dass für die Kinder Israel der Weg zu eigener Stärke länger sein würde.     .   Die 40jährige Wüstenwanderung war ein hartes Urteil, aber es schien notwendig zu sein, vor allem um das gegenseitige Vertrauen zwischen Gott und dem Volk wieder herstellen zu können.

Ich sehe in unserem Wochenabschnitt eine sehr passende Beschreibung dafür, wie wir durch Angst, Wut, unheimliche Enttäuschung und mangelndes Vertrauen sämtlicher Kräfte beraubt werden können.

Abgerundet wird das Beispiel dadurch, dass uns der Text ein Gegenmodell zu den 10 Spähern und dem zweifelnden Volk präsentiert:

Joschua und Kaleb, bewerteten das was sie auf der 40tägigen Reise durch das versprochene Land gesehen hatten, anders. Auch sie hatten das Land von Milch und Honig gesehen und die furchteinflößenden Bewohner, jedoch urteilten sie:  „Wohl werden wir hinaufziehen und es in Besitz nehmen, denn wir können es überwältigen (13.30)“.

Fast beschwörend fügten sie hinzu, dass Gott mit dem Volk sei und sie daher die Bewohner des Landes nicht fürchten müssen.

Der Mut, den Kaleb und Joshua hier zeigten, wurde von Gott belohnt. Beide konnten aus der Wüste in das versprochene Land einziehen. Sie konnten die Freiheit, die sie beim Auszug aus Ägypten erhalten haben, in Gänze erleben.  Kaleb und Joschua wussten um die Gefahren, die bei der Eroberung des Landes auftreten würden. Sie verschwiegen sie nicht.  Jedoch behielten sie, wie der Hochseilartist vom Anfang, ihr Ziel fest im Blick und hatten Vertrauen, dass die Gefahren überwunden werden konnten.

Wir alle kennen Gefühle der Ohnmacht und der Angst, die uns zu überwältigen drohen. Sei es im privaten oder beruflichen Bereich. Es gibt Situationen im Leben, in denen wir uns wie Heuschrecken gegenüber Riesen fühlen, um die Sprache der Parascha zu übernehmen. Beispiele finden wir Zuhause, in der Schule, im Studium, in der Arbeit, im Umgang mit Freunden, Familie und anderen Menschen.

Manchmal wachsen Ziele, die wir uns gesetzt haben zu Aufgaben, die kaum noch zu bewältigen erscheinen, die uns Angst machen und vor denen wir uns wie verloren fühlen und fürchten.

Sehr oft wird der Weg zum Ziel von anderen, und noch viel öfter von uns selbst, erschwert.

Manchmal sind es Schicksalsschläge oder Veränderungen in unserem Leben, die uns in unserem Selbstvertrauen erschüttern. Zu der Angst kommen Gefühle von Enttäuschung, Wut, Zorn, Trauer und Verzweiflung, die uns zu Sklaven beziehungsweise Heuschrecken in unseren Augen reduzieren. Auch Zorn gegenüber Gott gehört dazu. Ein Gefühl der eigenen Ausweglosigkeit unserer Machtlosigkeit.

Für mich ist das Schlüsselwort um die Ketten der inneren Sklaverei zu brechen: VERTRAUEN. Vertrauen in uns selbst, Vertrauen in Gott. Beides gehört zusammen und beides macht uns stark.

Mir ist bewusst, dass es sich hier nicht um ein Wundermittel handelt, dass sofort wirkt. Vertrauen braucht Zeit.

Trotz des großen Vertrauens, das sie in sich selbst und in Gott hatten, konnten auch Joshua und Kaleb nicht sofort in das Land Kana‘an einziehen. Sie mussten mit den Kindern Israels noch bis zum Ende der 40 Jahre durch die Wüste ziehen.

Aber, ich bin mir sicher, dass mit dem Vertrauen in uns selbst, auch das Vertrauen von Gott in uns wächst. Es ist dieses Vertrauen, dass Gottes Versprechen gegenüber Israel, auch für jeden einzelnen von uns gilt. Ein Herausführen aus unserem eigenen Mitzra‘im in eine echte Freiheit, oder mit den Worten unserer chassidischen Geschichte vom Beginn: das sichere Hinüberbegleiten über die diversen Flüsse und Hindernisse unseres Lebens.

Shabbat Shalom


[1] Homolka, Die Weisheit des Judentums 6.1., Chassidisch, nach D. Lifschitz.

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