Ein neues Jahr und ein Sommerloch – Drascha zum Neuen Jahr

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„Und Abraham gab seinem Sohn, der ihm geboren worden war, den Sara ihm geboren hatte, den Namen Isaak. Und Abraham beschnitt seinen Sohn Isaak, als er acht Tage alt war, so, wie Gott ihm geboten hatte.“

Авраам дал новорожденному сыну, которого родила Сарра, имя Исаак. Когда его сыну Исааку исполнилось восемь дней, Авраам обрезал его, как велел ему Бог.

(Bereschit 21.3-4)

In Deutschland gibt es Regeln für alles. Wann die Schule beginnt, wie man sich im Auto auf der Straße verhalten muss, wie die Lebensmittel in Supermärkten verpackt sein müssen. Alles ist geregelt. Und es gibt eine weitere Regel: Im Sommer, also wenn die wichtigsten Politiker des Landes Urlaub machen, dann suchen weniger bekannte Politiker oder Journalisten nach Themen, mit denen sie bekannt werden können. Oft sind das Themen, die wenig Bedeutung haben und nach drei bis vier Wochen auf den Titelseiten unserer Zeitungen wieder verschwinden. Die Politiker aus der zweiten Reihe konnten sich ein bisschen im Scheinwerfer-Licht der Journalisten zeigen, die Zeitungen wurden trotz der Urlaubszeit gut verkauft und richtig Schlimmes ist nicht passiert. Nach den Sommerferien kommen Angela Merkel und die anderen wieder zurück nach Berlin und alles ist so wie immer.

Im Grunde stimmte diese Regel auch für das diesjährige Sommerloch-Thema. Ein paar Journalisten fanden ein perfektes Thema für die Sommerloch-Debatte: Einige Wochen zuvor hatte ein recht unbedeutendes Gericht in Köln geurteilt, dass die Beschneidung von Jungen eine Verletzung der körperlichen Unversehrtheit von Kindern sei. Da in Deutschland erstaunlicherweise keine Regelung bezüglich religiöser Beschneidungen existiert, haben die Juristen aus Köln, ganz bürokratisch Gesetze verglichen und wie Mathematiker ein Urteil gefällt. Dass sie nicht bedacht haben, dass Beschneidungen für Muslime und Juden auch eine sehr emotionale Bedeutung haben, kann man ihnen nicht unbedingt vorwerfen. Für emotionale Komponenten sind Politiker zuständig, die die Gesetze machen. Juristen urteilen nach diesen Gesetzen.

Zurück zum Sommerloch. Die Journalisten fanden also ein Thema, das emotional perfekt in die Sommerlochdebatte passen würde. Mindest. 50% der deutschen Bevölkerung, nämlich alle Männer, konnten etwas dazu sagen. Wenn es um den Intimbereich des Mannes geht, dann wird jeder Mann zu einem Experten, auch wenn er nicht beschnitten ist und eigentlich keine Ahnung hat, worum es in der Debatte geht.

Bis dahin glich die Sommerloch-Debatte jeder anderen. Otto-Normalverbraucher durfte mal Experte sein und seine Meinung äußern. Neu war in diesem Jahr aber, dass es nicht um die richtige Aufstellung der Fußball-National-Mannschaft ging, oder die Kleidung von Prominenten. Es ging plötzlich um „Wir“ und „Die“. Mit der Debatte wurde ein Teil der Bevölkerung gegen einen anderen Teil der Bevölkerung gestellt. Mit einem Mal standen alle Juden auf der Anklagebank. Es war wieder da: „Juden sind Kinderschänder“. Und weil die wichtigsten Politiker Deutschlands im Urlaub war, konnten selbsternannte Kinderretter ungehindert alte Parolen in die Presse bringen.

Die Regel lautet, dass das Sommerloch-Thema nach ein paar Wochen wieder verschwindet und niemand verletzt zurückbleiben wird. In diesem Jahr war es aber anders. Ja, das Thema wird wieder verschwinden. Das Urteil war so unbedeutend, dass man in Deutschland natürlich weiterhin Beschneidungen vornehmen kann und in einigen Wochen wird der Bundestag ein Gesetz verabschieden und alles wird perfekt geregelt sein. Aber für uns Juden hat sich etwas geändert. Die Verletzungen der letzten Wochen haben Spuren hinterlassen. Wenn der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland sagt, dass „Jüdisches Leben in Deutschland nicht mehr möglich“ sei, dann hat er vielleicht in der Hitze der Debatte übertrieben, aber dass er alleine zu solchen Worten greifen musste, zeigt, wie schwierig es bis heute ist, jüdisches Leben in Deutschland zu gestalten und wie stark alte Vorurteile gegenüber uns Juden bis heute vorhanden sind. Die Debatte um die Beschneidung hat alte Wunden neu aufgerissen und ich verstehe, dass viele Jüdinnen und Juden in Deutschland sehr verstört nach diesem Sommer überlegen, wie offen man noch jüdisch in Deutschland leben kann.

Im Zentrum des Tora-Abschnittes, den wir zu Rosch HaSchana lesen, steht der Bund, den Gott mit Abraham geschlossen hat. Die Beschneidung ist für uns Juden das andauernde Zeichen für diesen Bund. Wir Juden vertrauen seit Generationen darauf, dass Gott sein Versprechen gegenüber Abraham einhält, nämlich treu an unserer Seite zu stehen und wir Juden halten unseren Teil, in dem wir den Bund an unsere Kinder weitergeben. Wir geben unser Wissen weiter, so wie auch unsere Traditionen.

Ich weiß, dass nicht jeder männliche Jude beschnitten ist, und dass wir Juden natürlich darüber streiten sollten, ob wir eine Beschneidung der Vorhaut überhaupt noch für zeitgemäß halten. Als liberale Juden sollten wir sogar darüber diskutieren, denn jedes Gebot aus unserer Tradition sollte von jeder Generation neu diskutiert werden. Aber diese Diskussion müssen WIR führen. Wir sollten sie unabhängig von politischen Überlegungen führen, unabhängig von Ratgebern, die nicht verstehen, dass der Bund zwischen Gott und uns Juden eine Dimension hat, die über Gesetzestexte hinausgeht. Etwas, das so schwer zu beschreiben ist, wie Liebe oder Trauer. Unser Bund mit Gott ist so einmalig und unbeschreiblich, wie das Leben selbst.

Rosch HaSchana ist in der jüdischen Tradition der Geburtstag der Welt. Das wir uns gerade heute an die Erschaffung der Welt erinnern sollen, ist für mich kein Zufall. Es ist etwas Großartiges und etwas, das wir Menschen nicht einfach als etwas Selbstverständliches hinnehmen sollten. Genauso wenig wie den Bund zwischen Gott und uns Juden. Dass andere diese Besonderheit nicht wahrnehmen und ein Zeichen für diesen Bund, die Beschneidung, als etwas Barbarisches hinstellen, sollte uns nicht davon abhalten, trotzdem diesen Bund zu bewahren. Als Juden wissen wir, spätestens seit diesem Sommer, dass jüdisches Leben auch jetzt noch verteidigt werden muss. Wir wissen, dass Beschneidungen seit Generationen verantwortungsbewusst durchgeführt werden und wir unsere Kinder nicht verstümmeln. Eltern, die sich dafür entscheiden, an dieser Tradition festzuhalten, sollten die Möglichkeit dazu haben und wir alle sollten fest zu ihnen stehen. Womöglich sind wir nämlich die einzigen, die das tun werden.

Unsere Synagoge in Hameln, unsere Gemeinde, steht dafür, ein offenes Haus zu sein. Beiteinu, unser Haus ist offen für alle, die mit uns in den Dialog treten wollen, auch über die schwierigsten Fragen. An der Debatte in diesem Sommer hat mich gestört, dass es kein Dialog war, dass es wie gesagt eher ein „Wir“ und „Die“ war. Ich hoffe sehr und wünsche mir, dass diese unschöne Episode so schnell verschwindet, wie alle anderen Sommerloch-Themen und, dass das Miteinander, das hier in Hameln vorgelebt wird, wieder zur Normalität in Deutschland wird.

Und auch das sollten wir an diesem Rosch Ha Schana nicht vergessen: Gott hat die Welt nicht nur für uns Juden, oder für Muslime oder Christen erschaffen, sondern für alle Menschen, so wie Gott auch einen Bund mit allen Menschen geschlossen hat. Möge dies als Botschaft von diesem Rosch Ha Schana ausgehen. Möge das kommende Jahr für alle ein friedliches Jahr und ein Jahr des gegenseitigen Respektes werden.

Schana Tova

Ein Gedanke zu „Ein neues Jahr und ein Sommerloch – Drascha zum Neuen Jahr

  • 19. September 2012 um 08:19
    Permalink

    Lieber Adrian.

    Sehr schön und ausgewogene Worte. Besonders der letzte Absatz hat mir sehr gut getan. Danke.

    Nur etwas ist anzumerken. Es ist nicht so, daß „wir Juden darüber streiten sollten“. Sollten? Es gibt -wie Sie wissen – schon lange Diskussionen dazu und Strömungen, die den Bund mit Gott auch zeitgemäßer sehen. Stichwort Brit Shalom. Fakt ist aber dennoch, daß egal wie ich als liberal rekonstruktionistischer Mensch das Thema Brit Mila sehe, bzw. ablehne, denke ich auch, daß nicht einfach ein Verbot von aussen diese Form des Bundes kategorisch verbieten darf.

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