Drascha für den Wochenabschnitt Emor 5773

Im Rahmen unserer Tora-Lesung befinden wir uns genau in der Mitte der fünf Bücher der Tora. Die Kapitel des letzten Wochenabschnittes und des Wochenabschnittes in dieser Woche werden zusammen als der Heiligkeits-Codex bezeichnet. Ein Codex ist eine Art Gesetzbuch oder eine Sammlung von Geboten und Verboten.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass eine heilige Schrift wie unsere Bibel auch Vorschriften für die enthält, die zum Beispiel als Priester, für die Religionsausübung zuständig sind. Schließlich soll ja der Gottesdienst „richtig“ ausgeführt werden. Daher ist es auf den ersten Blick auch nicht ungewöhnlich, dass unser Wochenabschnitt mit einer ganzen Reihe von besonderen Anweisungen für die Priester, die Kohanim, beginnt. Um Gott dienen zu können, sollen sie auf ihre Reinheit achten, in ihrem Tun und in der Art, wie sie leben.

Wie gesagt, so eine Vorschrift ist nicht ungewöhnlich. Aber die Tora ist nun mal kein gewöhnlicher Text. Die Besonderheit liegt darin, dass sie nur ein kleiner Teil des sehr ausführlichen Heiligkeits-Codex den eigentlichen Priestern gewidmet ist. Der größte Teil der Vorschriften richtet sich an uns alle, an alle Israeliten, alle Juden und im Grunde genommen an die ganze Menschheit. Die Tora begründet alle Gebote damit, dass der Ewige, unser Gott, heilig (kadosch) ist, und wir, sein Volk, ihm nacheifern sollen.

Die Tora beschränkt die Ausübung der Religion also nicht nur auf einige wenige Menschen. Das heißt, dass nicht nur alleine die Priester dafür zuständig sind, dass das Judentum richtig gelebt und ausgeführt wird. Jeder von uns trägt einen Teil der Verantwortung. Von unseren Vorfahren bis zu unseren Kindern und immer weiter. Jede Jüdin und jeder Jude ist Teil des besonderen Bundes mit Gott. Das klingt nach einer großen Verantwortung. Mehr noch, es klingt nach einer Aufgabe, die man nicht schaffen kann. Wer von uns ist schon ein Heiliger?

Die Tora selbst und unsere Auslegungen helfen uns jedoch bei der Bewältigung der Aufgabe und machen zudem deutlich, dass jeder von uns „Heilig“ sein kann. Heilig – ich glaube ich habe schon einmal darüber gesprochen – bedeutet im Judentum zunächst einmal nicht, dass es sich dabei um etwas Einmaliges und Unerreichbares handelt. Im Gegenteil. Heiliges kann etwas sehr Alltägliches sein. Heilige Dinge sind Dinge, die wir Menschen aus unseren alltäglichen Dingen herausnehmen und sie einer besonderen Sache zu widmen. Kadosch (Heilig) bedeutet, dass wir etwas für einen besonderen Zweck oder Moment hernehmen. Oder wiederum anders gesagt, „heilig“ bedeutet, dass wir etwas, das uns selbstverständlich erscheint, aus dem Gewohnten herausnehmen und ein neue Ansicht geben. Etwas „heiligen“ bedeutet im Grunde genommen, dass wir mit vollem Bewusstsein und ganzer Absicht etwas Gewöhnliches außergewöhnlich benutzen.

Zu unserem Wochenabschnitt passt als Beispiel die Zeit (der Wochenabschnitt behandelt u.a. die Festzeiten). Zeit ist für uns was ganz gewöhnliches. Abend, Morgen, Mittag, Tage, Wochen, Monate und Jahre. Sie kommen und vergehen. Wenn man nicht aufpasst, fließt die Zeit einfach dahin. Ohne, dass wir sie als etwas Besonderes wahrnehmen. Zeit ist ganz gewöhnlich und normal.

In unserem Wochenabschnitt finden wir aber viele Vorschriften, die unseren Kalender betreffen. Die bekannteste Vorschrift ist das Schabbat-Gebot. Einmal in der Woche ist Schabbat. Ein heiliger Tag in der Woche. Dadurch, dass wir am Freitagabend den Beginn von Schab-bat feiern und jeder von uns in seiner ganz persönlichen Art und Weise Schabbat halten, geben wir der gewöhnlichen Zeit eine neue Bedeutung. Schabbat ist eben nicht ein normaler Wochentag, er ist nicht nur der siebte Tag in der Woche, Schabbat ist Schabbt. Im hebräischen ist es noch viel deutlicher. Montag bis Freitag heißen im Hebräischen einfach erster, zweiter, dritter Tag usw. Nur der Schabbat hat einen eigenen Namen.

Und so ist es mit den Festen im jüdischen Jahr. Pessach, Schawuot und Sukkot, Rosch HaSchana und Jom Kippur – zu allen Feiertagen erinnern wir uns daran, dass es eine be-sondere Zeit ist. Eine heilige Zeit. Zeit, die wir anders verbringen. Zeit, die zu etwas beson-derem wird, weil wir ganz bewusst anders mit ihr umgehen (und sei es nur, weil wir jeman-den eine besondere Email oder einen Brief mit Glückwünschen zu dem Feiertag schreiben, oder weil wir am Samstag für zwei Stunden in die Synagoge kommen und und und).

Heilige Dinge zu tun bedeutet also, dass wir ganz bewusst Dinge ein bisschen anders tun.

Moment, vielleicht ist dies doch ein wenig zu einfach. Nur etwas anders zu machen, macht eine Sache noch nicht heilig. Das wäre zu kurz gegriffen. Martin Buber erklärt Heiligkeit wie folgt: „Die Tora verlangt von uns, Gott zu imitieren“. Anders gesagt bedeutet dies, dass in jedem von uns die Möglichkeit steckt, mehr Göttlichkeit, mehr Heiligkeit in diese Welt zu bringen, in dem er oder sie bewusst handelt. Wir Menschen sollen ETHISCH und MITFÜHLEND auf dieser Erde handeln. Heilig sein bedeutet nicht so sehr, dass Rituale „richtig“ ausgeführt werden, oder dass Gott die Opfer zum richtigen Moment dargebracht werden sollen. Der göttliche Auftrag an jeden von uns bedeutet, dass jeder von uns die Welt um ihn herum achten soll und ihr mit Respekt entgegen tritt. In jedem Menschen steckt die-selbe von Gott gegebene Menschenwürde, die niemand verletzen darf, wie auch in jedem Tier Leben steckt, das geschützt werden muss.

Wenn unser Nachbar nicht mehr nur „ein Nachbar“ ist, sondern ein Mensch mit seiner eige-nen Persönlichkeit, dann entsteht Heiligkeit. Wenn wir am Schabbat zusammenkommen, um gemeinsam Zeit zu verbringen, werden wir zu einer heiligen Gemeinde. Feiertage wie Pes-sach werden erst dann zu heiligen Tagen, wenn wir uns an sie erinnern und die Feiertage als eine besondere Zeit wahrnehmen.
Es gibt kein perfektes Musterbeispiel dafür, wie wir Heiligkeit erreichen können. Der Heilig-keits-Codex, den wir in diesen Wochen studieren, ist wie die gesamte Tora ein Schatz, der von jeder Generation und von jedem einzelnen von uns immer wieder neu entdeckt werden kann und ausgelegt werden muss. Es ist nicht schwer heilige Dinge zu tun. Es ist schwer, nicht zu vergessen, dass man sie tun kann.

Abschließen möchte ich mit einem Zitat von Bernard J. Bamberger der in seinem Kommentar zu Kedoschim folgendes schreibt:
Zitat: „Die Idee von Heiligkeit besagt …, dass alles was wir tun und was wir aus unserem Leben machen, nicht nur uns als Individuen betrifft, und auch nicht nur unsere Gesellschaft. Es hat auch Konsequenzen auf den ganzen Kosmos. In allem steckt Göttlichkeit. Wir können dem folgen, oder – schlimmer – wir können es ignorieren.“ Zitat Ende.

Wir haben die Wahl.

Shabbat Shalom

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