Nasso: Um Hilfe zu bitten, ist keine Schande

Diesen Schabbat studieren wir den Wochenabschnitt „Nasso“, was übersetzt soviel wie „nimm auf“ oder „hebe hoch“ heißt. Gemeint ist die Musterung, das Zählen, aller für den Tempeldienst geeigneten Männer (Frauen wohl leider nicht) aus dem Stamme Levi, mit der Moses durch Gott betraut wurde. Die Musterung der Benei Israel steht am Beginn des vierten Buches der Tora und endet mit den letzten beiden Familienverbänden in unserem Wochenabschnitt.

Was folgt ist eine Aneinanderreihung von Geboten und Beschreibungen, die einem auf den ersten Blick unzusammenhängend erscheinen. Grob umschrieben behandeln sie Fragen von Reinheit und Unreinheit, Möglichkeiten von Teschuwa für geständige Diebe, den Priestersegen und die Beschreibung eines Rituals zur Überprüfung eines möglichen Ehebruches. Ich werde gleich ausführlicher auf dieses fragwürdigen Ritual eingehen, möchte jedoch zunächst die vermeintlich willkürliche Aneinanderreihung der Gebote mit einem Gedanken von Gunther Plaut auflösen:

„Die Dinge, die besprochen werden, sind an sich normal, wenn auch nicht allzu häufig, sie ereignen sich im alltäglichen Leben. Der rote Faden, der diese Gebote verbindet, ist das Bewusstsein von Gottes durchdringender Gegenwart … Sie schaffen die Möglichkeit, einen Verbrecher wieder in die Gemeinschaft einzugliedern und die Reinheit der familiären Beziehung zu garantieren. Das heilige ist niemals vom Gewöhnlichen geschieden, weil Gottes Volk stets vor Gott steht“

Für mich stellen die nun sehr konkreten Beschreibungen die Möglichkeit dar, die Gebote vom Sinai auf den Alltag herunterzubrechen. Sie helfen dem Volk (und uns) dabei, dem hären Ziel, ein heiliges Volk zu sein, gerecht zu werden.

Und dazu passt auch das Ehebruch-Ritual, das ich schon erwähnt habe:

In unserem Abschnitt, Kapitel 5, 11-31 lernen wir von einem Ritual, welches dann zum Tragen kam, wenn ein verheirateter Mann annahm, dass seine Frau ihn betrogen hatte oder noch betrog und er ihren Unschuldsbeteuerungen nicht glaubte und es weder Zeugen für die eine, noch andere Position gab.

Der Mann trat mit seiner Frau vor einen Priester und dieser mixte aus Asche (von einem zuvor dargebrachten Getreideopfer), Erde und Wasser einem Trank – sogenanntes Bitterwasser. Die Frau musste nun das Wasser trinken und anschließend wurde beobachtet was passierte. Wenn bei der Frau der Bauch aufblähte, hat sie tatsächlich Ehebruch begangen, dann – so die Tora – war sie schuldig, wenn aber nichts passiert, war sie unschuldig. Gott, so die Vorstellung, hatte mit dem Wasser »Recht gesprochen«.

Der Trank schmeckte mit Sicherheit nicht gut, aber war harmlos, weder giftig noch aufblähend. Irgendwie ein sehr weises Ritual, denn wir können davon ausgehen, dass das Ritual immer zu Gunsten der Frau ausging und niemals zu Gunsten des Mannes. Das Ritual „bestätigte“ die Unschuld der Frau und der Mann erhielt einen »echten« Beweis für die Unschuld seiner Frau.
Wir lernen etwas sehr wichtiges daraus: Dem Text geht es nicht darum, dass mit diesem Ritual ein Gottesurteil über die Frau gefällt wurde. Im Gegenteil: Die Unschuld der Frau stand im Grunde schon vorher fest. Pinchas Peli, ein Tora Kommentator aus dem letzten Jahrhundert erklärt, dass

„das Bitterwasser, … ein psychologisches Mittel war, um das Misstrauen und die Eiversucht des Ehemannes zu heilen. Es war ein »Beweis« für die »Dummheit« des Mannes, der seiner Frau nicht glaubte.“

Das stimmt auch mit dem Verständnis der Rabbiner des Talmuds überein, die das Ritual im Talmudtraktat „Sotah“ ausführlich auslegten. Der misstrauische Mann musste nach rabbinischer Auslegung sehr viele Schritte unternehmen, wenn er wollte, dass das Ritual an seiner Frau vollzogen wird. Er musste zunächst ausschließen, dass es wirklich keine Zeugen gibt, und wiederum andere Zeugen finden, die seinen Verdacht untermauern konnten. Er musste zu dem höchsten Gericht nach Jerusalem kommen, dem Sanhedrin. Dort musste er die Richter überzeugen, die seine Frau ausführlich befragten. Und selbst wenn er die Richter am Ende überzeugt hatte, das Urteil stand wie auch schon zu biblischen Zeiten vorher fest; seine Frau war unschuldig.

Für die Rabbiner ging und geht es in diesem Abschnitt um Eifersucht. Die Eifersucht ist wie jeder Eifer auch, ein großes Problem, da sie einen Menschen blind macht. Ein eifersüchtiger Mensch sieht die Realität nicht mehr. Jeder der genau hinschaut weiß, dass das Bitterwasser keine Wunder und kein Gottesurteil bewirkt. Ein eifersüchtiger Mensch ist jedoch oft so in seinen Vorstellungen gefangen, dass es manchmal eines »kleinen Zaubers« bedarf, um ihn davon zu befreien.

Für die Rabbiner ist Eifersucht eine schwere Krankheit, die man heilen muss, kann sie doch die Beziehungen zwischen zwei Menschen zerstören.

In der Vorstellung der Rabbiner bildet jede Beziehung zwischen zwei Menschen den besonderen Grundstein, der eine Gesellschaft trägt. Ist dieser Grundstein beschädigt, bricht die Gesellschaft darüber zusammen. Wir können kein heiliges Volk sein, wenn wir uns im Kern nicht vertrauen.

Ich bin mir nicht sicher, ob ein bisschen Bitterwasser Eifersucht heilen konnte. Wobei ich mir aber sicher bin, ist dass Hilfe von Außen, d.h. von anderen, hilfreich sein kann. Zur Erinnerung, zu dem Ritual gehörten viele Gespräche und ein Priester, der das Ritual durchführen musste.

Unser Leben ist nicht immer einfach und es ist leider auch so, dass zu jeder Beziehung auch Tiefen gehören, die gemeistert werden müssen. Nicht alles können wir selbst lösen, manchmal brauchen wir dabei Hilfe von anderen. Dies ist keine Schande, mehr noch – die Tora lebt es uns vor, es gehört zu unserem Leben. Es wäre nur eine Schande, darauf zu verzichten.

Schabbat Schalom

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