Ich kann es immer noch nicht glauben! Zur Freilassung von Gilad Shalit

Ich kann es immer noch nicht glauben! Zur Freilassung von Gilad Shalit

Ich gebe es zu, ich bin erleichtert, unendlich erleichtert. Gilad lebt! Schmächtig, eingefallen, gebückt, aber mit einem scheuen Lächeln. Als eingefleischter Skeptiker hatte ich es nicht glauben wollen. Dass der Tag kommen würde, an dem er lebend wieder zu Hause ist. Aber es ist geschehen.

Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, was er alles in den vergangenen fünf Jahren erlebt haben mag. Was man ihm alles angetan haben mag. Und ganz ehrlich, wahrscheinlich ist es eine Gnade, dass ich es mir nicht vorstellen kann. Es sind mehr als fünf Jahre vergangen, seit Gilad verschleppt und seine Kameraden ermordet wurden. Fünf lange Jahre. Was war vor fünf Jahren? Wo war ich da? Wo war da jeder einzelne von uns, und was hat sich seitdem in all unserer Leben verändert? Wenn ich so zurückblicke, was alles in diesen letzten Jahren in meinem Leben so alles passiert ist, privat, beruflich, wie oft ich ausgegangen bin, wie oft ich im Kino, im Urlaub war, ausgelassen, fröhlich. Das alles macht mich auch etwas schuldbewusst. Ich habe zu wenig an Gilad gedacht. Zu wenig Anteil genommen, mich zu sehr mit mir selbst beschäftigt und nicht mit ihm, dem Leid, das man ihm zugefügt haben mag. Hätte ich mehr tun können, sollen?

Doch nun ist er frei, und er lebt – ich weiß gar nicht, wie ich meine Erleichterung noch in Worte fassen soll. Warum ist es nur manchmal so schwer, Gefühle zu beschreiben und sich auszudrücken. Ich bin froh, dass der Oberste Gerichtshof sich für Gilads Freilassung ausgesprochen hat. Bei allem Verständnis für die Trauer und den Verlust anderer, es ist schwer zu ertragen, dass es Menschen gibt, die vehement gegen seine Befreiung waren und bis vor das höchste Gericht gezogen sind. Das ist der eigentliche Skandal. Ich bin sehr froh darüber, dass sie keinen Erfolg hatten. Ja, Terrorismus darf nicht ungestraft bleiben, ja, schön und gut. Aber ehrlich gesagt, mich interessieren die Palästinenser nicht. Was sind Gefängnisstrafen für Terroristen, was ist das alles im Vergleich zum Leben eines Menschen? Gilad ist nun zuhause, und er lebt.

Es war nicht anders zu erwarten, dass die Freilassung Gilads medienwirksam inszeniert wird, und dass sich Netanjahu versucht dadurch zu profilieren. Etwas peinlich war es dann allerdings schon. Ob sich am Verhältnis zu den Palästinensern etwas ändern wird? Schwer zu sagen, so richtig mag ich nicht daran glauben, Skeptiker, der ich nun einmal bin. Aber: Israel hat seine Stärke wieder einmal unter Beweis gestellt und seine moralische Überlegenheit. Das Lebens eines Menschen an sich ist der höchste Wert.

Ich kann es immer noch nicht glauben. Das kurze Haar, die schlotternde Uniform, die dürre Gestalt. Ich bin immer noch zutiefst bewegt, erschüttert – und sehr froh. Was mag Gilad nun erwarten? Wie wird sein Leben weitergehen? Wo wird er in fünf Jahren stehen? Ich nehme mir vor, weiter an ihn zu denken, ihn in meine Gebete mit einzuschließen und zu hoffen.

Chayim
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Chayim ist Mitbegründer von arzenu Deutschland und war über viele Jahre der Vorsitzende von arzenu Deutschland. Er schreibt ab und an auf Simanija.Eu Gastbeiträge.