Today we weep  – the day after Orlando

Today we weep – the day after Orlando

rose

The news on Sunday was shocking, confusing, and unspeakably tragic.

What in God’s name is happening in this, our world? Last week Tel Aviv, this Sunday Orlando, and next week …? There is so much pain.

In thousands of places all over the world Jews studied Torah last weekend. We engaged ourselves in those studies, because we have hoped to find a better understanding of how we can make this world a better place. We have engaged ourselves in Tikkun Olam, the reparation of the world, because we know and we see how much more needs to be done to see this world redeemed. Saturday night we spoke about the pain the death of a single person can cause, and how guilty we feel if we couldn’t help. But we accepted that death is part of our lives and that we can find comfort in our Jewish tradition and our surrounding community, if death happens within our closes circles.

But nothing can prepare us for those horrific, brutal and senseless attacks we had to witness in the past few days, months and years. The world, which I love so much, is broken, and the rifts seem to me un-bridgeable. How can we repair the world if a single person has been able to destroy the lives of so many, and to bring so much more hate into this world? How many more people need to study the values of the Torah to outbalance the bestial acts of those monsters?

Many, I know will answer this question with a sense of hopelessness, telling me that there aren’t enough good people in this world to tip the scale to the good. Helplessness tells us to surrender. But in doing so, we allow those monsters to take the victory home, and we give space to the demagogues who trample on the victims to boost themselves and their ideology of hate. The terror acts of the last few days don’t allow us to surrender, to the contrary, the victims of those crimes ask us to not give up hope and to stand up for our values.

We need to be the people of God that actively involve themselves in initiatives to end violence, especially violence against minorities. We need to be committed to the idea that being a Jew means nothing less than intentionally standing up, regardless of differences, when we see lives devalued or dehumanised by hate and ignorance. I believe with all my heart that doing so is a beautiful outworking of the Torah we claim to love and live.

We value all life and the dignity of others because we all bear God’s image. Our faith can never be a reason to turn away from each other, but it should be – it must be – the reason why we approach one another and try to make an impact, even though we don’t understand or approve. Our tradition calls us to nothing less!

Those terror acts call us to break down the walls of our own lethargy and to strengthen those who stand to protect us and our society. Judaism is not a religion of presenting the other cheek if we are attacked. To protect ourselves doesn’t mean to outcast others, it means to be aware that evil things happen and need to be stopped. When the allies started to re-create a civilised society in Germany after 1945 they used the term “fortified democracy” to introduce a system that doesn’t allow radicals to pervert democracy again. The main key is that every individual is responsible to protect this achievement. And so we are called today to protect our world from those radicals, from those haters of life, from those demagogues who try to ignite hate in us.

Today we weep with those who weep, and mourn with those who mourn, tomorrow we stand up to change the world.

 

„Wer sich nicht seiner Vergangenheit erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen“

„Sag mir ein Wort, irgendein Wort, und ich beweise Dir, dass es griechischen Ursprungs ist.“

So lautet einer der Running Gags aus dem Film „My big Fat Greek Wedding“. Gus Portakolos, der Patriarch der Familie der Braut ist davon überzeugt, dass für jedes Wort die Wurzel in der griechischen Sprache gefunden werden kann.

Im Falle einer Bezeichnung für das 5. Buch der Tora – Deuteronomium – hätte Gus Portakolos selbstverständlich Recht. – Aber Gus geht es nicht wirklich um die Richtigkeit seiner Wortabstammungslehre. Ihm liegt nur etwas an seiner griechischen Sprache und deren Beitrag für die weltweite Kultur. Er ist einfach stolz auf sein Griechenland.
Die Bezeichnung Deuteronomium leitet sich, wie gesagt, aus dem Griechischen ab. Das Wort Deuteronomos bedeutet so viel wie „eine zweite Schilderung der Gesetze“, oder“ zweites Gesetz“. Diese Bezeichnung entstammt der Septuaginta und basiert auf dem Tora-Zitat aus dem 5. Buch, Kapitel 17, Vers 18:

‏וְכָתַב לוֹ אֶת־מִשְׁנֵה הַתּוֹרָה הַזֹּאת‎ wə-chatav lo et mischne ha-Tora ha-sot Er soll ihm von dieser Lehre eine Wiederholung schreiben.

Und im Grunde ist es genau das, was Mosche im letzten Teil der Tora macht. Er wiederholt die Gesetze und Gebote und schildert die Ereignisse der letzten 40 Jahre.

Zwei Dinge sind für mich dabei wichtig:

In Bezug auf die Gebote und Gesetze erleben wir etwas sehr Bedeutendes. Es ist nicht mehr Gott, der die Gebote darlegt, es ist der Mensch Mosche, der sie auslegt und interpretiert. In der Tora wird somit die Grundlage für unser progressive Judentum gelegt: Mosche passt die Gebote, die er zuvor von Gott gehört hatte, durch Auslegung an die nächste Generation an. Realitäten, wie z.B. die während der Wüstenwanderung entstandenen neuen Gesellschaftsstrukturen zeichnen sich unter anderem sehr schön in der „zweiten Fassung“ des Dekalogs – der 10 Gebote – ab.

Das zweite, was wir im Buch Devarim – so der hebräische Name für das fünfte Buch der Tora – lesen, sind Mosches lange Schilderungen der Ereignisse seit dem Auszug aus Ägypten. Er, der Zeitzeuge, schildert der nächsten Generation, was geschehen ist. Er tut dies, obwohl die, die ihm zuhören, vermutlicher Weise einen großen Teil selbst miterlebt haben.

Der spanisch-amerikanische Philosoph George Santayana schrieb in seinem Buch The Life of Reason folgenden Satz:

„Wer sich nicht seiner Vergangenheit erinnert,
ist verurteilt, sie zu wiederholen“

Doch lange bevor Santayana mit diesem Satz eines der wichtigsten moralischen Gesetze unserer Zeit formulierte, legten die Autoren des Buches Devarim, dies, als eine der Grundlagen im Judentum, für uns fest. Mosche hält die Reden nicht, weil er sich gerne selbst reden hört, oder weil er den Israeliten etwas Neues zu erzählen hat. Er spricht zu den Israeliten (und damit auch zu uns), damit sie und wir uns der Bedeutung der Ereignisse bewusst werden, die stattgefunden haben. Er erinnert uns an die Lebensbedingungen als Sklaven und die Befreiung aus der Sklaverei durch Gott, an die Rebellionen der Israeliten und an die Vergebung durch Gott.

Das was uns das letzte Buch der Tora vor Augen führt, ist ein sehr sorgsamer Umgang mit der Tradition. Es verlangt, dass wir uns an die Vergangenheit erinnern, sie bewahren und zur Grundlage unserer Entscheidungen nehmen. Mehr noch, unsere Geschichte erschafft den Rahmen, innerhalb dessen wir handeln sollen.

ABER, mit denselben Worten erfahren wir auch, dass dies keinen Stillstand bedeutet. Aus den Erfahrungen lernen wir für die Zukunft. Die Gebote und Verbote müssen für jede Generation und durch jede Generation neu ausgelegt werden. Realitäten ändern sich, weil wir uns ändern.

 

  • Aus Sklaven werden freie Menschen,
  • Aus Überlebenden werden Menschen, die die Zukunft gestalten.
  • Aus Kindern wird eine neue Generation.

 

Etwas, das m.E. bis heute seine Gültigkeit und Bedeutung hat.

Vor drei Wochen war ich mit einer Gruppe von Netzer Chanichim in Auschwitz. Wir haben uns vor Ort mit der Vergangenheit auseinandergesetzt – Fragen gestellt, Antworten gesucht.

Ein Fazit dieser Reise ist für uns, dass wir alle mithelfen müssen, an die Verbrechen der Shoa zu erinnernd und das Andenken der Opfer zu bewahren. UND gleichzeitig müssen wir auch die Ereignisse nach 1945, u.a. der Aufbau eines neuen jüdischen Lebens in einem demokratischen Europa, würdigen. Weder das eine, noch das andere darf alleine maßgebend für das sein, was wir als jüdische Gemeinschaft tun.

  • Die Erinnerung an das was geschehen ist,
  • die Erfahrungen der Überlebenden
  • und die Visionen der nächsten Generationen

bilden im Dreiklang den Handlungsspielraum, in dem wir uns bewegen sollten.

Gus Portakolos, unser Protagonist aus dem zitierten Film ist stolz auf sein Griechenland und dessen Beitrag zur Sprachkultur. Ich finde zu Recht. Und so wie er stolz auf das ist, was seine, griechische Sprache beigetragen hat, sollten wir nicht verstecken, was unsere Tradition und unsere Werte zu bieten haben. Nicht von einem überlegenen, unreflektierten Standpunkt aus, sondern im Dialog mit anderen,

  • als eine Gemeinschaft, die zuhören kann;
  • als Menschen, die Werte leben um damit die Zukunft zu gestalten,
  • und als Menschen, die anderen helfen, ihren eigenen Weg zu finden, ohne ihnen die eigene Identität abzusprechen.

Das zählt für mich zum Kern des fünften Buches der Tora und bildet die Grundlage für ein weiterhin modernes Judentums.
Schabbat Schalom

Drascha gehalten anläßlich der Jahrestagung der Union progressiver Juden in Deutschland, Schabbat Chazon – Dewarim 5773 (11-14.7.2013)

Israel und Edom

Die Haftarah für den letzten Shabbat war nach sefardischer Tradition das Buch Obadiah. Diese Wahl scheint der sonst üblichen Auswahl zu widersprechen, nach der die Haftarah inhaltlich parallel zur Torah-Lesung sein sollte. Während unser Wochenabschnitt die Versöhnung der Zerstrittenen Brüder Jacob und Esau zum Thema hat, beschreibt die Haftarah die ewige Feindschaft zwischen Israel und Edom. Die Wahl der Haftarah muss eine tiefere Bedeutung haben.

Mehr lesen

Lasst uns die Feindbilder auf beiden Seiten einreissen

fast wäre der nachfolgende artikel auf grund der unscheinbaren mail, mit der er daher kam, in meinem virtuellen ablagestapel gelandet,  aber nur fast und zum glück nicht. nach einem einstieg, der nicht unbedingt einfach (für mich!) ist, findet sich ein wunderbares plädoyer für einen gemeinsamen weg aus der krise, oder zumindest für dessen anfang.

wer die folgenden zeilen liest, wird sich vielleicht denken: schöne worte, aber wenig konkretes, dem möchte ich antworten: richtig. nicht unbedingt ein realpolitisches dokument für die tagespolitik. dieses plädoyer besticht durch seine worte, die wie balsam in einem konflikt sind, der längst vergessen hat, dass menschen unter ihm leiden. vielleicht hilft es; vielleicht ist es wie der dringend benötigte notverband, direkt nach einem unfall. er heilt nicht, aber er lindert ein wenig die größten schmerzen.

durch meinen beitrag möchte ich dem plädoye ein wenig mehr zur verbreitung verhelfen, den ich glaube, dass uns die schmerzen längst sämtliche optionen zur heilung geraubt haben. möge es trotz, oder gerade wegen seiner viele diskussionswürdigen punkte, ein ausgangspunkt für weiteres nachdenken sein:

„Laßt uns die Feindbilder auf beiden Seiten einreißen“

Ein Plädoyer für Besonnenheit, Differenzierung und Dialog – Kraftanstrengung von Muslimen und Juden ist jetzt gefordert – Von Muhammad Sameer Murtaza

Ich möchte mit drei Feststellungen beginnen:
(1) Die Abriegelung des Gaza-Streifens ist ein klarer Bruch des Völkerrechts. Keine Regierung der Welt besitzt das Recht, Menschen auf Dauer einzusperren. Diese Politik wird von der internationalen Gemeinschaft nicht mehr gedeckt. Auch hat der geplante Bau von 1.600 Wohneinheiten im annektierten Ostjerusalem und der unaufhörliche Siedlungsbau im Westjordanland, der inzwischen als „natürliches Wachstum“ bezeichnet wird, Israel politisch zu einem einsamen Staat werden lassen.

(2) Weltweit empfinden Muslime Wut und Empörung über das, was ihren Glaubensgeschwistern in Palästina angetan wird. Demütigung birgt die Gefahr blinder Gewaltbereitschaft. Es gibt einen kausalen Zusammenhang zwischen den Ereignissen in Palästina und den verwerflichen weltweiten Anschlägen auf jüdische Einrichtungen wie Schulen oder Synagogen. Fatalerweise unterscheiden Muslime in der Regel nur unzureichend zwischen den Handlungen des israelischen Staates als politischem Akteur und der jüdischen Religion.

(3) Der Nahost-Konflikt hat tiefe Spuren im beiderseitigen Denken hinterlassen. Auf Seiten von Muslimen wie auch Juden sind Feindbilder entstanden, die einen Tunnelblick verleihen. Das Einsickern europäischen antisemitischen Gedankenguts in das muslimische Denken im Zuge des Palästinakonfliktes erfolgte in zwei Schritten. In der ersten Phase wurden europäische antisemitische Themen und Anklagen (z.B. durch Übersetzung antisemitischer Fälschungen wie Die Protokolle der Weisen von Zion) absorbiert. In der zweiten Phase wurden diese Themen durch islamische Ideologen wie Sayyid Qutb assimiliert, verinnerlicht und schließlich dem Islam übergestülpt. Ein gutes Beispiel hierfür ist Qutbs Schrift Ma’rakatuna ma’a l-Yahud (Unser Kampf mit den Juden). Dieser islamisch verbrämte Antisemitismus hat die gegenwärtige muslimische Sichtweise auf das Judentum stark beeinflusst.

Verschärfend kommt hinzu, dass der Zentralrat der Muslime zwar mahnt, dass der Nahost-Konflikt ein politischer sei, er jedoch von nicht wenigen Muslimen und Juden als religiöser Konflikt gesehen wird.
In den nächsten Tagen oder Wochen werden tausende Muslime auf die Straße gehen und gegen die Gaza-Blockade demonstrieren. Dies ist gut so und stellt eine legitime Kritik dar, aber mit welcher Einstellung tun wir dies und was kommt danach?

Wir sollten uns vorsehen vor einem simplen Schwarz-Weiß-Denken

Die Muslime werden im Qur’an als eine Gemeinschaft der Mitte charakterisiert. Eine solche Gemeinschaft ist eine vernunftgeleitete, die sich nicht von Emotionen überwältigen lässt, so sehr sie auch berechtigt sein mögen. Allen muslimischen Demonstranten sollte klar sein: Wir protestieren gegen die Handlungen der israelischen Regierung, die offenbar davon überzeugt ist, in einer moralischen Sonderwelt zu leben, in der sie glaubt, sich mit dem steten Hinweis auf angebliche Selbstverteidigung jedes Recht herausnehmen zu dürfen. Gleichzeitig dürfen wir jedoch nicht übersehen, dass die Hamas Raketenbeschüsse auf israelisches Gebiet duldet und diese nicht unterbindet bzw. als Vergeltungsaktionen provoziert.
Der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, hat es im Tagesspiegel deutlich auf den Punkt gebracht: „Unsere Trauer und unser Zorn richten sich nicht gegen das jüdische Volk, sondern gegen rechtswidrige und tödliche Handlungen der Armee.“

Unsere Alarmglocken sollten schrillen, wenn wir bei uns eine feindselige Haltung gegenüber Juden im Allgemeinen feststellen, die ihnen einen von Natur aus schlechten Charakter zuschreibt. Wenn wir solches verspüren, dann sind wir Opfer eines verführerischen antisemitischen Denkens geworden, das keinen Platz im Islam hat. Dieser Antisemitismus entwirft ein Feindbild, das sich hervorragend dazu eignet, die komplexe Wirklichkeit zu vereinfachen, um sie somit schlüssig zu machen:

• Das Feindbild entlastet: Durch das Stereotyp des international agierenden Judentums kann man diesem alle Schuld zuschieben. Alle unsere Frustrationen lassen sich gefahrlos nach außen auf einen Sündenbock projizieren. Juden werden nicht mehr als Individuen wahrgenommen, sondern als ein kollektiv handelnder Körper. Ausgeblendet wird dabei, dass auch Juden an dem Vorgehen der Regierung Netanjahus und der Siedlungsbewegung heftige Kritik üben.

• Das Feindbild eint: Wir Muslime sind uns zwar in vielem uneins, doch einig sind wir gegen einen äußeren Feind. Ein gemeinsamer Feind stärkt den Zusammenhalt. Das Judentum wird als Kollektiv wahrgenommen und ermöglicht ein Block-Denken. Ausgeblendet wird dabei, (1) dass Israel gemeinsam mit Ägypten eine Blockade über den Gaza-Streifen verhängt hat, (2) dass das religiöse Establishment der Al-Azhar-Universität sich daran wenig störte, (3) dass die Türkei, die nun als Fürsprecher der Palästinenser auftritt, zugleich durch Rüstungslieferungen an Israel ein gutes Geschäft betreibt und (4), dass die gesamte muslimische Welt sich bis heute wenig engagiert gezeigt hat, um politische Perspektiven für einen Frieden zwischen Palästinensern und Israelis zu entwerfen. Wenn es um den Friedensprozess geht, blicken die Palästinenser nicht nach Teheran oder Riad, sondern sehnsüchtig nach Washington.

• Das Feindbild polarisiert: Muslime, die ihre Stimmen gegen eine solche Simplifizierung erheben, werden ausgegrenzt. Es gilt das Prinzip Entweder-Oder. Entweder man steht auf Seiten der Muslime oder auf Seiten der Juden. Feindbilder pressen alles in ein Freund-Feind-Schema. Jedes Vorgehen des Feindes wird an den Pranger gestellt, aber die Methoden der eigenen Leute bleiben frei von jeglicher Kritik, gleichgültig wie verwerflich sie sind wie z.B. die islamwidrigen Selbstmordattentate.

• Das Feindbild aktiviert: Wir gehen auf die Straße demonstrieren, versenden Rundmails, gründen Pro-Gaza-Gruppen auf Facebook und Studivz und machen unserem Zorn Luft…, aber was dann? Spätestens zwei bis drei Wochen später nehmen wir unser geregeltes Leben wieder auf, aber die Menschen in Palästina und Israel können dies nicht. Für sie ist der Nahost-Konflikt Alltag.

Laßt uns die Feindbilder auf beiden Seiten einreißen

Was wünschen wir uns für die Menschen in Palästina? Wie lange sollen ganze Generationen von Palästinensern unter den Bedingungen einer willkürlichen Besatzungsmacht aufwachsen und leben? Frieden und Sicherheit für die Palästinenser muss aber zugleich Frieden und Sicherheit für die Israelis bedeuten. Hierzu kann jeder Jude und jeder Muslim einen Teil beitragen. Der Theologe Hans Küng hat es deutlich formuliert: Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen. Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen. Kein Dialog zwischen den Religionen ohne Grundlagenforschung in den Religionen.

Dies bedeutet eine enorme Kraftanstrengung von Muslimen und Juden: (1) Beide Seiten müssen sich vom vorherrschenden unseligen Kollektivdenken befreien. Es gibt nicht die Juden, ebenso wenig wie es die Muslime gibt. Das Judentum und der Islam sind keine monolithischen Gebilde.

(2) Beide Seiten müssen das Wir-Die-Denken aufgeben. Was uns über alle Religionen eint ist unser Menschsein. Jeder Mensch verfügt über eine Würde, die bereits mit seiner Existenz gegeben ist. Sie ist nicht Gegenstand einer Zuerkennung, sondern einer Anerkennung.

(3) Wir müssen anerkennen, dass beiden Seiten Leid widerfahren ist. Die Schoah und die Naqba haben Juden wie Palästinenser tief geprägt.

(4) Beide Seiten sollten sich auf ihren gemeinsamen Ursprung besinnen. Juden und Muslime glauben gemeinsam an denselben einen Gott, den Gott Abrahams, Ismaels und Isaaks. Dieser Glaube befreite sie aus der Knechtschaft des Polytheismus und machte sie zu einer Gemeinschaft der Gleichen unter Gott und damit zu freien Menschen unter Gott. Juden und Muslime bilden jeweils theozentrische Gemeinschaften. Gemeinsam bilden sie eine abrahamitische, gottgläubige Gemeinschaft.

(5) Beide Seiten müssen sich an die Zeit vor dem Nahost-Konflikt erinnern. Es gab niemals eine „ewige Feindschaft“ zwischen Juden und Muslimen, wie uns Extremisten auf beiden Seiten dies glauben machen wollen. Die Juden sahen seit jeher die Muslime, mit Verweis auf den Bund Noahs, als Fromme unter den Weltvölkern an, die ihren Platz in der göttlichen Weltordnung haben, auch wenn sie keine Juden sind. Die Muslime betrachteten die Juden stets als Leute der Schrift, die unter Schutz der Muslime standen. In der Geschichte des Islam haben Juden zehn Jahrhunderte lang unter islamischer Herrschaft gelebt. Auch in dieser Geschichte gab es Diskriminierung, aber es gibt keine Parallelen zu den Verfolgungen und den Pogromen in Europa oder dem Holocaust. Im Gegenteil, wer sich in die Geschichte der Juden und der Muslime vertieft, findet eine Geschichte der gegenseitigen intellektuellen Befruchtung vor.

(6) In beiden Religionen ist Gerechtigkeit zentral. Für Juden und Muslime ist Gerechtigkeit kein abstrakter Begriff, sondern ein Verhaltensbegriff. Gerechtigkeit ist etwas, dass realistisch durch Tun erreicht werden kann. Dies eröffnet den Weg, völker- und religionsübergreifend nach einem gemeinsamen Ethos zu suchen, um dem Frieden einen Schritt näher zu kommen.

Es ist schon verwunderlich, dass es nach dem Gaza-Krieg nicht zu einer Zusammenarbeit von Juden und Muslimen gekommen ist. Initiativen wie die Stiftung Weltethos (http://www.weltethos.org), JuMuDia (Jüdisch-Muslimischer Dialog; http://jumudia.wordpress.com), das Projekt „Gemeinsames Kernethos von Judentum und Islam“ des Arbeitskreises Eine Menschheit (www.eine-menschheit.de) oder die Bemühungen des Vereins Jung und Jüdisch (http://www.jungundjuedisch.de/) für einen Dialog zwischen Juden und Muslimen bleiben exotisch.

Was bleibt von dieser Krise? Kehren wir nach ein paar Wochen Wut zu unserem Alltag zurück oder beginnen wir produktiv für den Frieden zu arbeiten? Dies wäre wahrhaft gelebte Solidarität mit den Palästinensern. Gelingen kann dies nur, wenn Juden und Muslime Kooperationsgemeinschaften gründen oder bereits bestehende Friedensprojekte unterstützen. Es gilt das Motto: Lokal handeln, global denken. Kooperationsgemeinschaften sind globale Akteure, denn sie setzen grenzüberschreitend Zeichen für den Frieden. Wie erfolgreich diese Bemühungen sein werden, wird die Zeit zeigen. Doch eines ist jetzt schon klar, wo miteinander gesprochen wird, schweigen die Waffen, wo nach dem Gemeinsamen gesucht wird, da wird nicht ausgeschlossen, wer Dialog führt, der beweist die Stärke, den Dialog auszuhalten.

Muhammad Sameer Murtaza ist Islamwissenschaftler, Mitbegründer des Arbeitskreises Eine Menschheit und externer Mitarbeiter der Stiftung Weltethos. Mit der Vortragsreihe „Gemeinsames Kernethos von Judentum und Islam“ setzt er sich für ein besseres Verständnis zwischen den beiden Religionen ein.

absender der email ist http://eine-menschheit.de/

(ich denke, diese mail beantwortet einige diskussionen die zu meinen anderen beiträgen gerade stattfinden. um dem grundtenor dieses beitrages nachzukommen, möchte ich vorerst die diskussionen nicht fortführen. ich brauche zeit zum nachdenken.)

Shilo – Westbank

Letzten Shabbat habe ich in Shilo verbracht. Shilo ist eine der älteren jüdischen Siedlungen in der Westbank. Geographisch gesehen, liegt dieses kleine Dorf genau in der Mitte dessen, was wahrscheinlich mal das Staatsgebiet eines palästinesischen Staates sein wird.

Ortseingang zu Shilo.
Ortseingang zu Shilo. Shilo ist eine offene Siedlung, d.h. es gibt keinen Zaun oder Mauer um die Stadt

Nach meinen Tour mit Encounter nach Bethlehem, war es mir wichtig, noch vor meiner Rückreise auch einen Shabbat in einem Settelment zu verbringen. Ich wollte wissen, wer diese Menschen sind, die sich entscheiden haben, in diesen Siedlungen zu leben. Wer diese Menschen sind, die immer wieder auf so dramatische oder eindrucksvolle Weise, den Lauf der Politik zu beeinflussen wissen. Als es sich angeboten hat, mit einem neuen Freund, dessen Eltern in Shilo leben, einen Shabbat zu verbringen, habe ich spontan zugesagt.
Mehr lesen