Shabbat Shekalim: God has his place in our midst

This Shabbat, we are going to read the end of the second Book of the Torah, Parasha P’kudei. Because this year is a leap year in the Jewish calendar, this Shabbat is also Shabbat Sh’kalim.

Shabbat Sh’kalim is the first of four special Shabbatot in spring, guiding us towards Pessach. Therefore, a special Maftir – a final reading – from a second Torah scroll supplements the traditional reading of the Torah and a special Haftarah is read. For Shabbat Sh’kalim the Maftir is taken from Parashat KiTisa (2M30.11-16), the Torah portion we just read two weeks ago, and the Haftarah from the 2nd books of Kings (12,1-17).

The connecting theme is the “Dwelling place of God”, the Tabernacle/the Temple, and how the Israelites contributed to its construction.

Our sages took this as a model, when they instituted Shabbat Sh’kalim as a reminder for all of us to contribute to our Jewish communities, till today.

But why, one can ask, is the theme of contribution so strongly connected to the dwelling place of God?

Let me share with you the following idea:

The very beginning of God’s instructions for the new Tabernacle starts with a word from the Eternal to Moshe:

“Tell the Israelite people to bring Me offerings; you shall accept offerings for Me from every person whose heart is so moved” (Ex. 25.1-2)

The Hebrew word for offerings, which is used in this quote, as well as in our Maftir, is TERUMAH, offerings for God.

But these offerings are not the animal sacrifices, not the “KORBANOT” we often encounter in the Torah. And they aren’t the offerings we give for charity, ZEDAKA.
 Meant are special levies for the building of the Tabernacle.
 In later times – as we can understand it from our Haftarah – these donations were used for the maintenance of the temple.
 Today, we should understand it as a contribution to the infrastructure of the community; for example the building and maintenance of our Synagogue.

But let me direct your attention again to the second half of our quote: “from every person whose heart is so moved”.

We shouldn’t make the mistake to understand Terumah only as a monetary donation. This may be one way of support, but silver and gold are only symbols for other things, we can give.
 It can be a cake for a Bracha (Kiddush),
 the offer of help, when something needs to be prepared or done in the Synagogue,
 or the visit of people who are sick or lonely.
 Sometimes, “just coming to the prayer services” can be a big contribution.

Today, I think, the offering of TIME is one of the most valuable “things” we can give to our community.
Jewish services aren’t solely meant to praise and worship God. There is also the concept of meeting other people. The Torah calls the tabernacle also the “tent of meeting”, because – to borrow an idea from Martin Buber – we can only meet God in dialog. Coming together and spending time together, that’s worship as well. Wherever we meet, we are creating a place for God to be.

Once, Rabbi Mendel of Kotzk asked his students, where God is at home on this world. His students laughed and answered quickly: What a question, isn’t the whole world filled by the Shechina (the presence) of God? But the rabbi stayed earnest and answered his own question: God is there, where WE let him in.

All the readings of the last weeks about the building of the tabernacle sound like a huge task, hardly manageable, but when we realize that it starts with an offering, coming from the heart, and mainly means to get together with others, to create a real community by spending time together, than God has his place in our midst and dwells among us.

Shabbat Shalom

Rabbi Adrian Michael Schell​
Schabbat Shekalim 5774 @ Bet David, Johannesburg ZA

An Kindes statt

Wie Orthodoxie und Reformbewegung mit Adoptionen umgehen

Eine Familie zu gründen, ist für viele Paare ein Herzensanliegen. Im wahrsten Sinne des Wortes liegt dieser Wunsch uns im Blut, und so sehr wir uns auch über die »jiddische Mamme« amüsieren mögen, ist es doch schön für uns zu wissen, dass wir unsere Traditionen und Werte an die nächste Generation weitergeben können. Nicht zu vergessen, dass es auch ein biblisches Gebot ist, eine Familie zu gründen…

… den ganzen Artikel kann man in der Print- und Onlineausgabe der Jüdischen Allgemeinen Zeitung vom 29.8.2013 lesen (Print auf Seite 21, Online: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/16900).

Unsere Verantwortung – Drascha zu Jom Kippur

Unsere Verantwortung – Drascha zu Jom Kippur

Es gibt eine alte Weisheit, die ursprünglich von den Indianern Nordamerikas stammen soll: „Wir erben nicht die Welt von unseren Vorfahren, wir leihen sie nur von unseren Kindern“. Diese Weisheit halte ich für bedeutend. Ich verstehe sie dahingehend, dass wir, dass unsere Generationen, derzeit die Hüter dieser Welt sind, wir aber auch Teile einer Kette sind. Wir sind verbunden mit den Generationen vor uns und mit den Generationen nach uns.

Oft wird die Weisheit in Verbindung mit Umweltschutz gebracht. Sie soll uns ermahnen, mit den Ressourcen dieser Welt verantwortungsbewusst umzugehen, so dass auch zukünftige Generationen noch gut auf dieser Erde leben können. Aber sie Idee geht darüber hinaus. Alleine die Finanzkrise ist ein gutes Beispiel dafür. Die Schulden, die wir heute machen, müssen die nächsten Generationen als Hypothek weitertragen. Gesetze und ethische Werte, die wir heute gestalten, bilden den Handlungsspielraum unserer Kinder.

Wenn ich mir diesen Weisheitsspruch so ansehe, stelle ich fest, dass sich meine Haltung in den letzten Jahren gewandelt hat. Lange Zeit hatte ich das Gefühl, ich stehe auf der Seite der Kinder, von denen sich die anderen die Welt ausborgen. Mir ging es um das, was einmal mir gehören sollte. Heute, gerade nachdem ich angefangen habe, mit Jugendlichen zu arbeiten, geht es mir umgekehrt. Ich frage mich, was ich weitergeben werde.

Entsprechend unserer Tradition lesen wir morgen Vormittag im Schacharit-Gottesdienst den Abschnitt aus der Parascha “Nitzawim”, der ganz gut eine jüdische Variante der indianischen Weisheit sein könnte. Gott bestätigt den Bund mit dem Volk Israel, kurz bevor sie das gelobte Land betreten. Der Text in der Tora betont, dass alle Israeliten in diesem besonderen Augenblick anwesend waren:

DTN: 29.9 Ihr steht heute alle vor dem Ewigen, eurem Gott, die Häupter eurer Stämme, eure Ältesten, eure Amtleute, jeder Mann in Israel, 10 eure Kinder, eure Frauen, dein Fremdling, der in deinem Lager ist, dein Holzhauer und dein Wasserschöpfer,

 

Und es folgt eine weitere bedeutende Information:

13 Denn ich schließe diesen Bund und diesen Eid nicht mit euch allein, 14 sondern mit euch, die ihr heute hier seid und mit uns steht vor dem Ewigen, unserm Gott, wie auch mit denen, die heute nicht mit uns sind.

Dieser Bund reicht von Abraham bis zu den Kindern Israels in der Wüste. Und er reicht von den Kindern Israels bis zu uns und allen Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt. Und er wird weiterreichen. Bis zu unseren Kindern und Enkeln, bis zu den Enkeln unserer Enkel und immer weiter. Wer weiß, vielleicht wird es einmal Juden auf dem Mars geben? Selbst dort werden sie weiter Teil des Bundes sein. Alle Generationen sind Teil dieser Kette.

Die Aussage in der Tora ist sehr wichtig. Gott hat die Tora nicht nur einer Person, nicht nur einer Generation, übergeben, sondern allen Jüdinnen und Juden. Egal ob sie damals gelebt haben, oder ob sie heute leben, oder in der Zukunft.

Für mich enthält dieser Text zwei wichtige Botschaften, die sehr typisch für das sind, was Judentum für mich ausmacht. Zum einen geht es um Vertrauen: Natürlich waren nicht alle Generationen damals am Sinai physisch anwesend, als Gott den Bund mit dem Volk Israel bestätigte. Aber im Geiste schon. Gott sprach unseren Vorfahren das unendliche Vertrauen aus, dass sie und ihre Kinder und Kindeskinder den Bund bewahren und weiterreichen würden. In der Tora folgt zwar direkt auf den Bundesschluss eine Mahnung an das Volk, was alles passieren wird, wenn der Bund nicht gehalten wird, aber die Tatsache, dass Gott ihnen die Tora trotz des Wissens, dass es nicht immer einfach wird, übergeben hat, beweist, dass Gott ihnen vertrauen konnte. Gott vertraute ihnen, dass sie verantwortungsbewusst die Tora von Generation zu Generation weitergeben würden.

„Verantwortungsbewusst“ ist das zweite Stichwort, das mir in den Sinn gekommen ist. Unsere Vorfahren haben in großer Verantwortung die Tora und den Bund mit Gott angenommen. In dem Vertrauen, dass sie den richtigen Weg eingeschlagen haben. Sie hatten sich für einen Weg entschieden, der auch noch für ihre Kinder sicher sein sollte. Ganz so wie Eltern auch heute noch wichtige Entscheidungen treffen, immer in der Hoffnung, dass diese auch zum Nutzen ihrer Kinder sein werden.

Die Gabe der Tora war nicht etwas Statisches, etwas Einmaliges, das damals am Sinai sein Ende gefunden hatte. So wie der Bund von Generation zu Generation weiter reicht, so ist die Tora selbst etwas sehr Lebendiges in unserer Mitte. Die Tora wurde unseren Vorfahren mit dem Hinweis übergeben, dass sie zu uns Menschen gehört und damit von uns interpretiert werden muss. In der Tora heißt es:

Dtn. 30.12. Lo BaShamaim Hi. Nicht im Himmel ist sie (die Tora).

Оно не на небе

יב  לֹא בַשָּׁמַיִם, הִוא:  לֵאמֹר, מִי יַעֲלֶה-לָּנוּ הַשָּׁמַיְמָה וְיִקָּחֶהָ לָּנוּ, וְיַשְׁמִעֵנוּ אֹתָהּ, וְנַעֲשֶׂנָּה.

Und wenige Zeilen weiter heißt es:

Dtn 30.19 Das Leben und den Tod habe ich dir vorgelegt, den Segen und den Fluch! So wähle das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.

Und dies gilt bis heute. Auch heute sind wir noch die Hüter der Tora. Wir sind diejenigen, die den Bund von den Generationen vor uns übernommen haben und ihn hoffentlich an die nächste Generation weitergeben dürfen. Wir genießen dasselbe Vertrauen von Gott, das er damals unseren Vorfahren gewährt hat. Gott vertraut uns, dass wir verantwortungsbewusst mit der Tora und seinem Bund umgehen. Und noch etwas gilt weiterhin: Wir dürfen keine Angst im Umgang mit der Tora haben.

Wir leben jetzt und hier. Wir müssen Dinge ausprobieren. Wir müssen schauen, wie wir Dinge verändern können, die sich als nicht gut erwiesen haben. Manchmal muss man leider Schulden machen, um etwas für die Zukunft aufbauen zu können. Manchmal muss man neue Techniken ausprobieren, um zu sehen, welche Fortschritte wir damit machen können. Wichtig ist dabei nur, dass wir unsere Grenzen erkennen, dass wir Fehler sehen, wenn wir sie machen und ,dass wir nicht weiter einen falschen Weg gehen, wenn wir schon längst wissen, dass er uns in die Irre führt.

Die Tora ist nicht im Himmel. Sie ist Teil unserer Welt und daher gilt  auch für die Tora, dass wir aktiv dafür sorgen müssen, dass sie weiterhin existieren kann. Wie ein alter Baum, den jede Generation umsorgen muss, dass er kräftig bleibt. Wie er, so soll auch die Tora Schutz und Halt geben, aber auch mit dem Wind gehen dürfen und neue Triebe hervorbringen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Tora genau so lebendig ist, wie alles andere auf dieser Welt, und dass jede Generation sie weiterentwickeln muss. Wir alle haben die Möglichkeit das mitzubestimmen, was wir an die nächste Generation weitergeben wollen.

Heute, an Jom Kippur, geht es darum, das wir erneut über unsere Fehler, Dummheiten und Sünden nachdenken sollen. Wir sollen die Grenzen unseres Handelns erkennen. Wir sollen überprüfen, ob wir noch auf dem Weg sind, der uns in die richtige Richtung bringt. Dabei geht es zwar auf den ersten Blick um die Vergangenheit, aber es geht eigentlich um noch viel viel mehr: Es geht um unsere Zukunft. Aus diesem Tag soll uns die Kraft und Hilfe erwachsen, die Zukunft weiter gestalten zu können.

Die Entscheidungen die wir machen, haben immer auch eine Auswirkung auf die Generationen, die noch nicht geboren wurden. Unser Handeln wird beeinflussen, welche jüdische Welt die nächsten Generationen vorfinden kann. Wenn wir uns immer vergegenwärtigen, dass unser Judentum etwas ist, das wir gleichzeitig von unseren Vorfahren geerbt und nur von unseren Kindern geliehen haben, werden wir alle dazu beitragen, dass das Judentum etwas sehr Lebendiges, Liebenswertes  und Lebenswertes bleibt.

Gmar Chatima Tova!

Ein neues Jahr und ein Sommerloch – Drascha zum Neuen Jahr

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„Und Abraham gab seinem Sohn, der ihm geboren worden war, den Sara ihm geboren hatte, den Namen Isaak. Und Abraham beschnitt seinen Sohn Isaak, als er acht Tage alt war, so, wie Gott ihm geboten hatte.“

Авраам дал новорожденному сыну, которого родила Сарра, имя Исаак. Когда его сыну Исааку исполнилось восемь дней, Авраам обрезал его, как велел ему Бог.

(Bereschit 21.3-4)

In Deutschland gibt es Regeln für alles. Wann die Schule beginnt, wie man sich im Auto auf der Straße verhalten muss, wie die Lebensmittel in Supermärkten verpackt sein müssen. Alles ist geregelt. Und es gibt eine weitere Regel: Im Sommer, also wenn die wichtigsten Politiker des Landes Urlaub machen, dann suchen weniger bekannte Politiker oder Journalisten nach Themen, mit denen sie bekannt werden können. Oft sind das Themen, die wenig Bedeutung haben und nach drei bis vier Wochen auf den Titelseiten unserer Zeitungen wieder verschwinden. Die Politiker aus der zweiten Reihe konnten sich ein bisschen im Scheinwerfer-Licht der Journalisten zeigen, die Zeitungen wurden trotz der Urlaubszeit gut verkauft und richtig Schlimmes ist nicht passiert. Nach den Sommerferien kommen Angela Merkel und die anderen wieder zurück nach Berlin und alles ist so wie immer.

Im Grunde stimmte diese Regel auch für das diesjährige Sommerloch-Thema. Ein paar Journalisten fanden ein perfektes Thema für die Sommerloch-Debatte: Einige Wochen zuvor hatte ein recht unbedeutendes Gericht in Köln geurteilt, dass die Beschneidung von Jungen eine Verletzung der körperlichen Unversehrtheit von Kindern sei. Da in Deutschland erstaunlicherweise keine Regelung bezüglich religiöser Beschneidungen existiert, haben die Juristen aus Köln, ganz bürokratisch Gesetze verglichen und wie Mathematiker ein Urteil gefällt. Dass sie nicht bedacht haben, dass Beschneidungen für Muslime und Juden auch eine sehr emotionale Bedeutung haben, kann man ihnen nicht unbedingt vorwerfen. Für emotionale Komponenten sind Politiker zuständig, die die Gesetze machen. Juristen urteilen nach diesen Gesetzen.

Zurück zum Sommerloch. Die Journalisten fanden also ein Thema, das emotional perfekt in die Sommerlochdebatte passen würde. Mindest. 50% der deutschen Bevölkerung, nämlich alle Männer, konnten etwas dazu sagen. Wenn es um den Intimbereich des Mannes geht, dann wird jeder Mann zu einem Experten, auch wenn er nicht beschnitten ist und eigentlich keine Ahnung hat, worum es in der Debatte geht.

Bis dahin glich die Sommerloch-Debatte jeder anderen. Otto-Normalverbraucher durfte mal Experte sein und seine Meinung äußern. Neu war in diesem Jahr aber, dass es nicht um die richtige Aufstellung der Fußball-National-Mannschaft ging, oder die Kleidung von Prominenten. Es ging plötzlich um „Wir“ und „Die“. Mit der Debatte wurde ein Teil der Bevölkerung gegen einen anderen Teil der Bevölkerung gestellt. Mit einem Mal standen alle Juden auf der Anklagebank. Es war wieder da: „Juden sind Kinderschänder“. Und weil die wichtigsten Politiker Deutschlands im Urlaub war, konnten selbsternannte Kinderretter ungehindert alte Parolen in die Presse bringen.

Die Regel lautet, dass das Sommerloch-Thema nach ein paar Wochen wieder verschwindet und niemand verletzt zurückbleiben wird. In diesem Jahr war es aber anders. Ja, das Thema wird wieder verschwinden. Das Urteil war so unbedeutend, dass man in Deutschland natürlich weiterhin Beschneidungen vornehmen kann und in einigen Wochen wird der Bundestag ein Gesetz verabschieden und alles wird perfekt geregelt sein. Aber für uns Juden hat sich etwas geändert. Die Verletzungen der letzten Wochen haben Spuren hinterlassen. Wenn der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland sagt, dass „Jüdisches Leben in Deutschland nicht mehr möglich“ sei, dann hat er vielleicht in der Hitze der Debatte übertrieben, aber dass er alleine zu solchen Worten greifen musste, zeigt, wie schwierig es bis heute ist, jüdisches Leben in Deutschland zu gestalten und wie stark alte Vorurteile gegenüber uns Juden bis heute vorhanden sind. Die Debatte um die Beschneidung hat alte Wunden neu aufgerissen und ich verstehe, dass viele Jüdinnen und Juden in Deutschland sehr verstört nach diesem Sommer überlegen, wie offen man noch jüdisch in Deutschland leben kann.

Im Zentrum des Tora-Abschnittes, den wir zu Rosch HaSchana lesen, steht der Bund, den Gott mit Abraham geschlossen hat. Die Beschneidung ist für uns Juden das andauernde Zeichen für diesen Bund. Wir Juden vertrauen seit Generationen darauf, dass Gott sein Versprechen gegenüber Abraham einhält, nämlich treu an unserer Seite zu stehen und wir Juden halten unseren Teil, in dem wir den Bund an unsere Kinder weitergeben. Wir geben unser Wissen weiter, so wie auch unsere Traditionen.

Ich weiß, dass nicht jeder männliche Jude beschnitten ist, und dass wir Juden natürlich darüber streiten sollten, ob wir eine Beschneidung der Vorhaut überhaupt noch für zeitgemäß halten. Als liberale Juden sollten wir sogar darüber diskutieren, denn jedes Gebot aus unserer Tradition sollte von jeder Generation neu diskutiert werden. Aber diese Diskussion müssen WIR führen. Wir sollten sie unabhängig von politischen Überlegungen führen, unabhängig von Ratgebern, die nicht verstehen, dass der Bund zwischen Gott und uns Juden eine Dimension hat, die über Gesetzestexte hinausgeht. Etwas, das so schwer zu beschreiben ist, wie Liebe oder Trauer. Unser Bund mit Gott ist so einmalig und unbeschreiblich, wie das Leben selbst.

Rosch HaSchana ist in der jüdischen Tradition der Geburtstag der Welt. Das wir uns gerade heute an die Erschaffung der Welt erinnern sollen, ist für mich kein Zufall. Es ist etwas Großartiges und etwas, das wir Menschen nicht einfach als etwas Selbstverständliches hinnehmen sollten. Genauso wenig wie den Bund zwischen Gott und uns Juden. Dass andere diese Besonderheit nicht wahrnehmen und ein Zeichen für diesen Bund, die Beschneidung, als etwas Barbarisches hinstellen, sollte uns nicht davon abhalten, trotzdem diesen Bund zu bewahren. Als Juden wissen wir, spätestens seit diesem Sommer, dass jüdisches Leben auch jetzt noch verteidigt werden muss. Wir wissen, dass Beschneidungen seit Generationen verantwortungsbewusst durchgeführt werden und wir unsere Kinder nicht verstümmeln. Eltern, die sich dafür entscheiden, an dieser Tradition festzuhalten, sollten die Möglichkeit dazu haben und wir alle sollten fest zu ihnen stehen. Womöglich sind wir nämlich die einzigen, die das tun werden.

Unsere Synagoge in Hameln, unsere Gemeinde, steht dafür, ein offenes Haus zu sein. Beiteinu, unser Haus ist offen für alle, die mit uns in den Dialog treten wollen, auch über die schwierigsten Fragen. An der Debatte in diesem Sommer hat mich gestört, dass es kein Dialog war, dass es wie gesagt eher ein „Wir“ und „Die“ war. Ich hoffe sehr und wünsche mir, dass diese unschöne Episode so schnell verschwindet, wie alle anderen Sommerloch-Themen und, dass das Miteinander, das hier in Hameln vorgelebt wird, wieder zur Normalität in Deutschland wird.

Und auch das sollten wir an diesem Rosch Ha Schana nicht vergessen: Gott hat die Welt nicht nur für uns Juden, oder für Muslime oder Christen erschaffen, sondern für alle Menschen, so wie Gott auch einen Bund mit allen Menschen geschlossen hat. Möge dies als Botschaft von diesem Rosch Ha Schana ausgehen. Möge das kommende Jahr für alle ein friedliches Jahr und ein Jahr des gegenseitigen Respektes werden.

Schana Tova

Tora Lesungen bis Schawuot in liberalen Gemeinden(5772)

Tora Lesungen bis Schawuot in liberalen Gemeinden(5772)

Chaverim,

ich melde mich aus meiner Blog-Schlafpause, um Euch auf eine Besonderheit hinzuweisen, die momentan für die Tora-Lesungen in den liberalen Gemeinden gilt. Die nächsten Wochen (bis zum 19. Mai) sind die Tora-Lesungen in den Liberalen Gemeinden und in Israel andere, als in den traditionellen Gemeinden der Diaspora. Dies liegt daran, dass es in den liberalen Gemeinden, wie in Israel auch, kein 8 Pessachtag (Doppelung des 7. Tag Pessach) gefeiert wird, sondern Pessach am kommenden Freitag endet. Daher wird in israelischen und liberalen Gemeinden die normale Toralesung mit dem Abschnitt „Sch’mini“ fortgesetzt. Erst zur BaMidbar sind die Lesungen wieder identisch (da der Wochenabschnitt „Bahar – Bechukotai“ auf zwei Schabbatot aufgeteilt wird).

Damit ergeben sich für die kommenden Wochen folgende Lesungen :

Datum Abschnitt Haftarah* Traditionelle G.
14. April Sch’mini 2 Sam 6.1-7.17 8. Tg. Pessach
21. April Tasria-Mezora 2 Kön 7.3-20 Sch’mini
28. April Achare Mot-Kedoschim Amos 9.7-15 Tasria-Mezora
5. Mai Emor Ezechiel 44.15-31 Achare Mot-Kedoschim
12. Mai BaHar Jer 32.6-27 Emor
19. Mai BeChukotai Jer 16.19-17.14 BeHar-Bechukotai
26. Mai BaMidbar Hos 2.1-22 BaMidbar

* Haftarot nach Plaut

Einige liberale Gemeinden folgen aber der traditionellen Lesung für die Diaspora, daher empfehe ich, dass Ihr gezielt Eure Rabbiner fragt, was der Minhag Eurer Gemeinde ist.
Liebe Grüße

Moadim le Simcha

Adrian