My Chanicha Patrizia

Our Parashat Matot Masei, which brings the Children of Israel to the plains of Moab on the border of the Land of Israel, deals with the nexus between two of the founding stories of Judaism. The story of peoplehood frames the Jewish People as a family and a tribe bound together by a shared history and destiny in mutual responsibility. The story of nationhood views the People of Israel as a community that is associated with a specific land, Zion, from which it was exiled and to which it ever seeks to return.

In the second half of our Torah portion, the tribes are informed of the borders of their future dwelling, while the tribes of Reuben, Gad and half of Menashe chose to remain beyond those borders; on the east of the Jordan river. Thus, we see that even before the Jews entered the land, life beyond Israel’s borders was already a reality accepted and validated by the Torah. However, such a “proto-diaspora,” was not freed from its own obligations to the rest of the Tribes of Israel.

Indeed, in the first half, Moses challenges the two and half tribes: “Shall your brothers go to war while you dwell here?” (Numbers 32:6). However, the tribes assure Moses that they will join their sisters and brothers to conquer the Land of Kana’an, only returning when all of the people are settled.

Thus, the roots of Diaspora Judaism are long and deep; so too are the expectations of the Jewish People from Jews beyond Israel’s borders to contribute to the unity and wellbeing of the people within the Land of Israel, while Israel itself is the beating heart for all, keeping all Jews connected—close by or far away. This obligation has taken many forms in different times and contexts over centuries. This is highlighted in this very moment while we discuss the egalitarian extension of the Western Wall Plaza and the conversion bill.

On the one hand, multiple missions of solidarity especially from the Progressive Diaspora Communities, millions of Rand, Euros and Dollars of financial assistance and broad mobilisation on social media have all embodied our commitment to Israel. On the other hand the on-going diminishing and out-casting of the non-orthodox communities in Israel have left severe marks on our Jewish souls.

Progressive Jews in South Africa, and all over the world have continually shown their unbroken solidarity with Israel. The security and well-being of our sisters and brothers in Israel are without a question part of our “DNA“, and no group or organisation in Israel or outside of Israel has the right to challenge or even cut this bond we have.

Patrizia (in the picture right) is one of my former chanichot at Netzer. She visited Israel for the first time when we had an exchange programme with Noar Telem (Netzer Israel) in 2014. Last year she made Aliyah after her Netzer-Shnat year, and today she serves as a lone soldier in the IDF. I could not be prouder of her, because she lives the values and ideals we teach in Netzer and the Progressive movement. And it is for her and all other Progressive Jews that we stand and fight for a more pluralistic Jewish Israel. Patrizia, as any other Jew, deserves a Jewish home and place that reflects their, our, values and traditions, too. Moses, in our Torah reading, challenges the diaspora to stand on the side of Israel. Today, we challenge Israel to stand on our side.

Shabbat Shalom

Rabbi Adrian M Schell

(Source: Josh Gottesman/Gidi Grinstein)

 

„Wer sich nicht seiner Vergangenheit erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen“

„Sag mir ein Wort, irgendein Wort, und ich beweise Dir, dass es griechischen Ursprungs ist.“

So lautet einer der Running Gags aus dem Film „My big Fat Greek Wedding“. Gus Portakolos, der Patriarch der Familie der Braut ist davon überzeugt, dass für jedes Wort die Wurzel in der griechischen Sprache gefunden werden kann.

Im Falle einer Bezeichnung für das 5. Buch der Tora – Deuteronomium – hätte Gus Portakolos selbstverständlich Recht. – Aber Gus geht es nicht wirklich um die Richtigkeit seiner Wortabstammungslehre. Ihm liegt nur etwas an seiner griechischen Sprache und deren Beitrag für die weltweite Kultur. Er ist einfach stolz auf sein Griechenland.
Die Bezeichnung Deuteronomium leitet sich, wie gesagt, aus dem Griechischen ab. Das Wort Deuteronomos bedeutet so viel wie „eine zweite Schilderung der Gesetze“, oder“ zweites Gesetz“. Diese Bezeichnung entstammt der Septuaginta und basiert auf dem Tora-Zitat aus dem 5. Buch, Kapitel 17, Vers 18:

‏וְכָתַב לוֹ אֶת־מִשְׁנֵה הַתּוֹרָה הַזֹּאת‎ wə-chatav lo et mischne ha-Tora ha-sot Er soll ihm von dieser Lehre eine Wiederholung schreiben.

Und im Grunde ist es genau das, was Mosche im letzten Teil der Tora macht. Er wiederholt die Gesetze und Gebote und schildert die Ereignisse der letzten 40 Jahre.

Zwei Dinge sind für mich dabei wichtig:

In Bezug auf die Gebote und Gesetze erleben wir etwas sehr Bedeutendes. Es ist nicht mehr Gott, der die Gebote darlegt, es ist der Mensch Mosche, der sie auslegt und interpretiert. In der Tora wird somit die Grundlage für unser progressive Judentum gelegt: Mosche passt die Gebote, die er zuvor von Gott gehört hatte, durch Auslegung an die nächste Generation an. Realitäten, wie z.B. die während der Wüstenwanderung entstandenen neuen Gesellschaftsstrukturen zeichnen sich unter anderem sehr schön in der „zweiten Fassung“ des Dekalogs – der 10 Gebote – ab.

Das zweite, was wir im Buch Devarim – so der hebräische Name für das fünfte Buch der Tora – lesen, sind Mosches lange Schilderungen der Ereignisse seit dem Auszug aus Ägypten. Er, der Zeitzeuge, schildert der nächsten Generation, was geschehen ist. Er tut dies, obwohl die, die ihm zuhören, vermutlicher Weise einen großen Teil selbst miterlebt haben.

Der spanisch-amerikanische Philosoph George Santayana schrieb in seinem Buch The Life of Reason folgenden Satz:

„Wer sich nicht seiner Vergangenheit erinnert,
ist verurteilt, sie zu wiederholen“

Doch lange bevor Santayana mit diesem Satz eines der wichtigsten moralischen Gesetze unserer Zeit formulierte, legten die Autoren des Buches Devarim, dies, als eine der Grundlagen im Judentum, für uns fest. Mosche hält die Reden nicht, weil er sich gerne selbst reden hört, oder weil er den Israeliten etwas Neues zu erzählen hat. Er spricht zu den Israeliten (und damit auch zu uns), damit sie und wir uns der Bedeutung der Ereignisse bewusst werden, die stattgefunden haben. Er erinnert uns an die Lebensbedingungen als Sklaven und die Befreiung aus der Sklaverei durch Gott, an die Rebellionen der Israeliten und an die Vergebung durch Gott.

Das was uns das letzte Buch der Tora vor Augen führt, ist ein sehr sorgsamer Umgang mit der Tradition. Es verlangt, dass wir uns an die Vergangenheit erinnern, sie bewahren und zur Grundlage unserer Entscheidungen nehmen. Mehr noch, unsere Geschichte erschafft den Rahmen, innerhalb dessen wir handeln sollen.

ABER, mit denselben Worten erfahren wir auch, dass dies keinen Stillstand bedeutet. Aus den Erfahrungen lernen wir für die Zukunft. Die Gebote und Verbote müssen für jede Generation und durch jede Generation neu ausgelegt werden. Realitäten ändern sich, weil wir uns ändern.

 

  • Aus Sklaven werden freie Menschen,
  • Aus Überlebenden werden Menschen, die die Zukunft gestalten.
  • Aus Kindern wird eine neue Generation.

 

Etwas, das m.E. bis heute seine Gültigkeit und Bedeutung hat.

Vor drei Wochen war ich mit einer Gruppe von Netzer Chanichim in Auschwitz. Wir haben uns vor Ort mit der Vergangenheit auseinandergesetzt – Fragen gestellt, Antworten gesucht.

Ein Fazit dieser Reise ist für uns, dass wir alle mithelfen müssen, an die Verbrechen der Shoa zu erinnernd und das Andenken der Opfer zu bewahren. UND gleichzeitig müssen wir auch die Ereignisse nach 1945, u.a. der Aufbau eines neuen jüdischen Lebens in einem demokratischen Europa, würdigen. Weder das eine, noch das andere darf alleine maßgebend für das sein, was wir als jüdische Gemeinschaft tun.

  • Die Erinnerung an das was geschehen ist,
  • die Erfahrungen der Überlebenden
  • und die Visionen der nächsten Generationen

bilden im Dreiklang den Handlungsspielraum, in dem wir uns bewegen sollten.

Gus Portakolos, unser Protagonist aus dem zitierten Film ist stolz auf sein Griechenland und dessen Beitrag zur Sprachkultur. Ich finde zu Recht. Und so wie er stolz auf das ist, was seine, griechische Sprache beigetragen hat, sollten wir nicht verstecken, was unsere Tradition und unsere Werte zu bieten haben. Nicht von einem überlegenen, unreflektierten Standpunkt aus, sondern im Dialog mit anderen,

  • als eine Gemeinschaft, die zuhören kann;
  • als Menschen, die Werte leben um damit die Zukunft zu gestalten,
  • und als Menschen, die anderen helfen, ihren eigenen Weg zu finden, ohne ihnen die eigene Identität abzusprechen.

Das zählt für mich zum Kern des fünften Buches der Tora und bildet die Grundlage für ein weiterhin modernes Judentums.
Schabbat Schalom

Drascha gehalten anläßlich der Jahrestagung der Union progressiver Juden in Deutschland, Schabbat Chazon – Dewarim 5773 (11-14.7.2013)

Eigene Spuren – Drascha zum Wochenabschnitt Wajeschev

Eigene Spuren – Drascha zum Wochenabschnitt Wajeschev

„Wer nur in die Fuß-Abdrücke anderer tritt, hinterlässt keine eigenen Spuren.“

Diesen Satz habe ich letzte Woche in der Fernsehsendung „The Voice of Germany“ von einem jungen, jüdischen Kandidaten gehört.

„Wer nur in die Fuß-Abdrücke anderer tritt, hinterlässt keine eigenen Spuren.“

Was für ein Satz! Was für ein Gedanke! Bis heute denke ich über die Aussage des jungen Mannes nach. Vor allem deshalb, weil der Satz irgendwie auch meine Rolle, unsere Rolle, die wir einnehmen wollen, berührt.
Und was könnte dieser Satz für uns bedeuten, die wir Vorbilder sein sollen und für uns, die wir selbst vielen Vorbildern folgen.

Unser Wochenabschnitt Wajeschev läutet den letzten Abschnitt des ersten Buches der Tora ein. Nach dem Tode Itzchaks würde man erwarten, dass nun ganz der Fokus auf Jakob fällt, der schon die Handlungen der letzten Abschnitte dominierte, aber dem ist nicht so. Jakobs weiteres Leben rückt bis auf wenige Passagen in den Hintergrund. In das Zentrum der weiteren Erzählung rücken Jakobs Söhne, und in besonderer Weise Josef.

Zugegeben, mein heimlicher Held der Tora ist Joseph und ich freue mich immer um diese Jahreszeit von meinem biblischen Vorbild zu lesen. Ich wünsche mir z.B. oft, so ein klares Bild und so ein festes Vertrauen in Gott zu haben wie er. Ich erfreue mich an seiner Lebensfreude und ich bewundere ihn für seinen klaren Kopf. Was würde ich dafür geben, in machen Stresssituationen nicht die Fassung zu verlieren, sondern klar die Situation zu erfassen und gelassen zu reagieren. Vielleicht idealisiere ich Joseph ein wenig. Vorbilder werden leicht idealisiert und ich bin mir eigentlich sicher, dass Joseph nicht in jeder Situation perfekt war und so gelassen, wie ich es aus den restlichen Kapiteln des Buches Bereschit herauslese.
Viel mehr noch, wenn wir genau hinschauen, werden wir Makel an Joseph finden, wie wir sie an jedem Vorbild entdecken und dabei sogar bitter enttäuscht werden.

Immer wieder wurde ich von Vorbildern enttäuscht. Von Rabbinern, Lehrern, Freunden, zu denen ich aufgeschaut habe und die zu einem bestimmten Punkt ihren Glanz verloren haben. Die Tora selbst schult uns darin, unsere Helden auch „nackt“, als fehlerhafte Menschen, zu sehen. Avraham bis Moses, alle sind Vorbilder denen wir folgen sollen und Vorbilder im umgekehrten Sinne. Vorbilder, denen man nicht folgen soll.
Auch Josef enttäuscht. Ausgestattet mit der ganzen Liebe seines Vaters und herausgehoben unter seinen Brüdern handelt er nicht vorbildlich, wie man es von einem Helden erwarten würde. Im Gegenteil, er handelt arrogant und egoistisch. Die Würde, die er von seinem Vater in Form des bunten Gewandes verliehen bekommt, wird zur Bürde für seine Brüder.

Viele Kommentatoren meinen, dass der tiefe Fall, den Josef in seinen jungen Lebensjahren erleben musste, die Jahre der Sklaverei, notwenige Lehrjahre waren. Nur durch die „harte Schule“ konnte aus Joseph ein solch brillanter Denker und Anführer werden.

Ich mag den Gedanken nicht. Ich mag ihn deshalb nicht, weil Strafe und Erniedrigung nie gute Lehrmeister sind. Nein, in niemanden wird schlummerndes Potential entdeckt, wenn wir ihn quälen oder, um es mal nicht so hart auszudrücken, wenn wir ihm Steine in den Weg legen.

In meinem Zitat vom Beginn gibt es ein kleines, aber sehr wichtiges Wort. NUR.

„Wer nur in die Fuß-Abdrücke anderer tritt, hinterlässt keine eigenen Spuren.“

Der junge Mann hat nicht ausgeschlossen, Vorbildern zu folgen, er will es NUR nicht ausschließlich tun.

In Joseph schlummerte mit Sicherheit schon in jungen Jahren ein besonderes Potential, aber ihm nur den Mantel zu geben und zu schauen, was passieren wird, konnte in meinen Augen nur schief gehen. Jakob mag für uns heute ein Vorbild sein, aber ich bin mit seinen Erziehungsmethoden nicht einverstanden.

Jemanden eine Aufgabe zu übertragen und/oder in ihm sein Potential zu wecken, heißt, sie oder ihn in dieser Aufgabe zu begleiten, ihr oder ihm zu helfen, den eigenen Weg zu finden. Und zwar raus aus unseren Fußabdrücken. Einfach abwarten und schauen, was passiert, ist in meinen Augen der falsche Weg.

Aber aufgepasst! Wer will, dass seine Schüler so werden wie er ist, ist in meinen Augen in erster Linie ein Egoist. Kinder, junge Erwachsene, Schüler und Studenten sollen eigene Menschen werden und keine Kopien.

Ich glaube, dass ist es auch, was mich an vielen meiner Vorbilder immer wieder enttäuscht hat. Nicht, dass sie fehlerhaft waren. Sie waren und sind Menschen. Enttäuscht hat mich, wenn sie von mir erwartet haben, ihnen zu folgen, ohne mir den Freiraum zur eigenen Entfaltung zu geben, ohne den Raum zu schaffen, in dem ich ich bleiben konnte.

Von mir – und von uns – erwarte ich, dass wir die Aufgabe als Vorbilder ernst nehmen, denn wir alle sind immer auch Vorbilder. Und ich wünsche mir, dass wir jedem Menschen unser Bestes geben, damit er oder sie den eigenen Weg gehen kann. Wenn diese Menschen dabei eine Weile unseren Fußspuren folgen, ist das Wunderbar. Wir sollten sie aber nach einer Zeit auch ermutigen, ihre eigenen Wege zu finden. Damit auch sie ihre eigenen Spuren hinterlassen können.

Boker Tov

[Dieses Davr Torah habe ich im Rahmen eines Studentenschacharits am Abrahm Geiger Kolleg gehalten, Wochenabschnitt Wajeschev 5772]