Identitaetswirrwarr

oder wer bin ich eigentlich.

diese und andere überschriften gingen mir seit tagen durch den kopf, wann immer ich daran dachte, meinen dritten bericht zur tagung in zypern zu schreiben. gemein mit den beiden vorherigen artikeln ist auch in diesem artikel eine wesentliche fragestellung, die nach der identität. doch in diesem fall möchte ich die den scheinwerfer auf die jüdischen teilnehmer richten.

dass auch mein dritter bericht wieder die frage der identität beleuchtet, zeigt mir, dass diese frage tatsächlich der hauptmotor in sämtlichen gruppendynamischen entwicklungen zu sein scheint. die notwendigkeit, die eigene identität zwischen allen stühlen endlich zu festigen bzw. zu errichten hat viele palästinensiche teilnehmer als dominant auf der konferenz erscheinen lassen. fast aggressiv empfanden viele, mich eingeschlossen die immer währenden fragen, aufforderungen und beiträge nach anerkennung der situation in der westbank und den flüchtlingslagern. das fast flehentliche verlangen nach anerkennung des schmerzes war keine gespielte propaganda und doch stieß sie auf eine wand von schmerzen auf jüdischer seite, da der konflikt um das land nun mal seine ganz realen auswirkungen auch auf die jüdische bevölkerung in israel hat und vergleichbar einzigartig jedes einzelne individuum trifft.

in den vergangenen konferenzen gab es auf der einen seite „die deutschen“ und auf der anderen seite „die juden“. deutsch-jüdische teilnehmerInnen gab es nach berichten eher selten. das rollenbild schien mir aus den berichten, die mir zugetragen wurden, recht einfach in opfer und täter aufgeteilt zu sein. an dieser schwarz-weiss-zeichnung konnte dann wunderbar gearbeitet werden und wie ich schon berichtet habe, an diesem bild muss auch noch gearbeitet werden. bedarf ist da und einige jüdische und deutsche teilnehmer sind genau aus diesem grund zur konferenz gefahren.

durch die erweiterung der konferenz war die rolle der jüdischen teilnehmer komplett aus der schwarz-weißen welt katapultiert worden. opfer, täter, verteidiger, angreifer – sämtliche schattierungen in der tagtäglichen auseinandersetzung mit der realen welt fanden nun auch einzug in den mikrokosmos von zypern. die frau, deren eltern auschwitz überlebt hatten und die plötzlich einer tochter eines ns soldaten gegenüber stand, der in der region „gedient“ hatte, aus der ihre eltern stammen, musste sich mit den anschuldigungen auseinander setzen, dass sie nun in einem dorf in israel lebt, das zuvor eine arabische siedlung beherbergte. der amerikanische jude, der noch nie in deutschland war und in seinen träumen den gleichschritt deutscher sa-truppen entsprechend der erzählungen seiner eltern hört, ertappte sich dabei, wie er immer mehr in die rolle eines verteidigers israelischer politik gedrängt wurde, obwohl es nicht die eigene ist. (symbolhafte beispiele).

israel, dass für viele juden der diaspora der inbegriff eines sicherheitsnetzes darstellt, ist für einige palästinenser genau das gegenteil. das zu hören schmerzt, vor allem weil es das – zugegeben nicht der realität entsprechende, romantisierte – bild von einer sicheren heimat, einem mutterschoß erschüttert. ich denke, dass einige, mich eingeschlossen, auf diese deutlichen worte nicht eingestellt waren. das soll nicht bedeuten, dass ich realitätsfremd bin und mich noch nie mit der situation der palästinenser auseinander gesetzt habe, jedoch war ich in diesem augenblick nicht darauf vorbereitet und hatte im warsten sinne der worte eine offene flanke.

an dieser stelle möchte ich betonen, dass ein vergleich zwischen den verbrechen der nazis mit der politischen situation in israel und palästina nicht angestrebt werden soll. dies ist nicht zulässig und für mich auch undenkbar. wenn wir beides vergleichen und gleichsetzen würden, können wir keinem gerecht werden. vergleichbar ist aber, dass wir uns beidem stellen müssen. die shoa kann kein „totschläger“ sein, um sämtliche fragen hinsichtlich der aktuellen politischen lage um und in bezug auf israel zu umgehen und umgekehrt, darf die frage der palästinenser und deren zukunft nicht missbraucht werden, um die shoah zu relativieren. es beraubt vor allem die opfer ihrer menschlichkeit.

so wenig homogen die anderen gruppen auf der konferenz waren, so war es natürlich auch nicht die gruppe der jüdischen teilnehmer. wir wenigen jüdisch-deutschen teilnehmer zb. mussten uns den immerwährenden fragen stellen, warum wir in deutschland leben, warum juden aus russland lieber nach deutschland gehen. amerikanische juden mussten stellung zur politik von busch nehmen und religiöse und nicht religiöse juden hatten genügen gesprächsstoff über das fleisch auf dem buffet. …

eine woche nach der konferenz erhalte ich immer noch viele emails von teilnehmerInnen, persönlich an mich gerichtet oder in form einer rundmail. die auseinandersetzungen die wir hatten weichen einem verklärten „wir haben uns alle lieb“. das ist ein wenig schade, den damit verliert die konferenz an bedeutung und ausstrahlungskraft, die sie auf mich ausgeübt hat. vielleicht ist dies aber die abschließende lehre, die ich in bezug auf gruppendynamiken ziehen kann. am ende ist mehr schein als sein und jeder spielt eine rolle, die in den seltensten fällen mit der wahren identität in übereinstimmung steht. die frage nach dem „wer bin ich“ steht vorher fest und ist nachher genauso unerschüttert, nur der gruppenzwang bringt alle dazu, sich mal kurzfristig aus den eigenen vier wänden zu begeben und eine rolle zu spielen. na dann, auf zum nächsten ringelpietz …

Loyalitaet

jetzt bin ich wieder in berlin zurück und versuche das erlebte der letzten woche in worte zu fassen. es ist schwieriger, als ich dachte, bin ich doch in der letzten woche durch ein ganzen wald voller eindrücke, gefühle und gedanken gerannt. schwarz und weiße eindrücke, die sich leicht zu papier bringen lassen, sind – wie so oft – kaum vorhanden und stellen damit das problem der ganzen konferenz in wenigen worten dar.

ich wage mich aber dennoch daran, auch wenn vieles untergehen wird, einiges nicht nachvollziehbar scheint und für euch, die ihr nicht an der konferenz teilgenommen habt, unverständlich bleibt.

bei der konferenz handelte es sich um die 6. folgekonferenz in einer serie von „group-relations“-konferenzen, die nach der „tavistock“-methode (?) aufgesetzt wurden. als nicht psychologe ist mir bis zum ende nicht ganz bewusst geworden, wie nun diese methode im detail aussieht, aber der zweck scheint mir, in einem geschlossenem system gruppendynamische entwicklungen zu erkennen und zu erforschen. dabei liegt die kompetenz nicht bei personen außerhalb, die eine gruppe und ihre entwicklungen beobachtet, sondern bei jedem teilnehmer selbst. jeder ist beobachter und studienobjekt in gleicher weise und kann beobachtungen in die auswertung einbringen. es gibt zwar eine subgruppe, das „staff“, welches die konferenz führt und für konsultationen der anderen subgruppen zur verfügung steht, es bleibt aber teil der gesamtkonferenz und ist teil der untersuchungen. Mehr lesen