"Kuenstliche Befruchtung" im Islam

Adrian Michael Schell
ZUR ASSISTIERTEN REPRODUKTION AUS DER SICHT DES ISLAMS
Eine erste Einführung

Begriffsbestimmung:

Unter assistierte Reproduktion versteht man aus medizinischer Sicht therapeutische Maßnahmen, die außerhalb der sexuellen Begegnung von Mann und Frau die Befruchtung von weiblichen Keimzellen (Eizellen) ermöglichen. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird diese Methode als „Künstliche Befruchtung“ bezeichnet. Dieser Ausdruck ist letztlich nicht ganz richtig, denn die Befruchtung zwischen Spermien und Eizelle verläuft genauso, wie sonst im Eileiter. Es ist also nicht die Befruchtung selbst, sondern nur ihr Ort „künstlich“.  Die Befruchtung außerhalb des Körpers (extrakorporale Befruchtung, auch kurz als IVF bezeichnet), wird seit 1978 in der Behandlung z. B. bei unerfülltem Kinderwunsch eingesetzt. Die Schwangerschaftsrate nach IVF ist in hohem Maße z.B. von der zur Sterilität führenden Störung abhängig. Ein zweiter wichtiger Faktor ist das Alter der Frau. Weltweit werden die Schwangerschaftsraten mit ca. 25% pro Transfer angegeben. Da man damit rechnen muss, dass ca. 20% der Schwangerschaften in einer meist frühen Fehlgeburt enden, liegt die Rate der Frauen, die tatsächlich ein Kind bekommen, bei ca. 20% pro Versuch.

Die am meisten diskutierten Therapien sind:

– die künstlich intrauterine Insemination (u.a. „Samenspende“)

– die In-vitro-Fertilisation (IVF) mit Embyonentransfer

– die intrazytoplasmatische Spermieninjektion („echte“ künstliche Befruchtung)

– und die Leihmutterschaft

Exkurs: Es wird diskutiert, überzählige Embryonen, die bei der IVF entstehen, für die Stammzellenforschung zu verwenden. Stammzellen sind Zellen in einem Entwicklungsstadium von dem aus sie sich in mehr als 200 verschiedene Gewebearten entwickeln können. Die überzähligen Embryonen werden aufgetaut und wachsen im Labor vier Tage lang. Ausgehend von diesem Entwicklungsstadium konnten US-Forscher erstmals 1998 Stammzellen gewinnen, die sich unentwegt teilen, jedoch nicht zu einem Baby heranwachsen.

(Wer auf der Suche nach medizinischen Ansprechpartnern ist, dem empfehle ich die Website: http://www.repromed.de/. Auf dieser Website kann man Fachärzte vor Ort suchen und kontaktieren.)

Vorbemerkung:

Die mir vorliegenden Quellen beschreiben nur einen kleinen Ausschnitt der aktuellen, innermuslimischen Diskussion zu diesem Thema. Wie im Judentum, so gibt es auch im Islam ein großes Spektrum von Lehrmeinungen. Da in deutscher Sprache nur sehr wenig veröffentlicht wurde,  stütze ich mich bei meinem Kurzüberblick im Wesentlichen auf die beiden folgenden Bücher: Gâd-al-Haqq Alî Gâ-al-Haqq: „Künstliche Befruchtung“ in: Moderne Medizin und Islamische Ethik, Thomas Eich (Hg./Übers.)und Ormi Rey-Stocker: “ Anfang und Ende des menschlichen Lebens aus der Sicht der Medizin und der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam“.

Auch kann ich leider nur mit einer deutschen Übersetzung des Qur’ans arbeiten, was dazu führt, dass ich eventuelle Wortvarianten und Übersetzungsmöglichkeiten bei der Beurteilung nicht eigenständig durchführen kann, sondern mich ausschließlich auf die Interpretation des Übersetzers verlassen musste.

Die herangezogenen Fatwas sind mir als Beispielhaft empfohlen worden, oder wurden im Rahmen der Fußnoten in den von mir verwendeten Quellen erwähnt. Dieser Text entstand für ein Seminar in der Uni, um einen kurzen Einblick zu gewinnen. Er stellt nicht die volle Breite des Diskussion dar. Viel mehr ist er die Ausgangsbasis für weitere, tiefergehende Diskussionen. Ich empfehle, auch die Fussnoten am Ende zu lesen 🙂 …

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