Lasst uns die Feindbilder auf beiden Seiten einreissen

fast wäre der nachfolgende artikel auf grund der unscheinbaren mail, mit der er daher kam, in meinem virtuellen ablagestapel gelandet,  aber nur fast und zum glück nicht. nach einem einstieg, der nicht unbedingt einfach (für mich!) ist, findet sich ein wunderbares plädoyer für einen gemeinsamen weg aus der krise, oder zumindest für dessen anfang.

wer die folgenden zeilen liest, wird sich vielleicht denken: schöne worte, aber wenig konkretes, dem möchte ich antworten: richtig. nicht unbedingt ein realpolitisches dokument für die tagespolitik. dieses plädoyer besticht durch seine worte, die wie balsam in einem konflikt sind, der längst vergessen hat, dass menschen unter ihm leiden. vielleicht hilft es; vielleicht ist es wie der dringend benötigte notverband, direkt nach einem unfall. er heilt nicht, aber er lindert ein wenig die größten schmerzen.

durch meinen beitrag möchte ich dem plädoye ein wenig mehr zur verbreitung verhelfen, den ich glaube, dass uns die schmerzen längst sämtliche optionen zur heilung geraubt haben. möge es trotz, oder gerade wegen seiner viele diskussionswürdigen punkte, ein ausgangspunkt für weiteres nachdenken sein:

„Laßt uns die Feindbilder auf beiden Seiten einreißen“

Ein Plädoyer für Besonnenheit, Differenzierung und Dialog – Kraftanstrengung von Muslimen und Juden ist jetzt gefordert – Von Muhammad Sameer Murtaza

Ich möchte mit drei Feststellungen beginnen:
(1) Die Abriegelung des Gaza-Streifens ist ein klarer Bruch des Völkerrechts. Keine Regierung der Welt besitzt das Recht, Menschen auf Dauer einzusperren. Diese Politik wird von der internationalen Gemeinschaft nicht mehr gedeckt. Auch hat der geplante Bau von 1.600 Wohneinheiten im annektierten Ostjerusalem und der unaufhörliche Siedlungsbau im Westjordanland, der inzwischen als „natürliches Wachstum“ bezeichnet wird, Israel politisch zu einem einsamen Staat werden lassen.

(2) Weltweit empfinden Muslime Wut und Empörung über das, was ihren Glaubensgeschwistern in Palästina angetan wird. Demütigung birgt die Gefahr blinder Gewaltbereitschaft. Es gibt einen kausalen Zusammenhang zwischen den Ereignissen in Palästina und den verwerflichen weltweiten Anschlägen auf jüdische Einrichtungen wie Schulen oder Synagogen. Fatalerweise unterscheiden Muslime in der Regel nur unzureichend zwischen den Handlungen des israelischen Staates als politischem Akteur und der jüdischen Religion.

(3) Der Nahost-Konflikt hat tiefe Spuren im beiderseitigen Denken hinterlassen. Auf Seiten von Muslimen wie auch Juden sind Feindbilder entstanden, die einen Tunnelblick verleihen. Das Einsickern europäischen antisemitischen Gedankenguts in das muslimische Denken im Zuge des Palästinakonfliktes erfolgte in zwei Schritten. In der ersten Phase wurden europäische antisemitische Themen und Anklagen (z.B. durch Übersetzung antisemitischer Fälschungen wie Die Protokolle der Weisen von Zion) absorbiert. In der zweiten Phase wurden diese Themen durch islamische Ideologen wie Sayyid Qutb assimiliert, verinnerlicht und schließlich dem Islam übergestülpt. Ein gutes Beispiel hierfür ist Qutbs Schrift Ma’rakatuna ma’a l-Yahud (Unser Kampf mit den Juden). Dieser islamisch verbrämte Antisemitismus hat die gegenwärtige muslimische Sichtweise auf das Judentum stark beeinflusst.

Verschärfend kommt hinzu, dass der Zentralrat der Muslime zwar mahnt, dass der Nahost-Konflikt ein politischer sei, er jedoch von nicht wenigen Muslimen und Juden als religiöser Konflikt gesehen wird.
In den nächsten Tagen oder Wochen werden tausende Muslime auf die Straße gehen und gegen die Gaza-Blockade demonstrieren. Dies ist gut so und stellt eine legitime Kritik dar, aber mit welcher Einstellung tun wir dies und was kommt danach?

Wir sollten uns vorsehen vor einem simplen Schwarz-Weiß-Denken

Die Muslime werden im Qur’an als eine Gemeinschaft der Mitte charakterisiert. Eine solche Gemeinschaft ist eine vernunftgeleitete, die sich nicht von Emotionen überwältigen lässt, so sehr sie auch berechtigt sein mögen. Allen muslimischen Demonstranten sollte klar sein: Wir protestieren gegen die Handlungen der israelischen Regierung, die offenbar davon überzeugt ist, in einer moralischen Sonderwelt zu leben, in der sie glaubt, sich mit dem steten Hinweis auf angebliche Selbstverteidigung jedes Recht herausnehmen zu dürfen. Gleichzeitig dürfen wir jedoch nicht übersehen, dass die Hamas Raketenbeschüsse auf israelisches Gebiet duldet und diese nicht unterbindet bzw. als Vergeltungsaktionen provoziert.
Der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, hat es im Tagesspiegel deutlich auf den Punkt gebracht: „Unsere Trauer und unser Zorn richten sich nicht gegen das jüdische Volk, sondern gegen rechtswidrige und tödliche Handlungen der Armee.“

Unsere Alarmglocken sollten schrillen, wenn wir bei uns eine feindselige Haltung gegenüber Juden im Allgemeinen feststellen, die ihnen einen von Natur aus schlechten Charakter zuschreibt. Wenn wir solches verspüren, dann sind wir Opfer eines verführerischen antisemitischen Denkens geworden, das keinen Platz im Islam hat. Dieser Antisemitismus entwirft ein Feindbild, das sich hervorragend dazu eignet, die komplexe Wirklichkeit zu vereinfachen, um sie somit schlüssig zu machen:

• Das Feindbild entlastet: Durch das Stereotyp des international agierenden Judentums kann man diesem alle Schuld zuschieben. Alle unsere Frustrationen lassen sich gefahrlos nach außen auf einen Sündenbock projizieren. Juden werden nicht mehr als Individuen wahrgenommen, sondern als ein kollektiv handelnder Körper. Ausgeblendet wird dabei, dass auch Juden an dem Vorgehen der Regierung Netanjahus und der Siedlungsbewegung heftige Kritik üben.

• Das Feindbild eint: Wir Muslime sind uns zwar in vielem uneins, doch einig sind wir gegen einen äußeren Feind. Ein gemeinsamer Feind stärkt den Zusammenhalt. Das Judentum wird als Kollektiv wahrgenommen und ermöglicht ein Block-Denken. Ausgeblendet wird dabei, (1) dass Israel gemeinsam mit Ägypten eine Blockade über den Gaza-Streifen verhängt hat, (2) dass das religiöse Establishment der Al-Azhar-Universität sich daran wenig störte, (3) dass die Türkei, die nun als Fürsprecher der Palästinenser auftritt, zugleich durch Rüstungslieferungen an Israel ein gutes Geschäft betreibt und (4), dass die gesamte muslimische Welt sich bis heute wenig engagiert gezeigt hat, um politische Perspektiven für einen Frieden zwischen Palästinensern und Israelis zu entwerfen. Wenn es um den Friedensprozess geht, blicken die Palästinenser nicht nach Teheran oder Riad, sondern sehnsüchtig nach Washington.

• Das Feindbild polarisiert: Muslime, die ihre Stimmen gegen eine solche Simplifizierung erheben, werden ausgegrenzt. Es gilt das Prinzip Entweder-Oder. Entweder man steht auf Seiten der Muslime oder auf Seiten der Juden. Feindbilder pressen alles in ein Freund-Feind-Schema. Jedes Vorgehen des Feindes wird an den Pranger gestellt, aber die Methoden der eigenen Leute bleiben frei von jeglicher Kritik, gleichgültig wie verwerflich sie sind wie z.B. die islamwidrigen Selbstmordattentate.

• Das Feindbild aktiviert: Wir gehen auf die Straße demonstrieren, versenden Rundmails, gründen Pro-Gaza-Gruppen auf Facebook und Studivz und machen unserem Zorn Luft…, aber was dann? Spätestens zwei bis drei Wochen später nehmen wir unser geregeltes Leben wieder auf, aber die Menschen in Palästina und Israel können dies nicht. Für sie ist der Nahost-Konflikt Alltag.

Laßt uns die Feindbilder auf beiden Seiten einreißen

Was wünschen wir uns für die Menschen in Palästina? Wie lange sollen ganze Generationen von Palästinensern unter den Bedingungen einer willkürlichen Besatzungsmacht aufwachsen und leben? Frieden und Sicherheit für die Palästinenser muss aber zugleich Frieden und Sicherheit für die Israelis bedeuten. Hierzu kann jeder Jude und jeder Muslim einen Teil beitragen. Der Theologe Hans Küng hat es deutlich formuliert: Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen. Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen. Kein Dialog zwischen den Religionen ohne Grundlagenforschung in den Religionen.

Dies bedeutet eine enorme Kraftanstrengung von Muslimen und Juden: (1) Beide Seiten müssen sich vom vorherrschenden unseligen Kollektivdenken befreien. Es gibt nicht die Juden, ebenso wenig wie es die Muslime gibt. Das Judentum und der Islam sind keine monolithischen Gebilde.

(2) Beide Seiten müssen das Wir-Die-Denken aufgeben. Was uns über alle Religionen eint ist unser Menschsein. Jeder Mensch verfügt über eine Würde, die bereits mit seiner Existenz gegeben ist. Sie ist nicht Gegenstand einer Zuerkennung, sondern einer Anerkennung.

(3) Wir müssen anerkennen, dass beiden Seiten Leid widerfahren ist. Die Schoah und die Naqba haben Juden wie Palästinenser tief geprägt.

(4) Beide Seiten sollten sich auf ihren gemeinsamen Ursprung besinnen. Juden und Muslime glauben gemeinsam an denselben einen Gott, den Gott Abrahams, Ismaels und Isaaks. Dieser Glaube befreite sie aus der Knechtschaft des Polytheismus und machte sie zu einer Gemeinschaft der Gleichen unter Gott und damit zu freien Menschen unter Gott. Juden und Muslime bilden jeweils theozentrische Gemeinschaften. Gemeinsam bilden sie eine abrahamitische, gottgläubige Gemeinschaft.

(5) Beide Seiten müssen sich an die Zeit vor dem Nahost-Konflikt erinnern. Es gab niemals eine „ewige Feindschaft“ zwischen Juden und Muslimen, wie uns Extremisten auf beiden Seiten dies glauben machen wollen. Die Juden sahen seit jeher die Muslime, mit Verweis auf den Bund Noahs, als Fromme unter den Weltvölkern an, die ihren Platz in der göttlichen Weltordnung haben, auch wenn sie keine Juden sind. Die Muslime betrachteten die Juden stets als Leute der Schrift, die unter Schutz der Muslime standen. In der Geschichte des Islam haben Juden zehn Jahrhunderte lang unter islamischer Herrschaft gelebt. Auch in dieser Geschichte gab es Diskriminierung, aber es gibt keine Parallelen zu den Verfolgungen und den Pogromen in Europa oder dem Holocaust. Im Gegenteil, wer sich in die Geschichte der Juden und der Muslime vertieft, findet eine Geschichte der gegenseitigen intellektuellen Befruchtung vor.

(6) In beiden Religionen ist Gerechtigkeit zentral. Für Juden und Muslime ist Gerechtigkeit kein abstrakter Begriff, sondern ein Verhaltensbegriff. Gerechtigkeit ist etwas, dass realistisch durch Tun erreicht werden kann. Dies eröffnet den Weg, völker- und religionsübergreifend nach einem gemeinsamen Ethos zu suchen, um dem Frieden einen Schritt näher zu kommen.

Es ist schon verwunderlich, dass es nach dem Gaza-Krieg nicht zu einer Zusammenarbeit von Juden und Muslimen gekommen ist. Initiativen wie die Stiftung Weltethos (http://www.weltethos.org), JuMuDia (Jüdisch-Muslimischer Dialog; http://jumudia.wordpress.com), das Projekt „Gemeinsames Kernethos von Judentum und Islam“ des Arbeitskreises Eine Menschheit (www.eine-menschheit.de) oder die Bemühungen des Vereins Jung und Jüdisch (http://www.jungundjuedisch.de/) für einen Dialog zwischen Juden und Muslimen bleiben exotisch.

Was bleibt von dieser Krise? Kehren wir nach ein paar Wochen Wut zu unserem Alltag zurück oder beginnen wir produktiv für den Frieden zu arbeiten? Dies wäre wahrhaft gelebte Solidarität mit den Palästinensern. Gelingen kann dies nur, wenn Juden und Muslime Kooperationsgemeinschaften gründen oder bereits bestehende Friedensprojekte unterstützen. Es gilt das Motto: Lokal handeln, global denken. Kooperationsgemeinschaften sind globale Akteure, denn sie setzen grenzüberschreitend Zeichen für den Frieden. Wie erfolgreich diese Bemühungen sein werden, wird die Zeit zeigen. Doch eines ist jetzt schon klar, wo miteinander gesprochen wird, schweigen die Waffen, wo nach dem Gemeinsamen gesucht wird, da wird nicht ausgeschlossen, wer Dialog führt, der beweist die Stärke, den Dialog auszuhalten.

Muhammad Sameer Murtaza ist Islamwissenschaftler, Mitbegründer des Arbeitskreises Eine Menschheit und externer Mitarbeiter der Stiftung Weltethos. Mit der Vortragsreihe „Gemeinsames Kernethos von Judentum und Islam“ setzt er sich für ein besseres Verständnis zwischen den beiden Religionen ein.

absender der email ist http://eine-menschheit.de/

(ich denke, diese mail beantwortet einige diskussionen die zu meinen anderen beiträgen gerade stattfinden. um dem grundtenor dieses beitrages nachzukommen, möchte ich vorerst die diskussionen nicht fortführen. ich brauche zeit zum nachdenken.)

Identitaetswirrwarr

oder wer bin ich eigentlich.

diese und andere überschriften gingen mir seit tagen durch den kopf, wann immer ich daran dachte, meinen dritten bericht zur tagung in zypern zu schreiben. gemein mit den beiden vorherigen artikeln ist auch in diesem artikel eine wesentliche fragestellung, die nach der identität. doch in diesem fall möchte ich die den scheinwerfer auf die jüdischen teilnehmer richten.

dass auch mein dritter bericht wieder die frage der identität beleuchtet, zeigt mir, dass diese frage tatsächlich der hauptmotor in sämtlichen gruppendynamischen entwicklungen zu sein scheint. die notwendigkeit, die eigene identität zwischen allen stühlen endlich zu festigen bzw. zu errichten hat viele palästinensiche teilnehmer als dominant auf der konferenz erscheinen lassen. fast aggressiv empfanden viele, mich eingeschlossen die immer währenden fragen, aufforderungen und beiträge nach anerkennung der situation in der westbank und den flüchtlingslagern. das fast flehentliche verlangen nach anerkennung des schmerzes war keine gespielte propaganda und doch stieß sie auf eine wand von schmerzen auf jüdischer seite, da der konflikt um das land nun mal seine ganz realen auswirkungen auch auf die jüdische bevölkerung in israel hat und vergleichbar einzigartig jedes einzelne individuum trifft.

in den vergangenen konferenzen gab es auf der einen seite „die deutschen“ und auf der anderen seite „die juden“. deutsch-jüdische teilnehmerInnen gab es nach berichten eher selten. das rollenbild schien mir aus den berichten, die mir zugetragen wurden, recht einfach in opfer und täter aufgeteilt zu sein. an dieser schwarz-weiss-zeichnung konnte dann wunderbar gearbeitet werden und wie ich schon berichtet habe, an diesem bild muss auch noch gearbeitet werden. bedarf ist da und einige jüdische und deutsche teilnehmer sind genau aus diesem grund zur konferenz gefahren.

durch die erweiterung der konferenz war die rolle der jüdischen teilnehmer komplett aus der schwarz-weißen welt katapultiert worden. opfer, täter, verteidiger, angreifer – sämtliche schattierungen in der tagtäglichen auseinandersetzung mit der realen welt fanden nun auch einzug in den mikrokosmos von zypern. die frau, deren eltern auschwitz überlebt hatten und die plötzlich einer tochter eines ns soldaten gegenüber stand, der in der region „gedient“ hatte, aus der ihre eltern stammen, musste sich mit den anschuldigungen auseinander setzen, dass sie nun in einem dorf in israel lebt, das zuvor eine arabische siedlung beherbergte. der amerikanische jude, der noch nie in deutschland war und in seinen träumen den gleichschritt deutscher sa-truppen entsprechend der erzählungen seiner eltern hört, ertappte sich dabei, wie er immer mehr in die rolle eines verteidigers israelischer politik gedrängt wurde, obwohl es nicht die eigene ist. (symbolhafte beispiele).

israel, dass für viele juden der diaspora der inbegriff eines sicherheitsnetzes darstellt, ist für einige palästinenser genau das gegenteil. das zu hören schmerzt, vor allem weil es das – zugegeben nicht der realität entsprechende, romantisierte – bild von einer sicheren heimat, einem mutterschoß erschüttert. ich denke, dass einige, mich eingeschlossen, auf diese deutlichen worte nicht eingestellt waren. das soll nicht bedeuten, dass ich realitätsfremd bin und mich noch nie mit der situation der palästinenser auseinander gesetzt habe, jedoch war ich in diesem augenblick nicht darauf vorbereitet und hatte im warsten sinne der worte eine offene flanke.

an dieser stelle möchte ich betonen, dass ein vergleich zwischen den verbrechen der nazis mit der politischen situation in israel und palästina nicht angestrebt werden soll. dies ist nicht zulässig und für mich auch undenkbar. wenn wir beides vergleichen und gleichsetzen würden, können wir keinem gerecht werden. vergleichbar ist aber, dass wir uns beidem stellen müssen. die shoa kann kein „totschläger“ sein, um sämtliche fragen hinsichtlich der aktuellen politischen lage um und in bezug auf israel zu umgehen und umgekehrt, darf die frage der palästinenser und deren zukunft nicht missbraucht werden, um die shoah zu relativieren. es beraubt vor allem die opfer ihrer menschlichkeit.

so wenig homogen die anderen gruppen auf der konferenz waren, so war es natürlich auch nicht die gruppe der jüdischen teilnehmer. wir wenigen jüdisch-deutschen teilnehmer zb. mussten uns den immerwährenden fragen stellen, warum wir in deutschland leben, warum juden aus russland lieber nach deutschland gehen. amerikanische juden mussten stellung zur politik von busch nehmen und religiöse und nicht religiöse juden hatten genügen gesprächsstoff über das fleisch auf dem buffet. …

eine woche nach der konferenz erhalte ich immer noch viele emails von teilnehmerInnen, persönlich an mich gerichtet oder in form einer rundmail. die auseinandersetzungen die wir hatten weichen einem verklärten „wir haben uns alle lieb“. das ist ein wenig schade, den damit verliert die konferenz an bedeutung und ausstrahlungskraft, die sie auf mich ausgeübt hat. vielleicht ist dies aber die abschließende lehre, die ich in bezug auf gruppendynamiken ziehen kann. am ende ist mehr schein als sein und jeder spielt eine rolle, die in den seltensten fällen mit der wahren identität in übereinstimmung steht. die frage nach dem „wer bin ich“ steht vorher fest und ist nachher genauso unerschüttert, nur der gruppenzwang bringt alle dazu, sich mal kurzfristig aus den eigenen vier wänden zu begeben und eine rolle zu spielen. na dann, auf zum nächsten ringelpietz …

Loyalitaet

jetzt bin ich wieder in berlin zurück und versuche das erlebte der letzten woche in worte zu fassen. es ist schwieriger, als ich dachte, bin ich doch in der letzten woche durch ein ganzen wald voller eindrücke, gefühle und gedanken gerannt. schwarz und weiße eindrücke, die sich leicht zu papier bringen lassen, sind – wie so oft – kaum vorhanden und stellen damit das problem der ganzen konferenz in wenigen worten dar.

ich wage mich aber dennoch daran, auch wenn vieles untergehen wird, einiges nicht nachvollziehbar scheint und für euch, die ihr nicht an der konferenz teilgenommen habt, unverständlich bleibt.

bei der konferenz handelte es sich um die 6. folgekonferenz in einer serie von „group-relations“-konferenzen, die nach der „tavistock“-methode (?) aufgesetzt wurden. als nicht psychologe ist mir bis zum ende nicht ganz bewusst geworden, wie nun diese methode im detail aussieht, aber der zweck scheint mir, in einem geschlossenem system gruppendynamische entwicklungen zu erkennen und zu erforschen. dabei liegt die kompetenz nicht bei personen außerhalb, die eine gruppe und ihre entwicklungen beobachtet, sondern bei jedem teilnehmer selbst. jeder ist beobachter und studienobjekt in gleicher weise und kann beobachtungen in die auswertung einbringen. es gibt zwar eine subgruppe, das „staff“, welches die konferenz führt und für konsultationen der anderen subgruppen zur verfügung steht, es bleibt aber teil der gesamtkonferenz und ist teil der untersuchungen. Mehr lesen